Die Rennen (Archivversion)

Sieg der Präzision

John McGuinnes ist der alte und neue »King of the mountains«. Unwiderstehlich trieb er seine bärenstarke Superbike-Honda um den TT-Kurs. Und vor allem ungeheuer präzise.

Man hätte eigentlich damit rechnen können. Hier, wo so vieles anders ist. Trotzdem kommt die Stille überraschend. Oder besser die Ruhe, den ganz still ist es nicht. Eine einzelne Stimme ist zu hören. Die von Charlie Lambert. Der Haupt-Streckensprecher in Douglas am Grandstand verkündet die Reihenfolge der Starter. John McGuinness ist der Favorit des Superbike-Rennens. Rund um die Ballaugh Bridge lauschen alle den letzten News aus einer blechernen Lautsprecheranlage oder haben gleich Manx-Radio im Ohr. Es sind nur noch Sekunden bis zum Start.
Doch der ist meilenweit weg. Heulende Motoren, brüllender Lärm? Fehlanzeige. Nur über Lautsprecher hört man sie drüben in Ramsey starten, einzeln, im Zehn-Sekun­den-Takt. Hier, an der Ballaugh Bridge, einer Schlüsselstelle, wo die Fahrer mehrere Meter weit springen werden, untermalen sie lediglich Lamberts Kommentar.
Bis die Übertragung aus Glen Helen zugeschaltet wird. Ein paar Meilen von Ramsey entfernt. Dort mäandert der Kurs baumumstanden ein Tal hinauf. Eine weitere der vielen Schlüsselstellen. Immer lauter wird das Motorengeräusch, selbst im knistern­den Megafon gut zu hören. Der dortige Kommentator erwartet Michael ­Rutter, der zuerst gestartet ist. Jetzt, der letzte Knick, es ist – McGuinness!!! Unglaublich, unvorstellbar, wie kann das sein? Er war erst der Dritte beim Start! Wo ist Rutter, wo ist Archibald? McGuinness »is in the lead«! That’s unbelievable!
An der Ballaugh Bridge staunt man mit. Ebenso ungläubig. Bis Archibald kommt, die Startnummer zwei. Rutter ist raus, die anderen folgen mit mehr oder weniger großem Rückstand. Lediglich Guy Martin, als Achter gestartet, kann das McGuinness-Tempo bis Glen Helen einigermaßen mitgehen. So weit der Rennverlauf. An der Ballaugh Bridge knistert es, die Spannung steigt. Wann kommt er, wie kommt er? Hält er dieses Tempo durch? Dann endlich ein Summen, ein Pfeifen. Gänge werden sortiert, Bremsen singen. Da ist er. Schwarze ­HM-Plant-Fireblade, weiße 3 auf rotem Grund. McGuinness.
Der Sprung über die Brücke, längst legendär. Er legt um, beschleunigt voll, rechts, links, verschwindet in der Mauerschlucht. Und wieder herrscht Ruhe.
Des Öfteren noch im weiteren Renn­verlauf ist die TT ein Motorradrennen ohne Motorräder. Langweilig wird es trotzdem nie. So spannend, wie in der ersten Runde, vor dem ersten Fahrer, wird es jedoch nie wieder. Auch in diesem Superbike-Lauf nicht. Der 34-jährige John McGuinness gewinnt überlegen und kontrolliert mit 26 Sekunden Vorsprung vor dem jungen, 25-jährigen Herausforderer Guy Martin. McGuinness besticht durch unglaubliche Präzision. Doch selbst ein Könner wie er kann erst sicher sein, wenn die Zielflagge fällt. Zu viel kann schiefgehen.
Weil die TT so anders ist. Von den üblichen Sprintrennen unterscheidet sie nicht nur, dass hier in erster Linie gegen die Uhr und erst dann gegen den Gegner gefahren wird. Sondern auch die Distanz entspricht mit sechs mal 60 Kilometern während der Superbike- und Senior-TT einem verkappten Langstreckenrennen. Einschließlich zweier Tankstopps und dem Wechsel der Hinterreifen, während die Superstock- und Supersportrennen über vier Runden gehen und in der Regel ohne Reifenwechsel gefahren werden.
Zumindest bei jenen Teams, die schon froh sind, wenn sie das Personal zum Tanken zusammenbekommen. Womit man mitten im deutschen Eck landet. Aussichten auf eine Top-Ten-Platzierung hatte keiner der deutschen Fahrer. Egal, ob Frank Spenner aus Kirchheim, Karsten Schmidt aus Wathlingen, Thomas Schönfelder aus Kassel, Dirk Kaletsch aus Marburg oder Manfred Vogel aus Nassenfels. Allesamt keine TT-Neulinge, allesamt hoch motiviert, aber alle auch weit entfernt von jenem Speed, der zu größeren Hoffnungen berechtigen würde.
