Deutschlands nördlichster Harley-Händler (Archivversion) Land in Sicht

Wie das Land, so die Harley-Treiber. Händler Rainer Christiansen und seine werte Sylter Kundschaft zeigen den Festlandsratten, wo der Harley-Bartel den Most, pardon: Champagner holt.

Von Sylt tropft eher der Regen ab als die Sonne. Macht aber nix, denn die Selbstdarsteller sind auf diesen paar Quadratkilometern so zahlreich, daß sie sich gegenseitig in der eignen Sonne erstrahlen lassen können. Die Jeunesse blasée hängt standesgemäß in Kampen an der Whiskey-Meile herum, um sich für zwei Zentiliter Bier fünf bis zehn Märker oder für einen Pott Kaffee deren acht aus den Rippen ziehen zu lassen. Geld spielt auf Sylt keine Rolle. Es sei denn, man hat keins und ist mit dem »Gute-Nacht-Ticket« der Bahn auf die Insel gerollt. Dann schreien die jungblasierten neureichen Heinis auf, weil ihr El Dorado Gefahr läuft, von bratwurstfressenden Rotten übervölkert zu werden. »Früher war das alles ganz anders«, salbadern graugefönte Laberköpfe schier allerorten. Früher, als die wirkliche Hautevolee in Kampen die Schampuskorken knallen ließ. Heute herrscht fast schon Ballermann-Niveau, freilich mit zwei klitzekleinen Unterschieden: mehr gebündeltes Bares in den Hosentaschen und edleres Gesöff. Edle Biker gibt es auch reichlich auf der Insel. Knapp 0,7 Prozent der 22 000 fest Ansässigen fahren Harley. Ein gut Teil sind berolexte Existenzen aus verschiedenen deutschen Rotlichtvierteln, andere so eine Art Direktor aus den Redaktions- und Werbeagentursstuben der Hansestadt mit dem Doppel-H. Wieder andere entpuppen sich als Funfreaks - gestandene Männer und Frauen mit dem Spaß an der etwas teureren Art des Zweiradfahrens. »Bei denen ist das Gummiband so weit aufgedreht, daß sie gar nicht anders können, als mit einer Harley rumzufahren.« Rainer Christiansen weiß, wovon er spricht. In seiner Funktion als nördlichster Harley-Händler Deutschlands steht es dem kleinen Friesen schließlich zu, über seine Klientel ein Urteil zu fällen. Etwa über Erhard G. Der kam auf der Suche nach einem standesgemäßen Fahrrad in die heiligen Harley-Hallen. Hätte er dort auch kriegen können, denn vom Verscherbeln edelsten amerikanischen Schwermetalls kann man selbst auf Sylt nicht leben. »Vier Tage ist er hier am Kaffeetresen gesessen und dann mit einer Harley in unserem Transporter gen Bremen gedüst. Mehr als 30 Jahre hat er nicht auf einem Bock gesessen, aber nach ein paar Trainingsrunden mit einer E-Glide auf dem Flughafen war er wieder Feuer und Flamme«, klärt Rainer blitzenden Auges den Tatbestand des aufgezogenen Gummibandes auf. Bei ihm selbst ging’s los, als er den 13er Schlüssel festhalten konnte. »Mein Vater ist über 30 Jahre Motorradrennen gefahren. Ich bin quasi im Fahrerlager groß geworden.« Zur Rennerei zog’s ihn nicht, aber zum Bike um so mehr. Er entwickelte sich zum notorischen Frühschrauber, setzte aus allen möglichen britischen Motorrädern etwas Neues zusammen, bastelte und kasperte herum, bis es zur ersten 750er Bonneville reichte. »Die hat damals schon 4600 Mark gekostet. Ich habe sie mir vom Munde abgespart, weil ich von meinen Eltern nichts zu erwarten hatte.« Von seinem Arbeitgeber ebenfalls nicht, denn als Rainer mit seinem Donnerbolzen nach Frankreich düsen wollte, setzte der ihm die Pistole auf die Brust. »Wenn du fährst, ist das dein letzter Arbeitstag.« Rainer fuhr. Wer, wie Rainer, die Brocken hinwirft, »weil mein Gummiband bis zum Zerreißen aufgezogen ist«, muß zusehen, wie er Land unter die Füße kriegt. Da der Grund für seine Halsstarrigkeit eindeutig zweirädrig war, fing er bescheiden in einem Vier-auf-fünf-Meter-Laden an, baute auseinander, baute auf und erfüllte alle Kundenwünsche, die irgendwie etwas mit BSA, Triumph oder Norton zu tun hatten. Aber sein Gummiband drehte sich weiter. Rainer wollte unbedingt Harley-Händler werden. Acht Jahre hat er daran geschraubt, während Papa Christiansen ihm half, seinen Laden zu schmeißen. Am 14. Juni 1995 war es endlich soweit. »Die in Milwaukee wollten es anfangs nicht wahrhaben, daß es auf einer Insel mit 22 000 Einwohnern einen Harley-Stützpunkt geben muß. Als aber während meiner Zeit als Unterhändler von Harley-Berlin jährlich etwa 30 Garantien aus Sylt eintrafen, müssen sie’s wohl doch geglaubt haben«, sagt Rainer trocken. Seither zieht der Deal mit dem Dealer sein Gummiband auf. Jörg Otto, ein Berliner, der »alles gehabt hat, was man im Leben so braucht«, bis auf Sylt eben, ist munter werkend zu Rainer gestoßen. Und Christiansen senior ist, selbstverständlich, immer noch dabei. »Wir machen fast alles für unsere Kunden«, erklärt Jörg. So haben sie dem Doc, der nicht nur Arzt, sondern auch der beste Motoranalytiker ist, ein »Karley-Davidson« auf den Tank gezaubert. Ansonsten treiben die Sylter mit Harley keine Scherze. Dafür ist die Chose viel zu ernst: »Bei uns gibt es nur Harley-Originalzubehör.« Das wird dann in den grausigen Wintermonaten mit so viel Liebe ans Moped gebaut, daß gestandene Kerls beim Anblick der Maschinen feuchte Augen kriegen. Oder sie hechten wie kleine Kinder über den Tresen, um die ihres Einbaus harrende Felge gar innig zu liebkosen. Was diese Schönheitsoperationen kosten? Egal. Bei Hobbys labert man eh nicht über Kohle. Nur über einen Verein wird gesprochen. Der heißt Harley Owners Group, abgekürzt H.O.G. - Chapter Sylt, hat einen Präsidenten, einen Road Captain und noch viele andere wichtige Personen mehr. In dieser exklusiven Assoziation mit dem wunderschönen Zusatznamen »Dickfell Angels« fühlt sich die Sylter Harley-Gemeinde pudelwohl. Sogar, wenn sie pudelnaß wird. Sie sind eben keine Sonntagsfahrer, sondern betrachten den Guß von oben als eine besondere Art der Luftfeuchtigkeit. »Es ist nur Wasser, und das meiste geht daneben« könnte ihr Slogan sein. Wenn sie, was auch schon vorgekommen sein soll, dann doch überhaupt keinen Bock mehr auf Regen haben, dann packen sie Sack und Bock und cruisen ein bißchen über die sonnigen Freeways in Florida. Neuerdings kümmert sich Rainer mit großer Liebe um ein Sondermodell. Es ist neun Kilo leicht, läuft mit Saft und hört auf den kernigen Namen Max. Ob es nach der Vmax auch noch eine Harley Max geben wird, steht für Rainer noch nicht fest. Vielleicht aber schon bald einen 13er.

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