Dragster in Hockenheim (Archivversion) Reiner Wahn

Eine Viertelmeile geradeaus - Power und Speed pur. Dragster-Piloten bringen den Motorsport in seine archaische Urform.

Die Ampel springt auf Grün, und nach 400 Metern unter ohrenbetäubendem Lärm ist alles vorbei. Dragster-Piloten treiben den Motorsport in der ursprünglichsten und doch hochmodernen, quasi digitalen Form.Bis zu 1100 PS feuern die stärksten der »Competition Bikes«, der Formel 1 der Motorrad-Dragster, auf ihre hyperbreiten, mit gerade mal 0,4 Bar schlapp belüfteten Reifen. Und explodieren damit auf der Viertelmeile in weniger als sechseinhalb Sekunden auf bis zu 350 km/h. Top-Fahrer wie der niederländische Europameister Roel Koedam oder sein Hauptwidersacher, Dragster-Legende Eric Teboul aus Frankreich, setzen auf Nitromethan-betriebene, Reihenvierzylinder- Kompressormotoren mit rund 1500 cm³, die in ihren Basis-Dimensionen entfernt an Big Bike-Triebwerke vom Schlage einer Kawasaki ZZ-R 1100 oder Yamaha XJR 1300 erinnern. Ansonsten aber sind die Sekunden-Brenner von Grund auf Spezialkonstruktionen, Motorgehäuse und Zylinder aus dem vollen Aluminium gefräst.Solche Hyper-Bikes sind natürlich auch hochsensible Geräte. In Hockenheim, vor knapp 50000 Speed-Freaks, zeigten ausgerechnet die beiden Überhämmer Launen. Zuerst Koedam und im zweiten Halbfinale auch Teboul kamen mit Motorproblemen nur zögerlich aus der Startzone und mußten die EM-Titelentscheidung vertagen. Lachender Dritter war der Brite Stephen French mit einer für Competition Bikes noch relativ zurückhaltend anmutenden Maschine, der man die Abstammung von einer Kawasaki ZZ-R 1000 nicht nur des Plastikkleides wegen noch deutlich ansah.Mindestens das gleiche Feuerwerk aus Speed, Rauch und Flammen wie die Dragster-Top-Liga brennen die Super Twin Top Fuel-Bikes ab, die Battle of the Twins der Viertelmeile. Auch hier hypersensible Extrem-Technik, ebenfalls aus dem vollen Alu gefräste Zylinderblöcke, Kompressoraufladung, Nitromethan-Sprit. Bis zu 700 PS hämmern die V2-Motoren in den Asphalt. Zeiten um sieben Sekunden und 325 km/h markieren in dieser Klasse die Meßlatte für einen Sieg.Um so mehr beeindrucken diese Werte, weil die V2-Gewittermaschinen mit über zwei Litern Hubraum ihre Wurzeln meist in Milwaukee haben. Auch wenn der alte Harley-Twin nur den Zylinderwinkel und, erstaunlich genug, in einigen Fällen die untenliegenden Nockenwellen mit Ventilsteuerung über ellenlangen Stoßstangen an seine pfeilschnellen Enkel vererben konnte.Genauso speziell wie das Maschinenmaterial sind die Aktiven in der Super Twin Top Fueler-Szene. Die Chance, auch mit ihren, wie sie selbst sagen, »Öfen« zu rennen, zog die etwas härteren Freunde des All American Bikes recht zahlreich an den Drag Strip. Blitzsauber und technisch hervorragend präpariert, treten hier Bikes der Hell Angels, von MC Gremium oder Bones zum friedlichen Wettstreit an. Und der Beste von ihnen steht, wie es sich gehört, ganz vorn. Werner Sohm aus Österreich trägt den Titel Europameister und Europarekordhalter mit der einzigen bisher realisierten Viertelmeilen-Zeit unter sieben Sekunden. Auf seinem Rücken prangt statt des Logos eines Hauptsponsors wie selbstverständlich das Patch der »Hells Angels Austria«.In Hockheim aber wurde der Höllenengel entzaubert. Sohm behielt zwar seinen Europarekord und auch die Führung in der Meisterschaft. Den Sieg und die höchste bisher in Europa gefahrene Geschwindigkeit, ein Wert, der den Dragster-Fahren kaum weniger bedeutet als die Viertelmeilenzeit, mußte er abgeben an den Finnen Jaska Salakari, der mit 2,6 Liter Hubraum und 329 km/h den Begriff Big Twin in eine neue Dimension trieb.Den klassischen Gegenpol zu denn High Tech-Abteilungen der verschiedenen Rocker-Clubs stellt der Bayer Günter Ratsch mit seiner Ducati 916 in der Klasse Super Twin Top Gas dar. Von einem 955 cm³-Superbike-Triebwerk mit Turbolader, gemäß den Regeln in dieser Klasse mit Benzin betrieben, gewaltig beflügelt, düpiert der im Drag-Strip-Gewand mit verlängerter Gabel und Schwinge sowie Wheelie Bar hochexotische Edel-Renner aus Bolgona immer wieder die US-Bike-Platzhirsche.Voll italienischer Eleganz schießt die rote Schönheit aus der Startanlage und zu allseitiger Überraschung mit kaum markanten Geräuschen, außer dem hochfrequenten Pfeiffen des Laders. Aber dies verstummte erst nach dem Finale. Den nur der Finne Risto Toikkanen konnte mit seiner 2,3 Liter-Harley den alpenländischen Angriff auf heiligstes US-Dorado einbremsen - noch.

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