Die Menschen (Archivversion) Treffpunkt TT

So sehr die Isle of Man und die Rennen begeistern: Es sind immer auch die Menschen, die eine Geschichte prägen. Das gilt auch für diese.

Auf die Frage nach seinem Lieblingsfahrer kommt die Antwort von Konrad Ammenhäuser alias Wheelie-Konni sofort. »Ganz klar, der Joey Dunlop«, sagt er, der praktisch alle Fahrer kennt, ohne eine Sekunden nachzudenken. »Der war einfach einmalig.« Den größten TT-Fahrer aller Zeiten habe er kurioserweise aber nicht bei der TT kennen gelernt, sondern beim Steam Packet Race in Castletown. »Das war ein ganz ruhiger Kerl. Damals saß er vor seinem Zelt über einem Haufen Kupplungsteile, wie immer eine Kippe im Mundwinkel. Da habe ich ihm einfach mal ein bisschen geholfen.«
Seit dieser Zeit traf Wheelie-Konni, wie ihn viele daheim und alle auf der Isle of Man nennen, Joey Dunlop jedes Jahr. Auf ein der zwei Pint Guinness. »Das war ein ganz großer Motorradfahrer, aber auch ein ganz zurückhaltender Mensch, der beinahe froh war, wenn man ihn ansprach. Die Leute haben sich nur nicht getraut.«
In dieser Hinsicht ist Wheelie-Konni grundsätzlich anders veranlagt. »Das ist ja das Schöne. Hier sind alle freundlich. Man kann auf die Menschen zugehen, kommt schnell ins Gespräch. Auch mit den Fahrern ist das gar kein Problem. Erst recht nicht in diesem Jahr, wo das Fahrerlager erstmals für jedermann zugänglich ist.«
Für Wheelie-Konni stand es schon seit Jahren offen. Sein Ausweis: Die 25 Jahre alte FLM-Kombi, die er seit 1988 bei jedem Besuch trägt und während der TT praktisch nur zum Schlafen ablegt. Was man ihr ­­ein wenig ansieht. Vor allem aber ist un-übersehbar, wie viele Tourist Trophies sie schon erlebt hat. Aufnäher reiht sich an Aufnäher, Anstecker an Anstecker, Unterschrift an Unterschrift. Alle Großen, die er traf, haben sich auf ihr verewigt. »Ein Ire hat mir 5000 Pfund für die Kombi geboten, und das Museum auf der Isle of Man wollte sie ebenfalls haben.« Konni lacht. »Aber das kann ich nicht machen. Was soll ich dann bei der nächsten TT anziehen? Dann erkennt mich doch keiner mehr.«
Das wäre in der Tat ein Problem, denn Konni ist auf der Insel so bekannt, dass ein Polizist einst scherzhaft vor der Kultkneipe Bushy’s über Lautsprecher verkündete, die Jungs sollten sich bitte nicht betrunken aufs Motorrad setzen. Es sei denn, sie würden es wie Wheelie-Konni machen und nur im ersten Gang auf dem Hinterrad nach Hause fahren.
Dieser angenehm entspannte Umgang mit dem Thema Motorrad gefällt auch Ewald Temmen. Der 45-jährige Kriminaloberkommissar ist ebenfalls seit Jahren Stammgast auf der Man. Aber im Gegensatz zu Wheelie-Konni, der sein Geld zu Hause in Niederweimar bei Marburg als Vermögensmanager verdient, ist Temmen zusammen mit Polizeikommissarin Elke Kotthoff in offizieller Mission unterwegs. Um die zahlreichen deutschen Fans zu betreuen, sozusagen. »Das darf man jetzt nicht als Drohung verstehen.« Die beiden, normalerweise für die Polizeiinspektion Emsland tätig, lachen. Und genießen die harmonische Atmosphäre der TT. »Mit den Leuten haben wir kaum Stress. In Assen zum Beispiel, wo wir zur Dutch TT auch ab und an mal im Einsatz sind, kostet ein Wheelie 250 Euro. Hier sperren sie schon mal die Straße ab, damit die Jungs sich austoben können.«
