Dragster in Hockenheim (Archivversion) Freie Rauchzone

Viele der Dragster-Piloten mögen Nichtraucher sein. Dies gilt allerdings nicht zwischen der Startampel und der Ziellinie eine Viertelmeile später.

Drag Racing strapaziert alle Sinne, nicht nur beim Fahrer auf dem nur sekundenkurzen Ritt die Viertelmeilen-Gerade hinunter, sondern vor allem bei den gut 40000 Fans auf der Tribüne im Motodrom Hockenheim.Kaum noch durchdringbarer Rauch nach dem Burn-out sowie der süßliche und doch schneidende Geruch des explosionsartig verbrennenden Nitromethan-Sprits in den Top-Klassen setzen sich in der Nase und sämtlichen Poren fest. Selbst Tage nach dem Speed-Gewitter reicht die kleinste Erinnerung wie etwa die Fotoauswahl zusammen mit dem Grafiker, um scheinbar Nitro- und Gummirauchschwaden durch das Büro wabern lassen.Die Augen der Hochgeschwindigkeitsfanatiker müssen zumindest schnell genug sein, um etwa Competition-Bike-Sieger Eric Teboul aus Frankreich folgen zu können, bis er nach weniger als sieben Sekunden mit deutlich über 320 km/h auf der Geraden im Hockenheimer Wald verschwindet.Über 1000 PS beschleunigen die schnellsten Maschinen der Dragstrip-Formel 1 auf zwei Rädern mit vergleichsweise kleinen Motoren. Nur knapp 1500 cm3 Hubraum zum Beispiel hat Tebouls Reihenvierzylinder, der, beim britischen Spezialisten Puma aus dem Vollen gefräst, wie die meisten Spitzentriebwerke im Motorrad-Drag-Racing noch ganz grob an Yamaha-Triebwerke aus der Ära FJ oder XS erinnert.Extreme Kompressoraufladung sowie äußerst ausgeklügelte und höchst diffizil abzustimmende Einspritzsysteme mit bis zu zehn Injektionsdüsen sorgen für die exorbitante Leistungsausbeute. In Sachen Literleistung sind gegen diese Bikes sogar die besten Auto-Dragster, die Top Fueler, müde Gurken. Denn die holen ihre bis zu 5000 PS aus V8-Boliden mit komfortablen 8,2 Liter Hubraum. Akustisch allerdings waren die Vierrad-Monster, die zugegebenermaßen noch mal knapp zwei Sekunden schneller die Viertelmeile herunterhetzen, den Bikes seither überlegen. Bis der Schwede Anders Karling mit seiner Buell in der Super-Twin-Top-Fuel-Klasse auftauchte, der zweithöchsten Motorradklasse, einer Art Reservat für Harley-Derivate, die gegen die Vierzylinder-Tiere scheinbar auf verlorenem Posten stehen. Noch radikaler als die V8-Raketen brüllte zum Entzücken der Harley-Freaks die gewaltige Neukonstruktion, die mit ihrer eigenartigen Zuluftführung an der rechten Motorseite ganz entfernt tatsächlich an die Serienmaschinen der Harley-Sportmarke erinnert und so die unübersehbaren Buell-Sticker zu Recht trägt. Und ihren Sound generiert einem in dieser Klasse eher bescheidenen Hubraum von 1800 cm3.Rund 800 PS mobilisieren die ansonsten bis zu 2,6 Liter großen V2-Triebwerke, die nur noch durch den 45-Grad-Zylinder-Winkel und bei einigen besonders Traditionsversessenen die untenliegende Nockenwelle mit überlangen Stoßstangen zur Ventilsteuerung ihre Abstammung aus Milwaukee verraten.In Hockenheim waren die Super Twins übrigens kaum langsamer als die nach Papierform überlegenen, weitgehend unlimiterten Competiton Bikes mit Vierzylindern. Mit 7,069 gegenüber Eric Tebouls 7,030 Sekunden unterschieden sich die Siegerzeiten nur minimal. Offenbar konnten die Twins, die auch bei Maximalleistung kaum höher als 5000/min drehen, ihr mit brachial noch bescheiden beschriebenes Drehmoment auf der Viertelmeile im Motodrom ideal in Vortrieb umwandeln. Und die rund 200 Mehr-PS der Vierzylinder verwandelten sich bei 11000/min in Rauch und Gummigeschosse.Bei aller akustischen Überlegenheit rollte nach den letzten 402 Metern im Finale aber nicht der donnernde Hammer des Nordmanns Karling als Sieger aus, sondern der Niederländer Rob van Geffen auf einer Harley des Zodiac-Teams, einer Spezialfirma für extreme Veredelungsteile jeglicher Art für das All-American-Bike.Wenn die etwas sensibleren Bereiche der verschiedenen Sinnesorgane das Brutalo-Bombardement der Top Fuel-Dragster einigermaßen überstehen, kann der Speedfreak bei den Rennen der »produktionsnahen« Kategorien Super Street und Pro Stock feinste Japan-Hightech mit auch über 300 PS erleben. Die Pro Stock Bikes müssen eine seriennahe Silhouette präsentieren. Und der von einer Standardmaschine abstammende Motorblock darf nicht wie in den meisten anderen Drag-Race-Klassen aufgeladen werden. Keine Turbolader also, keine Kompressoren, kein Lachgas, dafür Drehzahlorgien jenseits der 15000/min.Dass in dieser Kategorie neuerdings vermehrt auf die Optik und Motorenbasis des Suzuki Hayabusa-Autobahnbrenners gesetzt wird, versteht sich fast von selbst. Immer noch nicht zu schlagen aber ist der Multi-Europameister der Pro Stock Bikes, Roger Petterson aus Schweden. Er treibt derzeit noch eine Maschine auf Basis der alten Suzuki GSX-R 1100 über den Drag-Strip. 1500 cm3, 300 PS - und mit 7,587 Sekunden im Finale nicht viel langsamer als die Top Fuel-Granaten mit doppelter und dreifacher Leistung.Nicht wesentlich schwächer als die Pro Stocks sind die Super Street Bikes. Hier ist Aufladung und Lachgas erlaubt, allerdings werden die »Straßenmaschinen« durch einen regulären Motorradhinterreifen und das Fehlen der Wheeliebar eingebremst. Mit dem glücklichen Sieg des Deutschen Rudolf Thurmayr wurde hier zu guter Letzt auch noch der Lokalpatriotismus befriedigt.

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