Dirk Raudies in der Krise (Archivversion) Gute Zeiten, schlechte Zeiten

Dirk Raudies wird seit seinem WM-Triumph 1993 von einer hartnäckigen Pechsträhne verfolgt - und sucht beharrlich nach Wegen aus der Krise.

Wer gleich in den ersten Rennen vorn mitfährt, surft auf einer Erfolgswelle durch die Saison. So wie Peter Öttl, der zum WM-Auftakt in Malaysia und Indonesien Dritter wurde und nun den Grand Prix in Mugello gewann. Oder wie Dirk Raudies 1993, als er gleich drei Siege hintereinander anhäufte und trotz Sturz in Jerez und Streit im Team triumphal zum Titel weiterfuhr.Doch wer in den ersten Rennen keine Ergebnisse bringt, hat es schwerer als die anderen. »Du darfst keinen weiteren Ausfall riskieren, mußt aber trotzdem mit 110 Prozent Einsatz fahren, um den Rückstand wettzumachen. Die Quadratur des Kreises«, sagt Dirk Raudies.Der Oberschwabe weiß, wovon er redet. Zum Saisonauftakt 1994 erwischte er die falschen Reifen und wurde Zehnter. Kurz darauf in Japan blieb er mit qualmendem Motor an der Strecke stehen, weil es einen Simmerring zur Kurbelgehäuseabdichtung herausgedrückt hatte und der Motor Getriebeöl zog. Und nach einem kapitalen Kurbelwellenschaden beim niederländischen GP in Assen war die Titelverteidigung schon kein Thema mehr - Raudies wurde mit drei Saisonsiegen Vierter der 125er WM.Noch verheerender war der Start in die Grand Prix-Saison 1995. Raudies wurde von der Maschine des gestürzten Australiers Garry McCoy unschuldig aus dem Sattel torpediert und verpaßte so den möglichen Sieg. Eine Woche danach versank er mit geschnittenen Slicks in der Sintflut von Malaysia und stürzte wenig später beim dritten Rennen im japanischen Regen. Kaum hatte er sich aufgerappelt, rollte er in Italien in Führung liegend aus - ein Zündgenerator war wegen Vibrationen gebrochen. Zum Saisonende kam es noch einmal knüppeldick: Sturz und dreifacher Beckenbruch beim tschechischen GP in Brünn. »Wenn du Pech hast, hängt es dir hinterher«, stellt Raudies fest, der die Saison mit einem einzigen Sieg in Assen als Fünfter abschloß.Wie hartnäckig das Pech an seinen Stiefeln klebt, zeigt der Saisonstart 1996. Dirk stellte seine Honda beim ersten Rennen in Malaysia wieder mit gebrochener Kurbelwelle ab. In Indonesien entdeckte Techniker Ulli Maier gerade noch rechtzeitig einen fehlerhaften Zylinder und ersparte dem Chef einen weiteren technischen Ausfall.Doch dann nahm das Schicksal erneut seinen Lauf: In Japan fuhr Dirk Raudies erstmals in seiner GP-Karriere ohne technische Not an die Box. »Ich habe nichts gefühlt auf dem Motorrad und gefroren wie die Sau. Mir war schwindlig. Kaum zuhause angekommen, lag ich eine Woche mit 40 Grad Fieber im Bett«, erzählt der Exweltmeister.In Spanien nahmen die Sorgen mit dem Getriebe, in dem die Zahnräder mit dem KLS-Schaltautomaten nicht richtig rasten wollten, derartige Ausmaße an, daß das Wochenende mit ständigen Umbauten verstrich - umsonst, denn Raudies kam abermals nicht über den 13. Platz hinaus.Zum Italien-GP in Mugello kaufte Raudies kurzerhand ein neues Getriebe, doch der Verdacht, die mikrogestrahlten, speziell vergüteten Getrieberäder seien die Ursache allen Ärgers, erwies sich als unbegründet. Weiterhin kam es zu den nervtötenden Schaltfehlern, bis sie Raudies am Ende einfach hinnahm.Ein Strategiefehler wie am Renntag von Mugello wäre ihm unter anderen Umständen wohl nicht passiert: Raudies ließ eine längere Gesamtübersetzung einbauen, worauf er nach einem Blitzstart aus der ersten Reihe zügig zurückfiel. »Für den Windschatten war die Übersetzung perfekt, doch ich bin nicht mehr