Die Zukunft von MV Agusta (Archivversion) Lebenszeichen

Neue Modelle und Ago nazionale auf der Bühne: MV Agusta lebt.

Totgesagte haben manchmal ein erstaunlich zähes Leben: Während in der Branche Gerüchte über das baldige Ende von MV Agusta die Runde machen, zeigte sich die Italiener auf der Intermot quicklebendig. Rekordweltmeister Giacomo Agostini stand Pate für ein Sondermodell des Vierzylinders F 750, nach ihm kurz »F4 Ago« benannt. MV-Tochter Cagiva präsentierte die XRaptor 1000 mit neuer Frontverkleidung und Auspuffanlage sowie den Zweitakter Raptor 125, der besonders bei Italiens Jugend Anklang finden dürfte. Und die dritte hauseigene Marke Husqvarna beschenkte sich zum 100. Geburtstag im nächsten Jahr selbst mit insgesamt sechs Enduro-Weltmeistertiteln und präsentierte die endgültige Version der Enduro TE 250/450 mit E-Starter und Sechsganggetriebe, die in den Crossversionen in den neuen Rennklassen starten werden.Also alles bestens bei MV? Nicht wirklich, denn eigentlich hätte der Stand in München ganz anders aussehen sollen. Geplant war eine Kooperation zwischen der MV-Gruppe und dem italienischen Rollerhersteller Piaggio. Der wollte noch vor der Messe Husqvarna komplett übernehmen, die aktuellen Cagiva-Modelle sollten in München unter dem Namen der Piaggio-Tochter Gilera zu sehen sein – nicht mehr mit Suzuki-Antrieb, sondern mit eigens entwickelten Motoren. Zudem hatten sich die beiden Gruppen auf eine weitreichende Zusammenarbeit bei Entwicklung, Produktion und Vertrieb geeinigt. Insgesamt eine Allianz, die angesichts der herausforderungen der Zukunft vernünftig schien.Doch dann kam alles anders. Piaggios Haupteigner Morgan Grenfell, eine Fonds-Tochter der Deutschen Bank, verspekulierte sich in Italien mit anderen Investitionen gewaltig. Die Zeche dafür zahlen jetzt die Zweiradler. Als Folge des Missmanagements der Banker wurde Piaggio scharf zurückgepfiffen, die weit gediehenen Motorradpläne des Rollerbauers kamen erst mal ins Tiefkühlfach. Das war Anfang August, die MV-Gruppe stand von einem Tag auf den anderen ohne Partner da. »Wir haben dadurch zwei Jahre verloren«, sagt MV-Chef Claudio Castiglioni zornig. »Sogar die Produktion haben wir ausgesetzt, um mit vereinten Kräften nach der Messe loszulegen.« Sein Ärger scheint so weit zu gehen, dass MV den ehemaligen Wunschpartner Piaggio offenbar verklagt hat – wegen Nichteinhaltung der Vorverträge. Doch was nun? Einen finanzstarken Partner braucht der feine, aber für die heutige Zeit allzu kleine Hersteller auf jeden Fall. Castiglioni wäre nicht Castiglioni, würde er jetzt kampflos aufgeben. Er will seine Gruppe erhalten, für die schließlich die kreativsten Köpfe Italiens arbeiten: Massimo Tamburini, der die Ducati 916 und die MV Agusta entwickelte, Miguel Galluzzi, der die Ducati Monster und die Cagiva Raptor schuf, sowie Ampelio Macchi, der für die Husqvarna-Palette verantwortlich zeichnet.Und der 55-jährige Dynamiker Castiglioni scheint es wieder mal zu schaffen: Eine italienische Großbank sprang nach dem geplatzten Deal mit Piaggio in die Bresche, zudem laufen Verhandlungen mit zwei großen italienischen Investmentfonds. Denen hat er neben drei Marken und seinem Kreativ-Stuff zwei Motorradwerke und eine Rahmenproduktion zu bieten, alle rund um Varese in Norditialien gelegen. Dazu volle Auftragsbücher, insbesondere die Nachfrage nach MV- und Husqvarna-Modellen ist ungebrochen.Spätestens im Oktober soll die Produktion in den Werken der MV-Gruppe wieder anrollen. Die 350 Mitarbeiter warten nur noch auf das alles entscheidende Signal.

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