Die wichtigsten Motorradhersteller: Kawasaki (Archivversion) Unter Anderem

Von der Straßenbrücke bis zum Jetski, vom Tunnelbohrer bis zur Müllsortier-Anlage:
Der Industrie-Gigant Kawasaki ist wahrlich nicht aufs Motorradgeschäft angewiesen.
Hat aber immer noch und jetzt erst recht Freude daran.

Um die Sache kurz zu machen: Kawasaki Heavy Industries verkauft jährlich für gut zehn Milliarden Dollar. Insgesamt. Verkauft! Der Umsatz liegt natürlich weit höher. Im Jahr 2003 resultierte aus den diversen Firmenaktivitäten ein Gewinn von knapp 110 Millionen. Damit lässt sich leben, zumal die Japaner ihren Hightech-Multikonzern gut im Griff haben. Anders als die Sternenträger aus Stuttgart, die sich peu à peu wieder von Flugzeugen, Elektronik und Eisenbahnen trennten, verstehen es die Japaner, ihre im Lauf der Jahrzehnte entstandenen Sparten Gewinn bringend zu führen.
Aktuell erzeugt der in Kobe und
Tokio beheimatete Industrieriese folgende Güter: Schiffe, Schwerlastwagen, Lokomotiven, Flugzeuge und Hubschrauber nebst Antrieben, Turbinen zur Energieerzeugung, Produktionsanlangen zum Beispiel für die Stahl- und Zementindustrie sowie Stahlkonstruktionen wie Brücken und Stadiondächer. Beachtliche Aktivitäten entfalten die Japaner in den besonders zukunftsträchtigen Sparten Windkraft und Photovoltaik oder bei Industrierobotern und Medizintechnik. Gigantische Erdbohrer hat Kawasaki ebenfalls im
Programm, unter anderem hilfreich beim Bau des Kanaltunnels zwischen England und Frankreich. Die Liste ließe sich fortführen, aber irgendwann sollte denn verraten werden, dass aus Kobe nach wie vor Motorräder exportiert werden. Export – darauf kommt es an, schlägt Kawasaki doch in Japan nur 24000 Motorräder los.
Consumer Products heißt jener Firmenzweig, der sich um ZX-10R und Konsorten kümmert. Darunter fallen jedoch
außer den hinlänglich bekannten Bikes
von KX 250 F bis VN 2000 noch Mule 3010 (Kleinstlastwagen für Großgärten) oder KBL26A (Motorsense). Selbst hinter STX-12F oder KFX 700 V Force verbergen sich nicht etwa Kawas neuer Supertourer oder Mittelklasse-Enduro, nein, es handelt sich vielmehr um einen Jetski mit 1200er-Vierventiler und ein Sport-ATV mit wassergekühltem V-Motor. Bereits 1973 ging Kawasaki baden, beansprucht gar, den Jetski erfunden zu haben. Und auch die dicken Knubbelreifen entdeckte man ziemlich früh – 1981 debütierte das Dreirad KLT 200.
Mittlerweile tragen diese beiden
Sparten ganz erheblich zum Umsatz von
Consumer Products bei, erst recht, seit
die ATVs ihre Stammmärkte in den USA und Australien mit großem Hurra verlassen und die ganze Welt erobern. Insgesamt erzielt die Konsumentenabteilung satte 25 Prozent der Firmenverkäufe, maßgeblich beteiligt sind daran die 534000 motorisierten Zweiräder, die Kawasaki 2003 in rund
70 Länder verkaufte. 57000 gestandene Bikes allein nach Europa. Unterhalb dessen rangieren so praktische Kleinigkeiten wie Cheer oder Super Sherpa, Moped und Viertelliter-Enduro, wie sie insbesondere auf dem asiatischen und brasilianischen Markt in großer Zahl abgesetzt werden.