So jedenfalls würde man es bei einem normalen Rennen betrachten. Aber nicht auf der Isle of Man. Ankommen – das ist hier die Herausforderung für alle, die nicht um den Sieg fahren können. »Ankommen« bedeutet, dass man unversehrt heim­fährt. Das ist das Wichtigste, selbst für Lang­strecken-WM-erfahrene Männer wie Spenner, Schönfelder oder Schmidt. Und noch existenzieller für Fahrer wie Vogel, der sich ganz dem »Road racing« verschrieben hat und in der irischen Meisterschaft startet.
Karsten Schmidt hat schon im Training erfahren müssen, wie wichtig ankommen ist. Seine Ducati 749 R setzte in der Kompression bei Bray Hill derart heftig mit der Ölwanne auf, dass die Ölablassschraube abriss, worauf jede Menge Schmierstoff auf dem Hinterrad zu einem fulminanten Highsider in Quarter Bridge führte. Schmidt blieb wunderbarerweise unverletzt, fuhr aber in allen Rennen sichtbar gehemmt. So, als sei ihm klar, dass er seinen Teil am Glück in diesem Jubiläumsjahr bereits restlos aufgebraucht hat.
Es ist diese fatale Nähe von Mauern und Bäumen, die demütig macht. Die Wahrscheinlichkeit, sich bei einem Sturz ernsthaft zu verletzen, steht vermutlich im umgekehrten Verhältnis zu dem, was auf herkömmlichen Rennstrecken gilt. Genaue Zahlen gibt es nicht, doch die Fantasie ist in diesem Fall gnadenlos.
Genau wie der Druck, den die verspüren, die gewinnen müssen. McGuinness hat ihn formuliert. Die Leute seien nicht mehr sicher gewesen, ob er es noch schaffen könne, nach einer klaren Niederlage gegen Steve Plater beim anderen weltbekannten Straßenrennen in Macao. Nach starken Leistungen von Rutter und Guy Martin bei den Northwest 200 in Irland. Dazu das Jubiläum. Alle Augen waren auf ihn gerichtet. Und in vielen sah er Zweifel.
John McGuinness hat diese Herausforderung angenommen. Er hat trainiert wie noch nie, zehn Kilo abgespeckt, das eine oder andere Bier stehengelassen – und ­die passende Antwort gegeben. Auf seiner Lieblingsstrecke, die er kennt wie kein anderer. Und auf der er daher mit einer ungeheuren Präzision Runde um Runde dieselbe Linie fahren kann. Flüssig, ohne Gewalt und brutale Manöver. Was neben dem Material, da sind sich alle Fachleute einig, das entscheidende Erfolgsgeheimnis bei der Tourist Trophy ist.
Von der 2000 tödlich verunglückten TT-Legende Joey Dunlop, der hier 26 Mal gewann, erzählt man sich, er sei die Strecke nachts ohne Licht abgefahren, um zu trainieren. Weniger bekannt und nicht verifiziert ist die Story, dass er einmal wegen Trunkenheit einsaß und nur zum Training und zu den Rennen entlassen wurde.
Zurück zur Gegenwart: McGuinness ge­winnt Superbike und Senior-TT (wo die 30 schnellsten jeder Klasse startberechtigt sind), stellt jeweils neue Rundenrekorde auf und knackte die 130-Meilen-Schwelle. Die Superstock-TT sichert sich der Neuseeländer Bruce Anstey auf GSX-R 1000. Die Supersport-Kategorie gewinnt Ian Hutchinson, der junge Teamkollege von John McGuinness, nach nervenaufreibendem Kampf. Worauf Mentor McGuinness um-gehend erklärt, dass es mit der Unter-stützung für den Youngster ab sofort vorbei sei. Schließlich wolle er noch lange die Nummer eins bleiben.
Derart ergebnisorientiert mag ein Seriensieger an die TT herangehen. Für alle, die hier ohnehin um die goldene Ananas fahren, zählen ganz andere Dinge. Platzierungen können nicht ausdrücken, was die Crew fühlt, wenn die Meldung vom Ausfall ihres Fahrers kommt und man zunächst nicht weiß, ob wegen Unfall oder technischen Defekts. Oder die Erleichterung der Fahrer, wenn sie »angekommen« sind. Sie können auch nicht die Hochachtung des Publikums widerspiegeln, wenn es jedem einzelnen Fahrer in der letzten Runde applaudiert. Hier ist jeder, der sich der Herausforderung stellt, ein Held.
Vielleicht am nachdrücklichsten kommt dies auf dem Deckblatt der »Roll of Honour« zum Ausdruck, in der Manxman Roy Cowin alle tödlich verunglückten Fahrer seit 1911 und den Unglücksort auflistet.
»Let us now remember with pride und gratitude those gallant sportsmen who, in the past, came to this island and honoured us with their friendship; who by their skill, daring and great good sportsmanship in the face of difficulties, helped to raise the prestige of the racing-motor-cyclist to its present supremacy...“
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Interview mit Manfred Amelang (emeritierter Psychologie-Professor) (Archivversion) - »Sie leben ihren Traum“

