Drei-Stunden-Enduro (Archivversion) Grabenkampf

Tief in der Erde, da ist es schön. Wirklich? Die MOTORRAD-Off Roadler Gert Thöle und Peter Mayer prüften´s bei einem Drei-Stunden-Enduro.

Der Scheibenwischer des Redaktions-Transporters schiebt die dicken Regentropfen quietschend beiseite. Offensichtlich gehört es zu den Naturgesetzen, daß es auf Enduro-Veranstaltungen immer regnet. Wettergott Petrus bleibt uns den Gegenbeweis jedenfalls auch heute schuldig. Insofern brauchen Kollege Gert Thöle, im redaktionellen Alltag Service-Chef und ich, in unserer Postille für jedwede Rennerei mitverantwortlich, die Mundwinkel nicht hängen lassen. Wir hatten es so gewollt.Der Name hätte uns warnen müssen: Drei-Stunden-Enduro. Betonung auf Enduro, rein meteorologisch gesehen zumindest. Aarbergen-Kettenbach im Taunus, rein geographisch gesehen. Saison-Auftakt der insgesamt achtteiligen, sogenannten IGE-Drei-Stunden-Enduro-Meisterschaft 1997, rein sportlich gesehen. Das jüngste Kind der deutschen Enduro-Szene, rein geschichtlich gesehen. Und die erfolgreichste aktuelle Enduro-Serie obendrein, rein statistisch gesehen.Was sich so euphorisch anhören mag, hat seinen Ursprung allerdings eher im Negativen. Denn man lebt vom Sterben. Vom todgeweihten Dahinsiechen des traditionellen Enduro-Sports, der wegen behördlicher Verweigerungen bis auf ganz wenige Ausnahmen hierzulande fast völlig von der Bildfläche verschwunden ist.Doch Not macht erfinderisch. Und so verdankt die Enduro-Szene den Ziehvätern der Interessen-Gemeinschaft-Endurosport (IGE), dem leider kürzlich verstorbenen Nico Wegener samt aktuellem Primus Friedhelm Brandner, seit 1994 mit der Drei-Stunden-Enduro-Serie eben ihr jüngstes Off Road-Konzept.Das Rezept dafür ist einfach: Man nehme eine permanente Moto Cross-Piste, erweitere diese möglichst um einige Passagen über Wiesen und Wälder, integriere ein paar deftige Steilauffahrten, fertig ist der Enduro-Parcours. Auch in Sachen sportlichem Ablauf liegt die Genialität in der Einfachheit. Drei Stunden Fahrzeit sind vorgegeben. Wer die meisten Runden schafft, gewinnt. Fahrerlizenz ist keine nötig, dafür aber funktionierende Lichtanlage, moderate, enduromäßige Lautstärke und vor allem gültige Fahrzeugpapiere. Ein probates Gegenmittel, um das Heer der Enduro-Amateure nicht übermotivierten Moto Crossern auszuliefern.Gert und mich hat Meister Brandner in die Teamwertung gesteckt. Auch gut, geteiltes Leid ist schließlich halbes Leid. Außerdem sind wir die letzten, die gemeinsam mit den Lizenzfahrern am Sonntag nachmittag ihre Runden abspulen dürfen. Genug Zeit, um die Dinge, denen wir harren, ab Samstag morgen zu betrachten. Denn mit inzwischen regelmäßig mehr als 400 Stollenjüngern pro Veranstaltung hat die IGE-Drei-Stunden-Meisterschaft alle traditionellen Off Road-Serien überholt. Ein Erfolg, der nicht nur dem enduro-gerechten Streckenangebot zuzuschreiben ist, sondern der Art, mit der die IGE mit ihren Teilnehmern umgeht. Ohne umständlich zu lösende Fahrerlizenzen, bezahlt jeder Drei-Stunden-Endurist schlicht und einfach 55 Mark Nenngeld. Oft schikanöse Motorradkontrollen finden bei der IGE in freundlicher Atmosphäre statt. Und damit jeder unter seinesgleichen glücklich werden kann, teilt sich das Feld in insgesamt sieben Leistungsklassen auf.Die Anfänger-Kategorie poltert noch über einen vereinfachten Parcours. Aber von Klasse zu Klasse wird das Terrain diffiziler gesteckt. Und letztlich tut der Regen sein Möglichstes, um den Drei-Kilometer-Kurs vollends in ein unendliches Band von knietiefen Spurrillen zu verwandeln. Doch wir haben es so gewollt. Erstaunlicherweise regnet es nicht mehr, als wir endlich ran müssen. Gert übernimmt als Viertakt-Freak den Start. Die Husky springt auf Anhieb an. Wenigstens etwas. Doch der Verkehr in den ersten Runden ist enorm. Kein Steilhang, der nicht von Gestürzten blockiert würde. Warten ist angesagt. Oder das Risiko, sich auf unerprobten Spuren nach oben zu wühlen. Gert wägt schlau ab. Mal das eine, mal das andere. Alle acht oder neun Minuten donnert die Nr. 99 vorbei. Nach 40 Minuten drückt er den Viertakter in meine Zweitakt-gewohnten Hände. Schnell ein paar Tips über gute Linien, los geht´s. Was heißt hier gute Linien? Viele Spurrillen sind so tief, daß sie die Füße von den Rasten ziehen. Auch an den Steilpassagen. Und so bin ich jedesmal froh, wenn ich mich nach oben gewühlt habe. Auch eine Art Erfolgserlebnis. Allmählich kommen wir in Fahrt, wissen, wo die Schlammdurchfahrten am griffigsten, die Rillen am niedrigsten und die Steilhänge am flachsten sind.Drei Fahrerwechsel und zwei Tankstopps später ist alles vorbei. Wie schnell drei Stunden vergehen können. Wenig später verliest der Rennleiter die Ergebnisse. Die Startnummer 99 ist Zweiter. Wir wußten´s ja gleich. Ist doch toll, der Enduro-Sport. Meist scheint die Sonne, die Vorfreude ist gigantisch, und die Strecken sind vom Feinsten - rein subjektiv gesehen.

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