Die Szene in Ungarn (Archivversion)

Was ist das für eine Motorradszene, die Custom Bike Builder hervorbringt, die bei einer Europameisterschaft abräumen? Oder aus der ein Gabor Talmácsi stammt, der die 125er-Straßenweltmeisterschaft anführt? Kurz: eine kleine, die scharf ist wie Paprika. Motorradfahren liegt im Donauland voll im Trend, und die Ungarn – für ihr sprudelndes Temperament bekannt – haben dabei radikale Vorlieben entwickelt: Streetfighter und Stuntriding, Dragracing und Custom Bike Building.
In 18 Jahren seit der Wende gewachsen, ist der Motorradmarkt Ungarns immer wieder als Wirtschaftswunder dargestellt worden, das 2004 seinen Zenit erreichte, als gegenüber dem Vorjahr sensationelle 65 Prozent mehr Neumaschinen verkauft wurden. Doch mit 20 708 Neuzulassungen 2006 ist dieser Markt klein im Vergleich zu Deutschland und Italien. Gemessen an zehn Millionen Einwohnern und Einkommensverhältnissen, die nach wie vor unter der Hälfte des westlichen EU-Durchschnitts liegen, ist diese Zahl trotzdem erstaunlich.

Nach der Wende, als der Gesamtmarkt gerade 100 Neumaschinen umfasste, wurden Extreme sichtbar. Ein neues Mittelklassemotorrad kostete damals vier mittlere Jahreseinkommen. Für findige Unternehmer, die sich am Schwanengesang des Sozialismus bereichert hatten, gab es keine Grenzen, und so waren unter den ersten neu verkauften Motorrädern eine ganze Menge Harleys und eine sündhaft teure Honda NR 750. Der Durchschnitts-Biker hingegen werkelte an alten MZ und noch älteren Pannonias herum. Gebrauchte Container-Ware aus Japan, Italien, USA, Belgien und Deutschland war das, wovon die meisten träumten.

Doch schon bald bildete sich eine sehr selbstbewusste Szene, in der sich extreme Neuentwicklungen aus aller Welt schnell durchsetzten. Probleme, die überall auftauchen, wo das Motorrad vom Nutzfahrzeug zum Freizeit-mobil mutiert, kommen aber noch stärker zum Tragen, weil die Masse versucht, sich an den Besten zu messen. Die Unfallzahlen haben erschreckende Ausmaße angenommen, Konflikte mit der nicht Motorrad fahrenden Bevölkerung und Umweltschützern sind unvermeidbar. Vor allem letzteres ist im einstigen Enduro-Paradies aktuell ein hochbrisantes Thema.

Der große Aufschwung hat 2007 auch wegen der Wirtschaftslage erst einmal ein Ende gefunden: Im ersten Halbjahr war bei den Verkaufszahlen ein Rückgang von 16 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu verzeichnen. Das bedeutet aber wohl nicht das Ende des Motorradbooms. Die Umstände waren 1995 ähnlich, doch, nach zwei Jahren Flaute folgte wieder ein Aufschwung.

Chopper waren vor einigen Jahren bei Neu-maschinen am populärsten, heute liegen Sportmotorräder und Naked Bikes ganz vorn in der Gunst der Käufer, und auch die Mittelklasse bekommt langsam Aufwind. Jahrelang lieferten sich Suzuki Hayabusa und Kawasaki ZX-12R bei der Leserwahl zum Motorrad des Jahres, die in der MOTORRAD-Schwesternzeitschrift motorrevü zeitgleich mit der deutschen Wahl veranstaltet wird, in der Kategorie Tourer und Sporttourer ein knallhartes Duell, bevor sich die Honda VFR durchsetzen konnte. Die Hayabusa ist auch anteilig im Motorrad-Gesamtbestand besser vertreten als sonstwo auf der Welt.
2004 war die Suzuki GSX-R 1000 das meistverkaufte Motorrad in Ungarn. Im ersten Halbjahr 2007 lag die Suzuki GSX-R 600 mit 190 verkauften Motor-rädern an der Spitze der Verkaufsstatistik, gefolgt von 138 Yamaha YBR 125, wobei der Löwenanteil davon an die Post geliefert wurde. Der dritte Rang gebührt Yamaha FZ6 S (136 Verkäufe). Die Extreme zeigen sich auf dem folgenden Platz, denn die Suzuki Intruder M 1800 R ging 133-mal weg. Überhaupt gibt es entgegen dem europäischen Trend wieder eine steigende Nachfrage bei Choppern und Cruisern, was 45- bis 50-jährigen Wieder-einsteigern zugeschrieben wird. Bei der Jugend dominiert der Sport. Aber wer weiß, vielleicht folgt dem wieder wachsenden Chopper-Markt eine noch heftigere Woge von potenziellen Time Machines.

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