Wie kommt es, dass die Road-Racing-Szene hier und in Irland blüht, während der Rest der Welt auf Rundkursen fährt?
Zunächst einmal ist die Antwort ganz einfach. Dort gibt es keine Rennstrecken. Wo sonst soll man in Irland Rennen fahren? Aber mal im Ernst: Natürlich spielt auch die enge Bindung der Briten zur Tradition eine Rolle. Sie pflegen ihre Bräuche, sie beschwören immer wieder ihre Mythen – und dazu gehört auch Road Racing.
Was macht einen guten TT-Fahrer aus?
Also, das Wichtigste ist Streckenkenntnis (lacht).Jede Runde ist wichtig. Der Rest ist eine eigentümliche Mischung aus Unerschrockenheit, Selbstdisziplin und absoluter Präzision. Man darf hier eben nicht ein einziges Mal überspannen, trotz allen Drucks. Sarkastisch ausgedrückt: Wenn die Fahrer überleben, werden sie jedes Jahr besser.
Sind dann alle, die hier starten, verrückt?
Nein, keineswegs. Eine Herausforderung bestehen – das ist ein ganz großer Moment für einen Menschen. Warum sollte sonst irgendjemand auf den Mount Everest klettern? Sie wissen doch: No risk, no fun. Dazu kommt, dass die TT-Gewinner in die Hall of Fame einziehen. In den Siebzigern wog ein TT-Sieg mehr als eine Welt-meisterschaft.
Und die Zuschauer? Ist es Sensationslust, die sie auf die Insel treibt?
Nein, ganz bestimmt nicht. Die Gefahr ist hier doch ganz irreal. Stürze erleben sie nur mit, wenn sie gerade direkt an der Stelle stehen. Sonst hören sie es abends bestenfalls in den Meldungen.
Nun, was ist es, was die Leute hertreibt?
Natürlich die Rennen, die Atmosphäre, unter Sei-nesgleichen sein. Aber die Leute machen hier auch Urlaub. Man ist ganz weit weg von zu Hause – allein wegen der Fährfahrten, zwei mal über See. Es gab mal Überlegungen, die Menschen und Motorräder einzufliegen. Wurde nichts – mangelnde Nachfrage.

Kommentar von Stefan Kaschel (Archivversion)

Stefan Kaschel über tödliche Unfälle bei der TT
Eine entscheidende Passage fehlt im Rennbericht. Nämlich folgende: In der letzten Runde der Senior-TT verunglückte bei Mile­stone 26 der TT-Rookie Mark Ramsbotham tödlich. Bei diesem Unfall wurden auch zwei Zuschauer tödlich verletzt, zwei weitere schwer.
Die TT wird ihre Toten nicht los. Doch so tragisch dieser Unfall ist, zumal auch Zuschauer betroffen waren: Dieses Risiko gehört zu diesem Sport. Die Fahrer, die dort starten, wissen das. Ebenso wie Berg­steiger, die einen Achttausender angehen. Und auch die Zuschauer müssen sich im Klaren sein, was sie tun, wenn sie sich keine zwei Meter von der Straße entfernt postieren. Sie bekommen Motorsport hautnah geboten – aber nicht ohne Risiko.
Genau das jedoch gehört zum Kick. Für Fahrer wie für Fans. Wer das unvernünftig findet, muss weder hingehen noch hinschauen. »They did, what they wanted to do”, so sieht man das auf der Man. Und hält es im Übrigen wie Roy Cowins mit seiner Widmung.

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