Diebstahl von Motorrädern: Reportage (Archivversion)

Weg ist weg

Laut Bundeskriminalamt verschwinden in Deutschland jährlich über 50000 Motorräder. Gegen die dreisten Diebesbanden setzt die Polizei Sonderkommissionen ein.

Der entscheidende Tip kam von einer Zeugin, die ihre Garageneinfahrt eines Nachts von einem Transporter blockiert vorfand. Aus ihrem Auto konnte die Frau beobachten, wie ein paar Männer in der Dunkelheit etwas einluden. Mehr aus Ärger über das Hindernis als aufgrund irgendeines Verdachts notierte sie das Kennzeichen des Lieferwagens. Zwei Tage später erfuhr die Frau, daß in jener Nacht die Harley eines Nachbarn verschwunden war und ging zur Polizei.Aufgrund der Aussage der Frau klickten im Februar in Bayern, Hessen, Hamburg, Schleswig-Holstein und in Österreich gleichzeitig die Handschellen. In einer groß angelegten Aktion, bei der 170 Beamte im Einsatz waren, hatte die Polizei eine Diebesbande ausgehoben, die sich auf Harley spezialisiert hatte.Als angeblicher Kopf der Bande sitzen nun ein arbeitsloser Bürokaufmann, 34, und ein Spezialmaschinentechniker, 35, beide aus München, in U-Haft. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, mit Hilfe einiger Komplizen seit 1993 in und um München systematisch Harley aus Garagen geklaut zu haben. Anschließend wurden die Maschinen zerlegt, fachmännisch aus Einzelteilen wieder aufgebaut, als Eigenbauten neu zugelassen und in ganz Deutschland verkauft. Schaden: rund zwei Millionen Mark.»Generell werden alle möglichen Motorräder geklaut. Dabei werden gestohlene KTM LC4 oder Husqvarna nach Spritztouren immer wieder in irgendeiner Kiesgrube oder im Straßengraben liegengelassen«, erklärt Oberkommissar Falco Berger*, Chef der Münchner Ermittlungsgruppe Motorrad-Diebstahl. »Uns war aufgefallen, daß unter den geklauten Motorrädern viele Harley waren, die nicht wieder auftauchten, und daß die Abstände, in denen sie verschwanden, immer kürzer wurden.« Eineinhalb Jahre dauerte die Suche nach der Diebesbande.Auch in anderen Bundesländern hat die Polizei spezielle Arbeitsgruppen oder Sonderkommissionen (Sokos) eingerichtet, die sich ausschließlich mit geklauten Motorrädern befassen. Das Bundeskriminalamt (BKA) beschäftigt sich ebenfalls mit dem Thema. »Bundesweit sind zur Zeit 2251 als gestohlen gemeldete Harley zur Fahndung ausgeschrieben«, gibt ein Sprecher der Wiesbadener Polizeibehörde Auskunft.Die Methoden, nach denen die Diebe vorgehen, sind immer die gleichen: Tagsüber werden die Motorräder unauffällig verfolgt, die Diebe kundschaften den Abstellplatz aus. Nachts wird das Bike abgeholt: »Vier Mann, zwei Eisenstangen, ein Lieferwagen, und jedes Motorrad ist ruckzuck weg«, sagt der Münchner Kripo-Experte Berger.Die meisten der in München gestohlenen Motorräder sind nachts von Tiefgaragenstellplätzen verschwunden. Auch konventionelle Sicherungen wie Lenkerschlösser können Diebe nicht abschrecken. »Sie stellen kein ernsthaftes Hindernis dar«, hat der Kölner Kriminaloberrat Peter Glatt* beobachtet. »Die Elektrik ist so leicht zugänglich, daß die Fahrzeuge problemlos kurzgeschlossen werden konnten«, sagt der Kölner Beamte. »Zünd- und Vorhängeschlösser sind für Diebe überhaupt kein Problem«, gibt ihm sein Münchner Kollege Berger recht. Ein sinnvoller Schutz wären für ihn »mit Abreißschrauben im Boden befestigte Grundankerplatten«, an denen das Bike an eine gehärtete Kette gelegt werden müßte. In England, wo rund acht Prozent aller Motorräder gestohlen werden, sind solche Sicherungen schon im Handel.Laut Bundeskriminalamt verschwinden in Deutschland jedes Jahr zwischen 50000 und 60000 motorisierte Zweiräder: 54846 waren es 1996, für 1997 liegen noch keine Gesamtzahlen vor. Jedoch sind bei weitem nicht alle als gestohlen gemeldete Zweiräder teure Maschinen: »Rund 70 Prozent sind Mofas und Mopeds«, schätzt Oberkommissar Berger. Abzüglich einer kaum zu benennenden Dunkelziffer von Versicherungsbetrügereien - Berger: »Wir gehen davon aus, daß ein Großteil der Diebstähle vorgetäuscht ist« - dürften immer noch rund 10 000 Bikes jedes Jahr illegal den Besitzer wechseln.Grund zur Panik besteht dennoch nicht: Gemessen am Gesamtbestand aller Motorräder in Deutschland - derzeit sind es rund 2,4 Millionen - ist die Wahrscheinlichkeit, daß das eigene Motorrad vor der Haustür verschwindet, eher gering. Auch ist die Anzahl der gestohlenen Motorräder in den letzten Jahren laut Bundeskriminalamt und Versicherungen rückläufig. Doch wenn das Bike einmal verschwunden ist, dann bleibt es das in der Regel auch. Fahndungserfolge wie in München sind die Ausnahme. Die Aufklärungsquote bei Motorraddiebstahl liegt bei rund 15 Prozent.((Fußnote))* Name von der Redaktion geändert
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Diebstahl von Motorrädern: Reportage (Archivversion)