Was natürlich nahe legt, gleich in diesen Ländern zu produzieren: Indonesien, Thailand, Philippinen heißen die aktuellen Standorte, schon seit 1975 bauen für ihren Heimatmarkt aber auch Amis Kawasaki-Motorräder, und zwar in Lincoln/Nebraska. Dort läuft übrigens immer noch das Tourer-Alteisen GTR 1000 vom Band, welches – man höre und staune – in den USA eine beachtliche Fangemeinde besitzt.
Während zwischen New York und San Francisco vor allem Jetski und ATVs, doch auch klassischer Maschinenbau deutlich zum Verkaufserlös von 2,2 Milliarden Dollar beitragen, müssen es in Europa (519 Millionen) speziell die Bikes bringen. Wie alle japanischen Exporteure begrüßt Kawasaki den europäischen Binnenmarkt. Allein schon wegen einheitlicher Zulassungsbestimmungen. Die europäischen Interessen der Grünen werden seit Herbst 2000
in Amsterdam gebündelt, dort residiert
Kawasaki Motors Europe – tonangebend auch für die deutsche Dependance. In Friedrichsdorf bei Frankfurt koordinie-
ren 70 Mitarbeiter die Vermarktung von
Motorrädern, ATVs, Jetski sowie diverser
motorisierter Gartengeräte und schulen
die Mechaniker der rund 300 deutschen Vertragshändler. Der gesamte Ersatzteilversand läuft mittlerweile via Amsterdam.
Seit Ende der 90er Jahre musste Kawasaki eine lange Durststrecke zurücklegen. ZX-9R mit Fahrwerksschwächen, kein attraktives Mittelklasse-Angebot bei den Naked Bikes, Tourer nicht wirklich
vorhanden. Zunehmend verwässerten die
gewachsenen Stärken der Marke im echten Sportsegment und bei Klassikern mit
Macho-Image, das Design vieler Modelle wirkte träge. Doch dann tat es einen Schlag, und die Z 1000 war da. Geschaffen von Takumi Uemoto und Shunji Tanaka, der schon mit dem Mazda MX-5 ins Schwarze getroffen hatte und nun eine Kawa nach der anderen aufpoliert. Z 750 und ZX-10R zeugen von zielgerichtetem Tatendrang.
Zunehmend greift auch die 2001
eingegangene Kooperation mit Suzuki: In einer Zeit, da der Konzern leichten Schlingerkurs fuhr, schien es geraten, durch
gemeinsames Entwickeln und Einkaufen große Rationalisierungseffekte zu erzielen. Nach einigen weniger gelungenen Beispielen verrät der fulminante Crosser KX 250 F, wohin diese Reise noch gehen könnte. Auf jeden Fall werden stumpfe Modell-Transfers wie bei der 1000er-Reiseenduro KLV, die Suzuki absolut identisch als V-Strom verkauft, die Ausnahme bleiben.
Etwas verwundert reagierten Europäer auf den weltgrößten serienmäßigen V2, vorgestellt Ende 2003. Doch die VN 2000 spielt in der Firmenstrategie eine gewichtige Rolle, schließlich gilt es, die auf 62000 Einheiten gewachsene Position auf dem US-Markt zu halten, 22000 davon Chopper und Cruiser, Tendenz steigend. In Europa, wo die Cruiser-Verkäufe rapide sanken,
geben die Grünen ebenfalls nicht auf, ausgewählte Händler sollen sich ganz gezielt um einschlägig interessierte Fans kümmern, jährlich steigt eigens ein Kawasaki-Cruiser-Festival. Doch den identitätsstiftenden Geist zukünftigen Schaffens umreißen ganz klar ZX-10R und Z 1000 – entweder radikal sportlich oder sehr markant im Stil. Keinesfalls dem Zwang verpflichtet, jede Nische füllen zu müssen.

Alle Geschäftszahlen beziehen sich auf das Geschäftsjahr 2003,
welches im März 2003 endete

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