Die Insel

Die Tourist Trophy ist das eine, das Eiland das andere. Dass beide irgendetwas miteinander zu tun haben könnten, sieht man der Insel überhaupt nicht an, den Rennen dagegen sehr wohl. Was letztlich beide einzigartig macht.

Foto: Jahn
Wen der Zauber packt, den lässt er selten wieder los. Einmal TT, immer TT – so beschreiben es viele, die seit Jahren dabei sind. Und zwar egal, ob sie als Fahrer kommen oder als Zuschauer. Auch die aufwendige Anreise mit zwei Fährfahrten kann nicht abschrecken, ebenso wenig die hohen Kosten vor Ort.

Die Isle of Man macht süchtig. Wer niemals da war, wird das nicht verstehen. Schüttelt den Kopf über tote Rennfahrer und Möchtegern-Racer, die am „Mad Sunday“ Kopf und Kragen riskieren. Diese Dinge bestimmen die Schlagzeilen. Von stillen Alleen, gemütlichen Kneipen, fabelhaften Menschen und herrlichen Landschaften ist dort selten die Rede.
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Noch viel schwieriger ist diese besondere Spannung zu fassen, die das Publikum ergreift, wenn hochgezüchtete Renner mit aberwitzigem Tempo im Zentimeterabstand durch schmale Dorfstraßen getrieben werden. Die Anspannung der Fahrer in dieser Situation lässt sich nicht einmal erahnen. Gerade deshalb ist es jeden Versuch wert, die ganz eigene, dicht gewobene Atmosphäre der TT zu beschreiben.

Zum 100. Geburtstag allemal, denn es gibt kaum einen Platz auf der Welt, wo sich das Motorrad so intensiv erleben lässt wie auf der kleinen Insel in der Irischen See. Die Tourist Trophy ohne Isle of Man – das ist mindestens so unmöglich wie die Nordschleife ohne Eifel. Denn dieses 588 Quadratkilometer große Fleckchen Erde ist nicht nur Schauplatz. Die Man ist Hauptdarsteller. Ihre Landstraßen geben die Rennstrecke, Schafweiden die Kiesbetten und die Schiefermauern Airfences. Die Start-Ziel-Gerade ist vor und nach dem Rennen Durchgangsstraße, und vom Gooseneck, der berühmt-berüchtigten Rechtskurve auf dem Weg in die Berge, genießt man normalerweise in aller Ruhe den herrlichen Blick auf das Meer. Es ist eine spannende Kombination. Weil das verrückteste, gefährlichste Motorradrennen der Welt eingerahmt wird von der gelassensten, heitersten Atmosphäre, die man sich vorstellen kann.

„Traa-dy-liooar“ sagen die Manxmen in Manx Gaelic; bei den englischen Neubürgern, die mittlerweile in der Mehrheit sind und von den Manx als „Come over“ oder „Stop over“ bezeichnet werden, heißt es „take your time“. Man hat alle Zeit der Welt. Umso absurder erscheint es, wenn sich die Stimme von Haupt-Streckensprecher Charley Lamberts vor Begeisterung schier überschlägt, weil TT-Held John McGuinness passend zum 100. Geburtstag bei der Senior-TT den magischen 130er-Schnitt knackt. In Meilen wohlgemerkt, was exakt 205,8 km/h entspricht. Herausgefahren auf teilweise richtig schlechten Landstraßen, mit fiesen Kurven und wenigstens drei ernst zu nehmenden Ortsdurchfahrten. Das ist die eine, laute, abenteuerliche Seite der Insel.
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Die andere liegt oft keine zwei Minuten von der Strecke entfernt. Dort, wo das satte Grün der Bäume kleine Straßen zu verwunschenen Alleen macht, die in pittoreske Orte führen, wo die Zeit scheinbar stillsteht. Oder wo die Fischerboote wegen des gewaltigen Tidenhubs auf dem Trockenen sitzen und die nächste Flut abwarten. Und freilich auch dort, wo Tausende von Lämmern auf riesigen Weiden hinter ihren Muttertieren hertoben. Das ist die ruhige Seite. Wie um alles in der Welt kam die Tourist Trophy ausgerechnet hierher, schießt es einem durch den Kopf. Und wie überlebte ein Motorradrennen in diesem Idyll 100 Jahre?

Die erste Frage ist schnell beantwortet. In England herrschte 1907 ein generelles Tempolimit von 20 Meilen pro Stunde (30 km/h). Auf der Isle of Man nicht (und es gibt außerhalb der Ortschaften heute noch keines). Bei der zweiten wird es schwieriger. Vermutlich ist es die Kombination aus englischer Achtung für die Sportsmen, die zusammen mit der anglophilen Vorliebe für Rekorde und der Offenheit für Herausforderungen aller Art dafür sorgte, dass die Tourist Trophy bis heute Bestand hat.

Denn genau das Atemberaubende der Unternehmung ist es, was nicht nur die Gäste, sondern auch die Einheimischen an die Strecke treibt. Die „Manx“ lieben ihre „TT“. Auch nach 100 Jahren noch. Daher ist die TT-Zeit auch für sie eine Ausnahmezeit. Besonders natürlich für alle, die gastronomisch tätig sind. Und ganz besonders zum 100. Geburtstag. Rund 20000 Motorräder und zirka 50000 Besucher kamen zum Jubiläum, ungefähr doppelt so viel wie sonst. Und es hätten weit mehr sein können, wären die Fährkapazitäten größer gewesen. Schon zur Jahreswende war praktisch alles ausgebucht.

In Anbetracht dieses Ansturms, der speziell die TT-Strecke mitunter hoffnungslos überfüllte und Mountain-Course-Füchse auf den ganz frühen Morgen ausweichen ließ, ist eines ganz bemerkenswert: die Gelassenheit und Freundlichkeit der Marshalls und Polizisten, der Bedienungen und des Kassenpersonals. Was ein weiterer Grund ist, warum man gerne zur Isle of Man reist. Hilfreich bei dieser freundlichen Art des Umgangs: die Disziplin, mit der sich hier selbst der größte Rüpel in die Schlange der Wartenden einreiht und auf Bier und Burger wartet. Eine Tugend, von der man sich jedes Mal aufs Neue wünscht, dass sie der Kontinent doch übernehmen möge.

Angesicht von so viel Schönheit, Freundlichkeit und Heiterkeit, die einen auf dieser Insel empfängt, angesichts der Gelassenheit während der Rennen und der fröhlichen Partystimmung am Abend bliebe noch die Frage zu klären, woher der schlechte Ruf stammt. Die Antwort dazu liegt auf der Hand. Während der TT sterben jedes Jahr Menschen. Beim Rennen, häufig auch davor und danach auf der für jedermann befahrbaren Strecke. Wie man damit umgeht, muss letztlich jeder für sich entscheiden. Daran, dass sich die Faszination Motorrad während der TT auf dieser Insel so hautnah, so prickelnd und auch so kultiviert wie sonst nirgendwo erleben lässt, ändert das nichts. Die nächste Tourist Trophy: 24. Mai bis 6. Juni 2008.

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