gescheit aus den Kurven herausgekommen. Der Motor fiel in den Drehzahlkeller, in jedem Eck ist mir einer reingestochen«, schildert Dirk. »Drei Runden vor Schluß wollte ich noch retten, was zu retten ist. Dabei ging schlagartig das Hinterrad weg, fing sich wieder und warf mich ab«.Raudies wurde auch an den empfindlichsten Körperteilen grün und blau geschlagen und weiß »nur noch so komische Bruchstücke« von den Minuten nach dem Sturz, weil er halb bewußtlos abtransportiert wurde.»Dieses Jahr ist es vernichtend. Alles kommt auf einmal. Eine Katastrophe. Jetzt bin ich 15. in der WM - ich dreh´ durch«, murmelte er Stunden später auf Kissen gebettet in seinem Bus. »Beim Fahren habe ich ganz vorn immer etwas Rotes leuchten gesehen und dachte: Ha, der Öttl! Diesen Erfolg gönne ich ihm - das täte mir auch gut!«Statt dessen sucht er den mühsamen Weg aus der Krise, die durch das unterkühlte Verhältnis zu Honda Deutschland-Sportchef Hanns Eisner nicht gerade gemildert wird. Nach den anhaltenden Technik-Sorgen zum Saisonauftakt hatte Raudies seine Honda öffentlich als minderwertig bezeichnet und im Frust angekündigt, 1997 die Klasse oder das Fabrikat zu wechseln. »Das Problem: Aprilia hat einen Schritt vorwärts gemacht, Honda tritt auf der Stelle. Nur Aoki ist eine Ausnahmeerscheinung, der ständig am Limit fährt und eine immense Zweikampfstärke hat. Doch beim Hinterherfahren sehe ich auch bei ihm, wie es rattert und stempelt«.Eisner reagierte auf Raudies’ Kritik mit einem Schreiben, in dem von »massiver Rufschädigung« und der klaren »Empfehlung, das Fabrikat zu wechseln« die Rede war. Seither glauben manche Kritiker, Raudies habe sich seine Zukunft vorlaut verbaut und sei mit seiner Karriere am Ende. In Mugello machte sogar das Gerücht die Runde, er werde zum Saisonende zurücktreten.Doch der zähe Schwabe hat schon ganz andere Probleme gemeistert und denkt gar nicht daran, das Handtuch zu werfen. »Rücktritt? Ich bin doch erst 31. Wenn ich mich recht entsinne, hat Toni Mang mit 32 seinen ersten Weltmeistertitel gewonnen. Ich möchte noch viele Jahre fahren«, hält Dirk dagegen und verweist auch die Behauptung ins Reich der Legende, daß er als zweifacher Familienvater, Töchterchen Anna Katharina ist gerade mal 14 Monate alt, nicht mehr so herzhaft am Gasgriff drehe. »Ständige Techniksorgen können dich so zermürben, daß du wegen der schlechten Resultate den Glauben an dich selbst verlierst. Aber wenn ich den vierten Platz in Indonesien und den vierten Trainingsrang in Mugello anschaue, sehe ich, daß ich das Fahren noch nicht verlernt habe«, sagt Raudies. »Und Familienvater bin ich schon seit neun Jahren. Das spornt mich eher noch zusätzlich an«.Auch politisch bleibt er gradlinig. »Als ich für Honda 1993 den WM-Titel gewonnen habe, hat sich auch keiner beschwert. Und da ich meine Teile sowieso teuer bezahlen muß, sehe ich keinen Grund, meinen Mund zu halten«, denkt Raudies überhaupt nicht daran, bei Honda zu Kreuze zu kriechen. Im Notfall bezieht er seine Ersatzteile lieber direkt aus Japan, wo man dem oberschwäbischen Dickkopf eher gewogen ist.Auch den Gedanken an einen Klassenwechsel hat er vorläufig verdrängt. »In der jetzigen Situation muß ich alles vergessen, was ich darüber gesagt habe. Denn wenn es so weitergeht, habe ich für 1997 nicht einmal meinen WM-Startplatz fix«, malt Raudies ein düsteres Bild.Und hellt es, wie es so seine Art ist, auch gleich wieder auf. »Wenn ich von jetzt ab jedes zweite Rennen gewinne, können wir wieder über einen Klassenwechsel reden.“

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote