Die TT-Legende (1)

Fotos: Masters, Snelling, Woollett
Am 28. Mai 1907 begann ab 10 Uhr der Start zum ersten Motorradrennen auf der Isle of Man. Die 25 Teilnehmer auf normalen straßenzugelassenen Maschinen hatten 250 km über öffentliche Straßen vor sich. Sie fuhren um die Tourist Trophy und um diese geht es erstaunlicherweise im Juni 2007 nach 100 Jahren immer noch.Weder die rasante technische Weiterentwicklung, die völlige Kommerzialisierung des Motorsports noch zwei Weltkriege oder die stets wiederkehrende Kritik an der Gefährlichkeit der Rennen haben der TT in all den Jahren etwas anhaben können. Sie wird immer noch auf öffentlichen Straßen ausgetragen, die für die Rennen gesperrt sind, aber dazwischen auch von den Zuschauern auf ihren Motorrädern selbst befahren werden können. Die TT auf der Isle of Man zählt nach wie vor zu den Saisonhöhepunkten der Motorradwelt, sie kann mit einer einzigartigen Tradition und Atmosphäre aufwarten.

Wo sonst kann man ohne Eintritt zu bezahlen zwei Meter von den mit 290 km/h vorbei rasenden Fahrern entfernt die Rennen verfolgen, oder in einem gemütlichen Pub an der Strecke am Fenster sitzen? Wo schließen die Schulen wegen eines Motorradrennens oder müssen Haustierbesitzer mit Strafen rechnen, wenn einer ihrer Lieblinge die Strecke betritt? Wo findet man alte Damen, die sich nie für Motorräder interessierten, aber mit liebevollen Erinnerungen an Mike Hailwood, Giacomo Agostini oder Bob McIntyre aufwarten können? Auf dem 37,73 Meilen (60,72 km) langen Straßenkurs wurden einst die wichtigsten Rennen der Welt ausgetragen.
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Fotos: Masters
Start und Ziel befinden sich in Douglas, dem größten Städtchen der Insel. Die Strecke führt auf der Hauptverkehrsstraße durch zahlreiche Ortschaften und über die einsame Hochmoor-Landschaft auf bis zu 427 m Höhe. Es gibt mehr als 225 Kurven, zum Teil sehr wellige Fahrbahnbeläge, Häuser, Steinmauern und Telefonmasten direkt am Kurs. Auslaufzonen sind fast nirgendwo vorhanden. Deshalb steht auch die TT seit 30 Jahren ständig in der Kritik bezüglich mangelnder Sicherheit.

In England war es nicht erlaubt, Straßen für Rennveranstaltungen zu sperren. Auf der Isle of Man, die auf halbem Weg zwischen England und Irland liegt, galten jedoch nicht alle britischen Gesetze. Der „Lieutenant Governor“ bot 1905 den englischen Motorsportlern an, ihre Ausscheidungsrennen für internationale Einsätze auf seiner Insel auszutragen. Der Royal Automobile Club führte in diesem Jahr eine Tourist Trophy für Serienwagen ein. Diesem Vorbild sollte zwei Jahre später der Auto Cycle Club folgen. Die unbefestigten Wege über das Hochmoor erschienen für die Zweiräder kaum zu bewältigen, weshalb man sich auf einen Rundkurs um St. Johns einigte. Die erste Tourist Trophy für Motorräder gewann Charles Collier auf einer im eigenen Familienbetrieb hergestellten 500 cm³-ohv-Matchless-JAP. Mehrzylindrige Maschinen wurden getrennt gewertet, ihre Teilnahme war kritisiert worden, da sie mehr Benzin verbrauchten und schließlich ein unterschiedliches Limit zugestanden bekamen. Harry Rembrandt Fowler auf der 700 cm³-Norton mit Zweizylinder-V-Motor von Peugeot erreichte nach 85 km als Erster das Ziel und war mit 69 km/h auch die schnellste Runde gefahren. Als Helfer fungierte James Lansdowne Norton. Er konnte damals noch nicht ahnen, dass sein Name einst auf den Tanks von weiteren 42 TT-Siegermaschinen stehen würde! Unter den wenigen ausländischen Fabrikaten befanden sich eine NSU, die der Londoner Importeur Martin Geiger bei den Einzylindern auf Platz Fünf fuhr, sowie eine in Köln-Lindenthal gebaute Vindec auf Platz Zwei bei den Zweizylindern mit dem gebürtigen Amerikaner Billy Wells aus London.
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Fotos: Masters
Nach einiger Kritik über den Sinn und Zweck eines solchen Rennens untersagte man 1908 Pedale zum Bergauf-Mittreten und hob 1909 die strengen Vorschriften über Benzinverbrauch und Schalldämpfer auf. 1911 wurde erstmals die komplette Strecke einschließlich der „Mountain Section“ befahren, denn es hieß, man würde dadurch den technischen Fortschritt beschleunigen, insbesondere hinsichtlich Antriebs- und Getriebe-Varianten. Es gab nun zwei getrennte Rennläufe, die Senior-TT (500 cm³-Einzylinder und 585 cm³-Zweizylinder) und die Junior-TT (300 cm³/ 340 cm³). Die Indian-Zweizylinder aus den USA fuhren in der Senior-TT einen Dreifach-Sieg heraus, mit dem Londoner Oliver Godfrey an der Spitze. Die schnellste Runde absolvierte die Zweizylinder-Zweitaktmaschine von Scott, die Marke aus Yorkshire siegte 1912 und 1913. Ab 1912 wurde die traditionelle Klasseneinteilung Junior-350 und Senior-500 gefahren.
Der 1. Weltkrieg unterbrach das Geschehen, erst 1920 sollte es wieder eine TT geben. Ein Teil der englischen Hersteller verzichtete auf die Teilnahme mit dem Argument, eine Erweiterung der Produktion sei im Moment wichtiger. Dem steigenden Absatz hubraumschwächerer Alltagsmodelle trug der Veranstalter mit der Einführung einer zusätzlichen 250 cm³-Wertung im Rennen der Junior-TT Rechnung. Der erste Sieger hieß Ronald Clark auf einer Zweitakt-Levis. Bei der Senior-TT kam es zum Duell der beiden sportlichen Konkurrenten Sunbeam und Norton mit ihren seitengesteuerten Einzylindern. Tommy de la Hay (Sunbeam) siegte vor dem einheimischen „Manxman“ Dougie Brown (Norton).

Ein dritte Marke aus den englischen West Midlands kam 1921 in die Schlagzeilen: Howard Davies gewann die Senior-TT mit der selben AJS 350 mit der er zuvor Zweiter bei der Junior-TT geworden war. Die Auto Cycle Union war als Veranstalter mit der Isle of Man nicht mehr zufrieden und kündigte im August 1921 an, die Tourist Trophy 1922 in Spa in Belgien auszutragen. Die Behörden auf der Insel handelten schnell: keine Steuer mehr auf die Motorräder von Rennbesuchern, Teer auf mehreren Streckenabschnitten und kostenlose Entladung der Motorräder von den Fähren im Hafen von Douglas. Die ACU gab nach und die Rennen blieben der Isle of Man erhalten.

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