Drei-Stunden-Enduro in Reisersberg––––– (Archivversion) MENGEN-LEHRE

Wenn nichts mehr geht, helfen oft nur noch neue Ideen. Mit einem verblüffend einfachen Konzept revolutionierte die Interessengemeinschaft Endurosport (IGE) die Stollenszene - und betreibt seitdem die populärste Off Road-Serie Deutschlands.

Das Fahrerlager gleicht einem Ameisenhaufen. Viertakter bollern sonor vor sich hin, Zweitakter spucken blechern ihre bläulichen Qualmwolken aus den zierlichen Auspuffendstücken. Während die gesetzteren Herren der Senioren-Klasse mit dreckverkrustetem Schnurrbart und dampfenden Gesichtern eben von ihrer dreistündigen Schlammschlacht zu Muttern ins Wohnmobil zurücktuckern, schleppen die Kollegen der Serienenduro-Kategorie bereits Werkzeugkasten, Benzinkanister und Putzlappen zum Startplatz. Ein Hauch von Le Touquet, dem legendären Strandrennen an der französischen Kanalküste, liegt über der Szene - nur die Seeluft und der Dünensand fehlen. Mit bis zu 600 Startern haben die Veranstaltungen zur diesjährigen Drei-Stunden-Enduro-Serie der Interessengemeinschaft Endurosport, kurz IGE genannt, jedoch annähernd die Dimension des gallischen 800-Mann-Auftriebs erreicht. Und auf alle Fälle einen nationalen Teilnehmerrekord im Off Road-Metier aufgestellt. »Es gibt hunderttausende zugelassener Enduros hier in Deutschland. Die Leute möchten doch irgendwann mal damit im Gelände fahren können. Diese Gelegenheit wollen wir ihnen eben bieten«, erklärt Friedhelm Brandner, Mitinitiator, Geschäftsführer und vor allem der gute Geist der IGE, fast zu einfach und bescheiden die Erfolgsstory.Wobei der Schlüssel zur aktuellen Popularität in der Tat in der Simplizität der Stollendinge bei den IGE-Enduristen liegt. Teure Fahrerlizenzen, oft überpingelige technische Kontrollen der Maschinen oder egozentrische Funktionäre können sich Brandners Jünger schenken. Anmelden, Nenngeld bezahlen (siehe Kasten Seite 181), und los geht´s. Auch der Austragungsmodus ist leicht verständlich: Wer nach drei Stunden die meisten Runden gefahren hat, ist Sieger. Bei gleicher Rundenzahl entscheidet letztlich die abschließende Sprintrunde nach dem gemeinsamen Le Mans-Start über das Ergebnis in den einzelnen Klassen. Denn von der Damen-Riege über die Serien-Enduristen, der Zweizylinderfraktion, den Zwei-Mann-Teams und sogar den ausgebufften Enduro-Cracks wird der Massen-Andrang gezielt in zehn Kategorien gefiltert. Jedem die Seinen. Das Seine erhält der Stollenfreak spätestens auf der Strecke. Denn im Gegensatz zu traditionellen Enduro-Wettbewerben wo meist asphaltierte Asphaltwege zwischen den gezeiteten Sonderprüfungen liegen, konzentriert sich Brandners Truppe auf das Wesentliche: 100 Prozent Off Road stehen an. Die Spielwiese dazu bilden in der Regel permanente Moto Cross-Strecken, aus denen die IGE-Mannen mit kundigem Händchen endurogerechte Pisten bauen.Wie beispielsweise auch beim Drei-Stunden-Event im bayrischen Reisersberg. Mit kilometerlangen Trassierbändern verkleidete sich der Kurs, auf dem regelmäßig sogar WM-Crosser ihre Flugtage abhalten, ins zerknitterte Enduro-Gewand. Steilauffahrten statt Table Tops, Wasserdurchfahrten statt Riesensprünge, nahezu endlose Spurrillen statt High Speed-Geraden und als Schmankerl noch einen Abstecher ins wurzeldurchzogene Unterholz - Endurofreak, was willst du mehr.Den Nerv der Enduro-Fraktion trifft die IGE-Truppe jedenfalls haargenau. Auch den der mittlerweile auf immerhin 25 Frauen angewachsenen Amazonen-Abordnung. Birgit Hartmann, in sportlicher Hinsicht Vorsitzende der weiblichen Truppe, weiß warum: »Bei den Drei-Stunden-Enduros entscheidet nicht die pure Kraft, sondern vor allem die Kondition. Und da können auch wir Frauen gut mithalten.« Wofür die 28jährige Allgäuerin regelmäßig den Beweis antritt. Ein Platz im vorderen Viertel der Gesamtwertung ist der technischen Zeichnerin üblicherweise sicher. Wobei das Thema Plazierung im IGE-Selbstverständnis generell eher einen untergeordneten Stellenwert einnimmt. Denn Klasse definiert sich für die Organisatoren in der noch jungen Serie zunächst nur über eines: die Zahl der Stollenritter. Off Road-Spaß für alle gilt nach wie vor als oberste Maxime im Brandnerschen Lager. Und in dieser Beziehung beweist die IGE-Crew, daß - zumindest bei kundiger Führung - Masse und Klasse nicht unbedingt getrennte Wege gehen müssen.

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