Einige Hersteller bauen serienmäßig Diebstahlsicherungen ein
Bei Neuwagen sind elektronische Wegfahrsperren seit Jahren selbstverständlich. Was sie leisten müssen, ist klar definiert: 1. Eine Wegfahrsperre muß mindestens die Stromkreise von Anlasser und Zündung unterbrechen sowie die Spritzufuhr. 2. Sie muß selbstschärfend sein, sich also ohne Zutun des Fahrers beim Abstellen aktivieren. 3. Sie darf sich nicht abschalten lassen und weder durch Kurzschluß noch durch Kappen einzelner Kabel zu entschärfen sein. 4. Sie kann nur durch einen Wechselcode deaktiviert werden. Hat ein Auto keine solche Wegfahrsperre, ersetzen die meisten Kasko-Versicherer bei Diebstahl nur 90 anstatt 100 Prozent vom Wert des Wagens. Auch die japanischen Motorradhersteller bauen mittlerweile elektronische Diebstahlsicherungen in Neumaschinen ein. So sind nach Angaben der Importeure alle aktuellen Modelle von Suzuki und Kawasaki mit solchen Wegfahrsperren ausgestattet, die bei Manipulationen am Zündschloß oder beim Versuch, die Zündung kurzzuschließen, automatisch die Stromzufuhr unterbrechen. Ein Suzuki-Techniker: »Den Schraubenzieher rein und rumdrehen, das reicht heute nicht mehr.« Auch die Zeiten, in denen ein Lenkschloß durch einfaches Herumreißen des Lenkers geknackt werden konnte, sind vorbei. An den durch Abreißschrauben gesicherten kombinierten Zünd-/Lenkschlössern soll heute nur noch verstärktes Material benutzt werden. Yamaha bietet für 599 Mark die Nachrüst-Alarmanlage Cyclelok an, die über eine kodierte Funkfernbedienung deaktiviert wird und eine Wegfahrsicherung beinhaltet. Bei Harley-Davidson wird an einer elektronischen Wegfahrsperre gearbeitet, die den Sicherungen aus der Autoindustrie gleichen soll. Wann sie angeboten werden wird, steht aber noch nicht fest. Speziell für Harley offeriert die Firma Altmann Micro Machines (Telefon 02129/54260) ab 795 Mark ein programmierbares Nachrüst-Zündsystem mit integrierter Wegfahrsperre. Sie kann, laut Hersteller, nur mit dem elektronischen Kode des passenden Chip-Schlüssels deaktiviert werden. BMW will auf der Münchner Intermot (16. bis 20. September 1998) erstmals eine kombinierte Wegfahrsperre und Alarmanlage für Motorräder vorstellen. Sie soll ab kommendem Jahr als Sonderzubehör angeboten werden.

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