Dieselmotorradtreffen (Archivversion) Auf Sparkurs

Einige Dutzend Gestalten in Wachs-Cotton-Jacken und schwarzen Lederkombis trafen sich in Ostfriesland, um ihrem Faible zu frönen: Motorräder mit Dieselmotoren.

Auf dem platten Land fährt man Diesel. Wird gerne damit begründet, dass die kostenbewussten Bauern den steuerbegünstigten Diesel für ihre Landmaschinen aus dem hofeigenen Spritfass illegal in den Pkw zapfen, statt an der Tankstelle ein Vielfaches zu bezahlen. Ob nun die Dieselfahrer aus der Provinz tatsächlich Vater Staat um Millionen von Steuergroschen betrügen, sei dahingestellt. Weniger spekulativ ist hingegen die Tatsache, dass ein Dieselmotor erfreulich sparsam werkelt und äußerst langlebig ist. Die Gruppe in klebrigen Wachsjacken und schwarzen Lederkombis, die an einem verregneten Samstag im September auf einem ehemaligen Bauernhof in Arle/Ostfriesland neben ihren Motorrädern stehen, mögen Dieselmotoren – nicht nur aus Kostengründen. Schon eher wegen dem Sound des Selbstzünders, der sie regelrecht in Euphorie versetzt. Als aus einiger Entfernung deutlich das nagelnde Geräusch eines Diesels zu vernehmen ist, drehen sich die Köpfe der zehn Fahrer wie auf Befehl in Richtung Landstraße. Als sie nur den Radlader des Nachbarbauern entdecken, wenden sie sich wieder enttäuscht ihren Maschinen zu. Wenige Minuten später erneut das Tack-Tack-Tack eines selbstzündenden Aggregats. Diesmal strahlende Gesichter und Beifall: Auf den Hof fährt ein Motorrad-Gespann mit überdimensionalem Triebwerk vor. Unübersehbar prangt auf dem Tank ein Aufkleber »Diesel«, aus dem Beiwagen ragt eine weiß-blau-karierte Flagge, vier Mann Besatzung steigen von und aus dem Gefährt. »Mir hob’n grad erst g’frühstückt. Wie ihr euch’s denken könnt, ging’s beim Frühstück gleich weiter wie gestern Abend: Also bla, bla, bla ohne Ende«, bayert Alois lautstark die ihn umrundende Gemeinde an. Alois aus Kirchham bei Passau meint die Benzin-, Entschuldigung, Diesel-Gespräche, die die Anwesenden am Vorabend biergeschwängert in der Küche des ostfriesischen Bauernhofs geführt haben. Er ist der am weitesten angereiste Teilnehmer des ersten offiziellen Diesel-Motorrad-Treffens. Angetrieben wird die 650 Kilo schwere Fuhre von einem Hatz-Diesel. Der 1000-cm³-Zweizylinder mit 24 PS dient sonst als Stromaggregat oder als Motor für Wasserpumpen. Alois ist Baumaschinen-Händler und schwört auf die Haltbarkeit seines Triebwerks aus bayrischer Produktion. Kaum abgestiegen, bohren ihn die am heutigen Samstag angereisten Diesel-Freaks mit Fragen: Ist das ein original Russen-Rahmen? Warum diese Krümmerführung? Was verbraucht der Motor? Die nächste halbe Stunde hat Alois kaum Zeit zum Luft holen, während er die Wissenshungrigen über die inneren Werte seines Hatz-Diesel im Ural-Gespann aufklärt.Reinhard ist dagegen ein stiller Vertreter, der höchstens mit seinem 850-cm³-Ruggerini-Twin im MZ-Rahmen Lärm macht. Als Eigentümer des Bauernhofs in Arle beherbergt er die Teilnehmer. »Ich dachte, es kommen fünf bis zehn andere Spinner, die sich mit mir über Diesel-Motorräder austauschen wollen. Jetzt reisen knapp 50 an«, erklärt der Organisator des Treffens. Er selbst fährt mit seinem Diesel-Motorrad, dessen 19 PS starker Motor ursprünglich als Stationärantrieb Dienst tat, im Jahr rund 30000 Kilometer. Bei Wind und Wetter versteht sich, denn ein Auto verstößt gegen seinen Ehrenkodex als Zweiradpilot.Grob geschätzt sind in Deutschland rund 300 Diesel-Motorräder angemeldet. Eigenbauten wie von Reinhard oder Alois gelten in der jungen Szene immer noch als Exoten. Am ehesten sind im Straßenverkehr die Modelle Taurus des indischen Herstellers Enfield zu sehen, oft als Umbau mit einem Lombardini-Single aus italienischer Fertigung. Mit den 10 statt 6,5 PS und 435 statt 325 cm3 erlaube der Italo-Diesel gegenüber dem Inder-Triebwerk gefahrloses Aufsuchen der Autobahn, erklärt einer der Taurus-Fahrer. Bergab oder im Windschatten eines Lasters laufe das Motorrad fast Tempo 100 - frei nach dem Motto: Lieber das Leben als den Schwung verlieren. Begehrtes Fotomotiv der Selbstzünder-Fans: ein auf dem Treffen exponierter 800-cm³-Dreizylinder mit Turbolader von Mercedes-Benz, der nächstes Jahr von einer Firma aus Rastede in ein modernes Motorrad-Fahrwerk gepflanzt werden soll. Der Common-Rail-Einspritzer aus dem Smart leistet 40 PS und könnte für bisher ungeahnte Fahrdynamik in der Diesel-Motorradwelt sorgen. Es regnet wie aus Kübeln. An die geplante Ausfahrt ist kaum zu denken. Der Reihe nach lassen die Fahrer dennoch ihre Maschinen an. Wie beim Schlagzeug-Solo einer Rock-Band wippen die umstehenden Diesel-Fans im Viertakt mit. Schließlich geht es doch: In einer Regenpause begeben sich rund 30 Motorräder, darunter auch ein paar benzingetriebene, auf die kleine Deichtour entlang der Küste. Die Geräuschkulisse erinnert an einen Traktor-Konvoi. Fahrer und Maschinen scheinen sich auf dem platten Land wohl zu fühlen. Gemächlich tuckern sie über die schnurgerade Landstraße und verschwenden keinen Gedanken an den nächsten Tankstopp.

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