Drei-Länder-Winterfahrt (Archivversion) Eisflitzer

Sie kurven vereiste Sträßlein rauf und sollten auch noch wissen, wer Herkules’ Eltern waren. Alles der wichtigen Punkte wegen, die über Sieg und Niederlage entscheiden.

Am Anfang war das Spachteln: Eisschicht weg von Mopeds und Gespannen, Nahrhaftes in den Magen. Gleich in rauhen Mengen. Weil später keine Zeit mehr bleibt, in anheimelnden, mollig warmen Schwarzwälder Gaststuben lokale Tortenspezialitäten zu verputzen. Denn mit dem Tag - es ist frühmorgens, um nicht zu sagen halb sechs - zieht auch eine der größten Herausforderungen an den allgemeingebildeten und beinharten Motorradfahrer herauf: die Drei-Länder-Winterfahrt - so eine Art nordischer Kombination aus Biken, Quiz und Geschicklichkeitsübungen. Wer es geschafft hat, die vertrackt versteckten Anfahrpunkte in den Vogesen, dem Schweizer Jura und im Schwarzwald anzusteuern, kann nämlich extra Punkte sammeln, wenn er weiß, daß Hephaistos der griechische Gott der Schmiedekunst ist, und obendrein genügend Puste hat, ein raffiniert gestecktes Ensemble Kerzen zum Verlöschen zu bringen.Um sechs greift Caruso, ein leidenschaftlicher Kradler im Schnee, am Posten Präger Böden im Südschwarzwald seine Bordkarte ab. Darauf sind die acht Zielpunkte eingezeichnet, von denen er mindestens drei in zwei Ländern abfahren muß. Schnell machen Gerüchte die Runde: »Hast du schon gehört, daß die Zufahrten in den Vogesen total vereist sein sollen.« Caruso läßt das kalt, obwohl’s nur läppische fünf Grad unter Null hat. »Alles Quatsch, ich probier’s einfach.« Schließlich kann hinter solchen Horrormeldungen auch taktisches Kalkül stecken. Die liebe Konkurrenz will den Mitbewerbern die Routen vermiesen, weil sie gar kommod zu meistern sind. Ein bißchen Pokern gehört eben auch dazu. »Wenn du auf der Anfahrt hängen bleibst und den Posten nicht erreichst, gibt es keine Punkte«, erklärt Winterfahrt-Routinier Armin Laible aus Freudenstadt. »Und wenn du wegen dem Blödsinn dann zu spät ins Ziel kommst, ziehen sie dir noch mal Punkte ab.« Wer auf die vorderen Plätze will, muß also Gas geben.Ferdi Kühn aus der Schweiz will unbedingt. Er hat die Drei-Länder-Fahrt vor einem Jahr gewonnen. Zwei vor sechs schimpft er noch über den fürchterlich milden Winter, Schlag sechs ballert er mit seinem Guzzi-Gespann vom Hof. Schließlich will er alle Stationen abklappern. Nordlicht Fred dagegen sucht nicht den Erfolg, er begnügt sich mit dem Spaß. Okay, heil ankommen, wäre nicht schlecht. Wer freitags seine Honda NX von Oldenburg in den Schwarzwald treibt, samstags den Parcours abfährt und schon sonntags wieder zurück ins Holsteinische möchte, müßte eigentlich eh zum inoffiziellen Winterkönig gekrönt werden. Aber hier sind die echten Allwetterfahrer unter sich. Der Brite John Haind hat sein Triumph-Gespann mit den 100 000 Kilometern auf der Uhr doch tatsächlich an einem Tag in den Schwarzwald chauffiert, weil er in diesem Winter bislang noch keinen Schnee gesehen hatte. Jetzt kriegt er ihn satt. Und nicht nur dank beheizter Handschuhe, Lenkerstulpen, wattiertem Unterzeug, Gore-Tex-Klamotten und extrem isolierenden kanadischen Outdoor-Stiefeln wird’s ihm schön warm ums Herz. Die XT, RD 250 oder bestollten MZ und die vielen älteren Gespanne quälen sich die steilen Zufahrten zu den Kontrollposten hoch. Auf den zwölf Kilometern vereister Piste hinterm schweizerischen Gänsbronnen probieren’s manche mit Absteigen und rohen Kräften, die hier sinnvoll walten, andere mit Ketten, Spikes und Schwung. »Als Krönung der Schinderei mußt du oben dann ein Text vorlesen, der mit Bildsymbolen gespickt ist«, schimpft Armin, »dabei bist du vom Schieben noch ganz außer Atem.« Erst im Ziel treffen sich alle Teilnehmer, die sich ja von verschiedenen Startpunkten auf die Reise gemacht haben. Nur vier Starter haben das Pensum nicht geschafft, 29 Solisten und 56 Gespanne kamen in die Wertung. Den ersten Platz sicherte sich übrigens Ulrich Renger aus Pforzheim vor Vorjahresieger Ferdi aus der Schweiz.

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