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Dragster-Rennen NitrOlympX in Hockenheim Jockeys auf rasenden Pulverfässern

Warum kompliziert, wenn es einfach so schön laut sein kann? Wer für den jährlichen Ausputz seiner Gehörgänge eine unterhaltsame Dröhnung benötigt, ist bei den Dragsterrennen NitrOlympX in Hockenheim genau richtig. Ampel an, ­Ampel aus – dann brennt die Luft im Motodrom.

Es geht nur um vier Zahlen, der Dragstersport ist scheinbar ganz einfach. Sekunden, Zehntelsekunden, Hundertstelsekunden, Tausendstelsekunden. Eine Zahl vor dem Komma und drei dahinter. Schwarz auf weiß auf einem kleinen Papierausdruck oder leuchtend auf einer riesengroßen Anzeigentafel. Weitere Zahlen helfen, die Ergebnisse besser zu deuten. Reaktionszeit, Zwischenzeiten, erreichte Höchstgeschwindigkeit. Steht ein Dragsterpilot an der Startampel, befindet er sich in einer sehr komplexen technischen Welt. Eine Welt des meisterhaften Tunings und der Ladedrücke mit explosiven Kraftstoffen, exklusiven Materialien, Kupplungsjustierung und vielen weiteren Parametern.

Eine Welt der Vorbereitung, die final aber immer in vier Zahlen mündet. Exakt ab jenem Moment, dem einen entscheidenden Moment, wenn die Ampel auf Grün springt, ist diese Welt aber schlagartig Vergangenheit. Auf der nun anstehenden Viertelmeile, also 402,34 Metern, katapultiert sich ein Dragsterfahrer samt Untersatz in eine Art Zwischenraum der Zeitrechnung. Ein für die menschlichen Sinne schwer erfassbarer, undefinierter Raum – ummantelt von Qualm und unbändigem Getöse. Der Jockey auf seinem rasenden Pulverfass agiert mit trainierter Routine und Reflexen. Sie sind der limitierende – oder der den Sieg bringende Faktor. Das Ende dieses nur wenige Sekunden andauernden, nahezu hypnotischen Ereignisses ist dann wieder mit gleißend hellen Zahlen auf der Anzeigetafel zu greifen. Abbremsen, ausrollen – es folgt der Wiedereintritt in die bekannte Welt der Technik und der Vorbereitung. Vielleicht mit einer neuen persönlichen Bestzeit, einem Sprung ins nächste Duell oder einer klatschenden Niederlage. Aber ganz egal, welche Zeitstufe der ewigen Bestenliste ein Beschleunigungsjünger auch erreicht: Es bleibt ein nie endender Trip hin zum perfekten Run.

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Burn-out bringt Reifen auf Betriebstemperatur

Samstag, vierte und letzte Qualifikation für die Zweiradklassen: Dennis Junge, der 31-jährige Super-Street-Bike-Cup-Fahrer aus Hamburg, atmet ruhig und tief, um seine Konzentration zu halten. Den Burn-out, der die Reifen auf Betriebstemperatur bringt, hat er eben absolviert, und er rollt in Richtung Startampel, als unmittelbar vor seinem Lauf die Streckenmarshalls die Piste dichtmachen, um Öl abzubinden. Also bleibt er auf seinem grau-orangefarbenen Dragster sitzen und atmet gedankenversunken. Eine einzige Chance gibt es jetzt noch für ihn, sich für das 16-köpfige Hauptfeld, die sogenannten Eliminations, am Sonntag zu qualifizieren. 32 Starter in seiner Klasse sind für Dragsterverhältnisse schon ein reichlich hoher Stolperstein. In der Königsklasse, den 1000 PS starken, mit Nitromethanol befeuerten „Top-Fuel-Bikes“ mit Vierzylindern, Kompressoraufladung und tiefen „Sechser“-Zeiten, gibt es gerade mal vier Starter. Eine halbe Sekunde langsamer sind die mächtigen Zweizylinder, mit über drei Liter Hubraum, 900 PS, Nitromethanol und sechs Startern.

In der Pro-Stock sind es niedrige „Siebener“-Zeiten bei sieben Startern. Da donnern klassisch getunte Zwei- und Vierzylinder ohne Aufladung die Viertelmeile runter. Europameistertitel können in allen erwähnten Klassen gewonnen werden. Was aber macht eine Klasse wie die Street-Bikes so populär? Dennis Junge und sein Kumpel Mark Oliver Stahl, der mit einer lachgasbetriebenen Maschine auf Suzuki GSX-R 1000-Basis ebenfalls bei den Super-Street-Bikes antritt, können das ganz entspannt erklären.

