Dichtung und Wahrheit (Archivversion) Dichtung und Wahrheit

Alle Jahre wieder: Wenn der Frühling ins Land zieht und Motorradfahrer vermehrt ihrem Hobby frönen, dann schießen Schlagzeilen à la »Jetzt rasen sie wieder« ins Kraut. Vorneweg diesmal eine größere Autozeitung. Motorradfahrer (»Sie sind wahnsinnig schnell, irre laut und manchmal ganz schön verrückt«) werden dort nicht nur als potentielle Selbstmörder diffamiert, sondern auch noch zum Schrecken der Autolenker gemacht: »Wenn ein Zweirad-Pulk im Rückspiegel auftaucht, dann wirkt er bedrohlich wie ein Hornissenschwarm.« Die nachzulesende Behauptung, Motorradfahrer dürften sich an Staus vorbeischlängeln, ist dabei ebenso falsch wie die Kunde, Stürze mit PS-starken Maschinen seien meist tödlich. Die Mehrzahl der Motorradfahrer erleiden schwere Schäden an Leib und Leben nach wie vor bei Kollisionen mit Personenautos und Lkw - und in rund zwei Dritteln aller (Un-)Fälle trifft die Damen und Herren hinter den Lenkrädern die Schuld. Wie die Allianz-Unfallforschung ermittelte, machen Unfalltypen wie Abbiegen von Autos mit Motorrad im Gegenverkehr oder beim Überholen des Autos, Vorfahrtsverletzungen und Kreuzungsunfälle über 70 Prozent dieser Begegnungen mit den fatalsten Folgen aus.Ein Aufruf an die Automobilisten zu mehr Umsicht, Vorsicht und Rücksicht wäre also allemal besser gewesen. Eine seriöse Aufklärung über das Beschleunigungsvermögen von Motorrädern und Zweirad-Probleme beim Bremsen und Ausweichen hätte der Verkehrssicherheit und -partnerschaft mehr gedient und statt Kollegenschelte sicher Lob gebracht.Damit wir Freunde der Einspurfahrzeuge uns aber ganz richtig verstehen: Die Tatsache, daß nach der vorläufigenen Unfallbilanz für 1997 auch die Zahlen der ersten drei Monate im Motorradbereich alles andere als erfreulich sind, läßt sich nicht leugnen. Sollte diese Trendwende nach vielen Jahren sinkender Zahlen anhalten, wird die Diskussion über Gefahren ausführlicher sein als die Forschung nach Ursachen und Verursachern. Wir Motorradfahrer sollten deshalb nicht nur zum Schutz der eigenen Gesundheit um unsere fehlende Knautschzone, die schmale Silhouette und die Fährnisse des Übersehens und Unterschätzwerdens nicht nur wissen - wir sollten auf öffentlichen Straßen alle so fahren, daß wir selbst bei Fehlern anderer eine Chance haben. Wer vorausschauend und defensiv für langweilig hält, der sollte sein Motorrad zum puren Sportgerät erklären und sich auf abgesperrten Strecken im Rennsport messen. Dort kommt ihm wenigstens kein Auto in die Quere.Allen eine unfallfreie Saison wünscht

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote