Die verrückten Fans beim Eisspeedway (Archivversion)

Nägel mit Köpfen

Vergeßt den Lang nicht«, mischt sich ein älterer Herr im gelben Hemd in die Diskussion ein, die seit Stunden im Vereinslokals des Inzeller Eisstadions geführt wird. Er muß ein Stammgast beim Eisspeedway sein. Kennt alle Fahrer, ihre Maschinen, erzählt von längst vergangenen Jahren, in denen natürlich alles besser war. Aber auch schwieriger für die deutschen Asse.»Das waren noch Zeiten, als der Weber die ganze Russenarmada geschlagen hat«, murmelt er und nimmt einen kräftigen Schluck vom Hellen.Inzell, das Mekka für Eisspeedway-Fans. Das Rennen in Berlin? Tut gut. Das diesjährige Finale im niederländischen Assen? Auch nicht schlecht. Aber Inzell, das ist die Krönung. Ein Muß. Kein Wunder also, daß die wohl verrücktesten und treuesten Fans im gesamten Motorsport weder Kosten noch Mühen scheuen, um dabei zu sein. Wie die zwei Freunde aus Kiel, die mal eben 1100 Kilometer Anfahrt auf sich genommen haben. Zum ersten Mal seien sie in Inzell, erzählen sie. Aber wer einmal hier war, den scheint der Virus Inzell nicht mehr loszulassen. Der kommt immer wieder, davon zeugen die stolz zur Schau getragenen Jahresanhänger an den Kopfbedeckungen - vorzugsweise Zipfelhut. Der Profi bestellt Zimmer und Eintrittskarten bereits ein Jahr im voraus. Das empfiehlt sich auch, denn der kleine Ort in Südbayern nebst Nachbargemeinden platzt an diesem Wochenende aus allen Nähten - wie in jedem Jahr. Oder er reist gleich mit seinem Wohnmobil an.Schon die Anreise gerät zu einer Art Happening. Denn der echte Fan schätzt das Gemeinschaftsgefühl; man reist im Bus, möglichst mit Bordtoilette, um die Fahrt nicht allzu oft wegen dringender menschlicher Bedürfnisse unterbrechen zu müssen. Und, um dann, sofort nach Ankunft in Inzell, den eigens mitgebrachten Glühweinstand aufzubauen. Das spart die Warterei vor den Verkaufsbuden. Ein Kostverächter ist er nämlich nicht, der Eisspeedway-Fan. Die bekannt deftige bayerische Gastronomie hat sich bestens auf den Ansturm der 19000 hungrigen und, trotz frostiger Temperaturen, immer durstigen Fans eingerichtet. Der Geruch von Gebratenem aller Art mischt sich mit dem süßlichen Duft aus den zahlreichen Glühweintöpfen und den Methanol-Abgasen der Speedway-Maschinen. Für die Kenner ein elektrisierendes Gemisch.Aber wer sollte ihm und ihr den ein oder anderen Glühwein auch verdenken. Schließlich harren sie trotz Minusgraden schon Stunden vor dem ersten Rennen am Samstag abend vor und im Eisstadion aus. Den Profifan erkennt man an einem unabdingbarem Mitbringsel: Styropor-Platten, damit die Füße nicht gar so schnell einfrieren.Das lange Warten auf den Rennbeginn vertreibt sich das Publikum mit der allseits bekannten »La Ola«- Welle. Währenddessen spielen sich dann auch die kleinen Tragödien des Lebens ab. Wäre doch gelacht, wenn man dem dreisten Fremden, schlimmstenfalls ein Preiß, der sich auf den jahrelang angestammten Platz verirrt hat, nicht in die Flucht schlagen könnte. Schließlich will man die beste Aussicht genießen, auf den Bauer Günther und den Lang Michael. So heißen die besten deutschen Schräglagenkünstler. Jeder gegen jeden, und das an zwei Tagen jeweils vier Runden lang in Vierer-Gruppen, so lautet der ebenso einfache wie harte Modus bei den Speedfahrern. Begeisternde Aufholjagden vom Lokalmatadoren Günther Bauer quittiert das Publikum mit frenetischem Jubel, Durchhänger der Stars oder vermeintliche Fehlentscheidungen des schwedischen Schiedsrichters mit einem gellenden Pfeifkonzert. Laufsiege ihrer Lieblinge belohnen die Fans aber nicht nur mit Applaus, sondern auch mit Barem.»Die Moni aus Siegsdorf spendet 100 Mark für unseren Günther Bauer«, verkündet dann Stadionsprecher Helmut Korn gerührt. »Ein herzliches Vergelt’s Gott.« Das mag für den Außenstehenden ein Klacks sein, bedeutet für die Fahrer aber viel. Mit Sponsorengeldern sind Bahnsportler nicht gerade gesegnet.Als der 25jährige Hüne am Sonntag nachmittag gar den dritten Gesamtrang in diesem WM-Halbfinale herausfährt, und die Spendenflut nicht abebben will, verkündet der Korn Helmut: »Da wird unser Günther jetzt wohl einen Geldtransporter brauchen.« Vielleicht doch etwas optimistisch, aber der Günther hat es sich schließlich redlich erkämpft. Beim Lang Michael lief’s verletztungsbedingt nicht ganz so gut. Er fährt trotz einer gebrochenen linken Hand. Doch sein Zähnezusammenbeißen lohnt sich, denn als Siebter darf auch er mit, zum Finale ins niederländische Assen.Ob der nette Herr im gelben Hemd die beiden Deutschen dorthin begleitet? Sie wissen schon, der Herr, der den Lang nicht vergessen hat.»Achtung eine Durchsage, wir haben hier einen Gast im Sanitätsraum. Ein Mann, Alter zirka 50, bekleidet mit Jeanshosen und einem gelben Hemd. Er hat keine Papiere bei sich, und wir wissen seinen Namen nicht. Angehörige bitte melden«, tönt der Sprecher. Hoffentlich vergißt niemand den Mann im gelben Hemd.
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Eisspeedway-Fans, verrückte: Reportage (Archivversion)

Für das WM-Finale am 8. und 9. März 1997 in Assen (NL) haben sich qualifiziert: 1. Vladimir Fadeev (RUS) 29 Punkte, 2. Stefan Svensson (S) 28, Günther Bauer (D) 25, 4. Vladimir Lumpov (RUS) 22, 5. Igor Jakovlev (RUS) 18, 6. Tjitte Bootsma (NL) 18, 7. Michael Lang (D) 17, 8. Oleg Chomitsch (BY) 16.

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