Szene: Porträt Willy Neutkens Weiß-blaue Passion

Vorsicht: sammeln kann süchtig machen. Mehr als 100 BMW-Motorräder zusammenzutragen, zeugt von "mania bavariensis" im fortgeschrittenen Stadium.

Foto: Bonhams 1793

Ende des vergangenen Jahres trafen sich eingefleischte Sammler im Münchener BMW-Museum, um Objekte aus Willy Neutkens’ Nachlass zu ersteigern. Der 2008 verstorbene Niederländer hatte in seinem Leben mehr als 100 BMW-Motorräder zusammengetragen und war nicht nur unter BMW-Sammlern eine Legende. Mit viel Leidenschaft und Mühe hortete der ausgebildete Monteur die weltweit größte Sammlung von Zweirädern der weiß-blauen Marke und erhielt 1998 für den Besitz der meisten Motorräder eines einzelnen Herstellers sogar einen Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde.

Die Sammlung bestand aus nahezu allen Modellen, die BMW zwischen 1923 und 1996 produziert hatte, von der R 32 bis zu den letzten Zweiventil-Boxern. Die letzte, eine BMW R 100 R Classic, lieferte BMW 1996 direkt an den Sammler. elbst viele Vorkriegsmodelle befinden sich trotz ihres Alters weitgehend in perfektem Zustand. Einige davon weisen extrem niedrige Laufleistungen auf. Als ganz besonderes Exemplar ragt die R 67/2 heraus, die BMW werksseitig bei der Sechstagefahrt 1953 in der Tschechoslowakei eingesetzt hatte.

Erstaunlich ist, dass Willy Neutkens fast alle Motorräder selbst mit großer Leidenschaft und Liebe zum Detail restaurierte. Besondere Hilfestellung leistete dabei der Zugang zum BMW-Werksarchiv. Zunächst hatte er zusammen mit seiner Frau Fahrräder und Waschmaschinen verkauft. Als er das Angebot auf Mopeds und Motorräder umstellte und unter dem Namen "Motorport" firmierte, stellte sich der Erfolg ein. Anfangs hatte Motorport verschiedene Marken im Programm, bevor sich die Neutkens-Familie auf BMW konzentrierte. Im Laufe seines Berufslebens wurde er mit zwei Geschäften der größte Motorradhändler der Niederlande.

Nachdem sich der Firmengründer in den Ruhestand zurückgezogen hatte, übernahm sein Sohn Jan das Tagesgeschäft. So fand Willy endlich Zeit zum Reisen, um nach seltenen BMW und Ersatzteilen zu fahnden. Es dauerte nicht lange, bis die Sammlung den gegebenen Rahmen sprengte. 1998 schließlich organisierte BMW Niederlande aus Anlass des 75. BMW-Motorrad-Jubiläums eine Ausstellung seiner Exponate im Automuseum im holländischen Rosmalen. Seinerzeit belief sich die Sammlung auf 73 Exemplare, drei Jahre später war sie auf über 100 BMW angewachsen.

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Foto: Bonhams 1793
Zwei Urgesteine: Willy Neutkens und das erste Zweirad mit dem weiß-blauen Markenemblem am Tank, die BMW R 32.
Zwei Urgesteine: Willy Neutkens und das erste Zweirad mit dem weiß-blauen Markenemblem am Tank, die BMW R 32.

Willy Neutkens schätzte das Aussehen, den Klang und die Fahrdynamik der Motorräder der Münchener Marke. Nicht zuletzt faszinierten ihn als Monteur auch die Technik und die Zuverlässigkeit der BMW-Maschinen. Stets bemühte er sich, Originales zu erhalten, und ließ sich trotz seiner Erfahrung und seines Wissens auch gern von jüngeren Spezialisten beraten. Kosten und Mühen spielten dabei keine Rolle.

Außer seinen Restaurierungs-Aktivitäten frönte er auch dem Reisefieber. Er durchquerte die USA, Australien, Russland und viele andere Länder, natürlich auf BMW-Motorrädern.
Entsprechend viel hatte er zu berichten. In seinen Erzählungen erstaunte immer wieder, dass der betagte Herr auf weite Reisen gegangen war, ohne eine Fremdsprache zu beherrschen. Bei einer Oldtimer-Rallye 2007 in Spanien gab er mit Händen und Füßen zum Besten, wie er 1980 mit 55 Jahren an der Rallye Paris-Dakar teilgenommen hatte.

 

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Der Nachlass von Willy Neutkens bei Bonhams

Was bleibt, ist die Erinnerung an einen Mann, der in seiner Leidenschaft unglaublich viel BMW-Historie auf zwei Rädern zusammentrug, auch wenn sich nach seinem Tod die Kollektion nun aufgelöst hat. Sammler aus der ganzen Welt profitieren von Willy Neutkens’ Aktivitäten, indem sie klassische BMW ersteigern und weiß-blaues Kulturgut auf zwei Rädern ihrerseits weitertragen konnten.

Einzylinder von der R 2 von 1931 bis zur R 27 von 1961 waren im Katalog ebenso zu finden wie markenfremde Ableger mit BMW-Genen, etwa eine AWO 425 von 1955 und die nach dem Krieg weiterhin in Eisenach gebauten EMW R 35. Der Schwerpunkt lag aber eindeutig auf den BMW-Boxer-Modellen. Über 60 Zwei­zylinder stellten beinahe jeden Wunsch zufrieden. Inmitten der traditionellen Ein- und Zweizylinder-Gesellschaft nahmen sich die wenigen K 75 und K 100-Modelle fast wie Exoten aus, ganz zu schweigen von der in diesem Ambiente höchst futuristisch wirkenden K1. Außer zwei R 75-Gespannen tummelten sich fünf weitere Motorräder mit Seitenwagen im Angebot, darunter eine russische Ural.
Foto: Bonhams 1793
Diese BMW R 67/2 wurde von BMW-Technikern 1953 für die Sixdays in der Tschechoslowakei speziell präpariert.
Diese BMW R 67/2 wurde von BMW-Technikern 1953 für die Sixdays in der Tschechoslowakei speziell präpariert.

Mit Schätzpreisen von 220 bis 435 Euro für das Holzmodell einer Boxer-BMW und 32000 bis 45000 Euro für die veritable, aus historischem Metall bestehende R 32 war für jeden Geldbeutel etwas dabei. Am Ende konnten auch die Erbengemeinschaft und der Versteigerer Bonhams zufrieden sein, denn nahezu alle Objekte fanden einen Käufer: Das Holzmodell für 518 Euro, die R 32 für stolze 109250. Selbst der Hausherr erhielt bei 26450 Euro den Zuschlag für die einst im Hause auf die Sixdays vorbereitete R 67/2. Sie lag damit ein gutes Stück über dem Schätzwert von 19000 bis 22000 Euro, und BMW konnte das begehrte Stück nach mehr als einem halben Jahrhundert schließlich wieder heim nach München holen, wo es die hauseigene Sammlung verstärkt und bald dem Publikum im Museum zugänglich sein wird.

 

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