Und auch sonst setzt die örtliche Polizei auf ungewöhnlich Methoden. »Wenn die Kollegen mal das Tempo kontrollieren, dann nicht versteckt im Unterholz, sondern ganz offen. Sogar Leuchtwesten tragen sie. Wenn sie trotzdem jemanden erwischen, fragen die richtig verzweifelt, was sie denn noch tun sollen, um aufzufallen. Und dann kann es passieren, dass sie den Schlüssel abziehen und einfach wegwerfen.« Danach, so Temmen, habe der Fahrer zwei Möglichkeiten. »Entweder, er sucht den Schlüssel alleine wieder. Oder sie helfen, aber dann gibt es eine Anzeige.« Eine andere beliebte Variante sei der »Walk of Shame«. Zu Fuß zurück zum Verkehrsschild, auf dem das Speedlimit angezeigt wird. »Das machen die Leute dann ohne Murren, und einsichtig sind sie auch.«
Ob sich angesichts solch beiderseitigen Wohlwollens nicht die Überlegung aufdränge, dies als Modellprojekt für Deutschland ins Auge zu fassen, dazu will Temmen sich nicht äußern. Er lacht.
Genau wie die gutgelaunte Christine, 63, eine echte »Manx« und stolze Besitzerin von vier Shetland Sheep Dogs. Probleme mit der TT? Bullshit! »Hier wachsen doch alle mit dem Motorsport auf«, sagt sie. »Für uns ist Rennsport purer Spaß.« Für viele Inselbewohner sei das Motorrad von Geburt an Teil ihres Lebens. Und dann fällt noch ein Satz, der nicht unerwähnt bleiben darf. »Lots of money coming in.”
Natürlich ist die TT ein wirtschaftlicher Faktor. Sogar »der« wirtschaftliche Faktor, zumindest für die Gastronomen. »Außerhalb der TT ist nicht viel los«, gibt der Inder Hassan Patel, Betreiber des Restaurants »Chillies«, offen zu. »Und die Engländer, die sonst herkommen, versaufen ihre ganze Kohle am ersten Abend und sind dann blank.« So gesehen, zwinkert er, ist es ­tragisch, dass selbst ein Stammgast wie Martin Grein kein Geld ins Haus bringe. Grein, 46, im zivilen Leben Pressesprecher des Industrie-Verbands Motorrad und für die Intermot zuständig, isst bei Hassan umsonst. Seit über 20 Jahren.
»Damals«, erzählt Grein, der zu jener Zeit aktiv am Renngeschehen (Plätze 16, 17, 19) teilnahm, »habe ich gefragt, ob das Curry auch richtig scharf sei. Und dann ­,not spicy enough‘ reklamiert.« Hassan war beleidigt und reichte ihm eine Paste. Mit der Bemerkung, wenn er das schaffen würde, hätte er für den Rest seines Lebens freie Kost. »Ich habe dann aufgegessen«, kann sich Grein noch heute über seinen Coup freuen. »Aber es war die Hölle.«
Heuer geht Grein seinem Freund Frank Spenner zur Hand. Man kennt sich aus gemeinsamen Moto-Aktiv-Zeiten. Frank, genannt »Fritz«, kam direkt von der »North­west 200« aus Irland, um bei der TT zu ­starten. Und verdingte sich, finanziell keineswegs auf Rosen gebettet, bei den TT-Vorbereitungen umgehend als Anstreicher, um den Grandstand, an dem er ein paar Tage später vorbeischießen sollte, zum Jubiläum noch mal richtig aufzumöbeln.
Es sind viele dieser netten kleinen Geschichten, die einem in den zwei TT-Wochen erzählt werden. Eine der nettesten, aber gewiss nicht die kleinste, ist die von Thomas Schönfelder und Frau Simone. Thomas hatte im vergangenen Jahr den kühnen Plan gefasst, seiner »Moni« öffentlich während der Siegerehrung einen Antrag zu machen. Doch einiges lief schief. Zunächst musste er dem Sprecher das Mikro mit körperlicher Gewalt entwenden, dann kapierte Moni im allgemeinen Trubel nicht, was er wollte. Alle anderen hatten schon verstanden, als sie endlich begriff. Geheiratet wurde dieses Jahr. Auf der Isle of Man natürlich. Zur Jubiläums-TT.

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