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Foto: Jahn
Das ist eine Welt des meisterhaften Tunings und der Ladedrücke mit explosiven Kraftstoffen, exklusiven Materialien, Kupplungsjustierung und vielen weiteren Parametern.
Das ist eine Welt des meisterhaften Tunings und der Ladedrücke mit explosiven Kraftstoffen, exklusiven Materialien, Kupplungsjustierung und vielen weiteren Parametern.

Freitag, die Wagenburg der Ladedruckjungs aus Pinneberg. „Straßenzugelassene Reifen, keine Wheeliebar, limitierter Radstand, Optik an das Ursprungsmotorrad angelehnt und normales Benzin“, so vermitteln die beiden das Konzept dieser Klasse. „Wir kommen selbst aus der Flugplatzszene mit unpräparierten, also nicht mit einem gummiartigen Kleber versehenen Strecken wie hier, und da schnappen wir uns in der Regel auch immer einen Pokal. Hier ist die Luft allerdings ganz, ganz dünn. Wir haben uns von den ‚Public Races‘ hochgefahren und arbeiten jetzt am Gesamtpaket. Unsere Motorräder haben vielleicht einen Materialwert von 20.000 Euro, während vorn ein Bike im Wert eines Einfamilienhauses an der Ampel steht, was auf den ersten Blick so keiner sieht. Leistung in dieser Klasse ist auch nicht das große Ding, es geht um Fahrbarkeit. Du musst deine Zeit ohne Slicks und Wheeliebar auf die Bahn bringen."

"Unser Hauptproblem ist, dass es keine permanente Strecke in Deutschland gibt, wo wir etwas testen können. Die Engländer oder die Schweden haben ausreichend Trainingsmöglichkeiten, ja selbst in Malta gibt es eine Piste auf US-Niveau. Wenn ich mir den Zeitenausdruck anschaue, bin ich mit meinen 370 PS und der Endgeschwindigkeit ganz gut dabei. Aber beim Start fehlt es. Wir beide sind wahrscheinlich die Einzigen im Feld, die noch mit normaler Kupplungsbetätigung und nicht mit einer Fliehkraftkupplung unterwegs sind. Egal, das Ziel ist die Acht vor dem Komma, während die Schnellsten unserer Klasse sehr tiefe ‚Siebener‘-Zeiten brennen. Aber wir bleiben auf alle Fälle dabei und gehen im Winter erst mal in den USA shoppen“, so ein gut gelaunter Dennis.

Vorn Seifenkiste, hinten Motor und zwei Slickwalzen

Samstag, zurück bei den letzten Qualifikationsläufen. Während die Zweiräder aller Klassen noch in Warteposition stehen, kommt der eigentliche Höhepunkt jeder Dragsterveranstaltung: die vierrädrigen Top-Fueler. Vorn Seifenkiste, hinten Motor und zwei Slickwalzen. Der Fahrer dazwischengequetscht. Ein Lauf dieser Monster mit V8-Motoren und Leistungen über 8000 PS lässt sich einfach nicht in Worte packen. Weder technisch noch philosophisch.

Als ob Magie das Ungetüm samt seinem Inferno urplötzlich verschwinden lässt, löscht es ganz nebenbei selbst beim Zuschauer Sekunden des Unbewusstseins aus. Ein Stakkato des Brachialen – und das Hirn macht Pause. Das abrupte Ende. Dennis Junge geht an den Start. Strecke frei, zack, raus aus der Ruhe, Motor an, Anspannung, zweiter Gang, Burn-out. Und dann langsam Richtung Ampel vortasten. Aber plötzlich: Verzweifelte Blicke, Handzeichen und sofortige Klarheit – Kupplung verraucht, das geht schnell. Helm ab, durchschnaufen und direkt den gelebten Dragster-Optimismus: „Kein Problem, gehört eben dazu. Wir kommen wieder, ganz sicher!“

Weitere Infos zu den NitrOlympX

Bei den NitrOlympX gibt es im wahrsten Sinne auf die Ohren, in die Augen, in die Nase. Für zartbesaitete Schöngeister ist dies wahrlich die falsche Veranstaltung. Genauso wie für Schwachköpfe, die ihre Kinder ohne Gehörschutz springen lassen. Aber machen wir nicht rum: Wer nur einen Funken Begeisterung für Verbrennungsmaschinen und gediegenen Wahnsinn besitzt, sollte einmal in seinem Leben dort gewesen sein. Nicht umsonst kommen zu den NitrOlympX fast so viele Zuschauer wie zur Formel 1. Die Eintrittspreise liegen allerdings auf gehobenem Niveau.
Mehr Infos: www.nitrolympx.de

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