Dreifach-GP in der Moto-Cross-WM (Archivversion) Volle Konzentration

Alles auf einmal. Ab kommender Saison sollen die drei Moto-Cross-WM-Klassen auf eine Veranstaltungsserie konzentriert werden. Die Generalprobe fand in Holland statt.

Joel Smets, seines Zeichens dreifacher 500er-Moto-Cross-Weltmeister, gilt als cooler Typ. Doch im holländischen Valkenswaard nahe Eindhoven brauchte es nur ein einziges Wort, um den cleveren Belgier wie eine Bombe explodieren zu lassen. Nein, nicht Bervoets, obwohl sich der KTM-Werkspilot seinem Erzrivalen Marnicq Bervoets nach einer beeindruckenden Siegesserie in dieser Saison am Nachmittag erstmals im zweiten Lauf nach einem Sturz am Start hatte beugen müssen. Das aktuelle Reizwort für Smets heißt Luongo. Giuseppe Luongo, Chef der so genannten Action Group, die vor wenigen Jahren die Rechte an der Moto-Cross-WM von der internationalen Motorradsport-Föderation FIM abgekauft hat, wäre drauf und dran, so der Familienvater, die Weltserie der Stollen-Profis in den Abgrund zu stürzen. Was Smets als Anfang vom Ende seines geliebten Offroad-Sports fürchtet, bleibt zweifellos die wohl gravierendste Änderung in der Geschichte der Moto-Cross-WM. Denn seit beinahe einem halben Jahrhundert galt für die Crosser – von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen – das Prinzip der Klassengesellschaft. Sauber getrennt pflügten die weltbesten Stollenreiter in drei verschiedenen Hubraumkategorien an verschiedenen Wochenenden und in verschiedenen Ländern die Erde dieses Planeten meisterhaft um. Damit soll nun Schluss sein. Ab der kommenden Saison werden die Kunstflieger gemeinsam bei einer Veranstaltung auftreten. Und der GP in Valkenswaard diente knapp ein Jahr vor dem definitiven Relaunch als Schlüsselloch für einen Blick in die Zukunft der Offroad-GP werden . Was sich zunächst vernünftig und logisch anhören mag, besitzt in der Praxis so manche Fußangel. Weil sich Action Group in den vergangenen Jahren in Sachen TV-Präsenz und Betreuung fast ausschließlich auf die 250er-Klasse konzentriert hat, bläst der Equipe aus dem 500er- und 125er-Lager der Hass der Verschmähten entgegen. »Die 250er-WM wurde in einen Zirkus verwandelt, und jetzt sind wir dran«, kritisiert Smets die Machtergreifung Luongos. Was der rotblonde Flame abfällig mit Viertelliter-Zirkus bezeichnet, empfinden Fans und Luongo allerdings eher als Professionalisierung des Moto-Cross. Mittlerweile lassen piekfein lackierte Sattelschlepper mit gigantischen Vorzelten und top Boxenausstattung das laue Lüftchen der Straßen-GP-Atmosphäre durch die Fahrerlager wehen. Was den Zeitgenossen ohne imposanten Fahrzeugpark bitter aufstößt. Denn die weniger glitzernde Welt der Privatfahrer wird kurzerhand ins Eckchen verbannt. Bernd Eckenbach etwa, in diesem Jahr zwar Privatfahrer auf Yamaha, aber mit Rang elf in Valkenswaard aber beileibe nicht einer der schlechtesten Crosser, stinkt´s. » Für uns interessiert sich kein Schwein. So habe ich keinen Spaß mehr an der WM«, fühlt der Schwabe sein Ego mächtig angekratzt. Was er instinktiv ahnt: Für Privatfahrer wird in Zukunft in der WM weder im Fahrerlager noch auf der Strecke viel Platz sein. Denn die großen Starterfelder mit bis zu 100 Fahrern, die sich gerade in der 125er- und 500er-WM um die 40 Startplätze gebalgt hatten, werden ab dem Jahr 2001 passé sein. Wie in Valkenswaard schon geschehen, sind künftig lediglich 40 Fahrer pro Klasse zugelassen, nur 30 davon qualifizieren sich letztlich für die Rennen. Den »Weg zu mehr Qualität«, wie Giuseppe Luongo die geplanten Säuberungsaktionen bezeichnet, versperrt dem Cross-Boss auch das bisherige GP-Format. Zwei Läufe zu je 45 Minuten pro Klasse lassen sich schlecht vermarkten. Denn die Namensflut des Informationsminimums von sechs Laufsiegern, zwölf Zweit- und Drittplatzierten samt drei WM-Tabellenführern ist über die eingefleischte Moto-Cross-Szene hinaus kaum einleuchtend in den Medien zu vermitteln. Ganz zu schweigen von einem vernünftigen Zeitplan vor Ort. So müssen sich die Organisatoren bei den weiteren Dreifach-WM-Läufen dieser Saison in England, Belgien und Luxemburg mit einer Notlösung behelfen. Am Samstag finden die zwei 125er-WM-Läufe statt – die in Valkenswaard übrigens der neue Jungstar von KTM, der 17-jährige Südafrikaner Grant Langston locker beherrschte - am Sonntagnachmittag gehen die beiden 250er- und 500er-Rennen über die Bühne. Doch bereits jetzt pfeifen es die Spatzen von den Dächern, dass im kommenden Jahr nur noch ein Lauf pro Klasse gefahren wird. Ein Plan, der die Mehrheit der Vollblutathleten unter den Crossern in Rage bringt. Und während Fleißarbeiter wie Smets just dagegen Sturm laufen, zeigt sich ausgerechnet Konditionswunder Pit Beirer verständnisvoll. »Unter PR-Aspekten gibt es keinen anderen Weg als den eines einzigen Laufs. Ich habe an meiner eigenen Karriere gespürt, wie sehr ich von der TV-Präsenz und der Aufwertung der Rennen profitiert habe. Und das ist gut so, auch wenn ich meinen Konditionsvorsprung künftig weniger nutzen kann.« Mit dem er in den tiefen holländischen Sandwellen diesmal allerdings auch wenig anfangen konnte. Nach Rang zwei im ersten Lauf schlug sich der Vizeweltmeister – auf Position drei liegend - seinen Kopf bei einem spektakulären Sturz in der vorletzten Runde von Heat zwei so gewaltig an, dass er völlig benommen nur Rang 15 ins Ziel rettete.Dass die Evolution des Moto-Cross-Sports in Richtung Straßen-GP beschlossene Sache ist, beweist auch die Anfang April eingegangene Partnerschaft der Action Group mit der spanischen GP-Vermarktungsagentur Dorna. Wobei der Deal weit über die Abstimmung der Fernsehsendezeiten hinausreicht. Nach dem Moto-Cross der Nationen im Innenfeld des GP-Kurses in Jerez vor drei Jahren und der Moto-Cross-WM-Premiere in Spa-Francorchamps in zwei Monaten werden sich die Cross-Pisten künftig öfters an den Hängen entlang der Asphaltbänder entlangschlängeln – gehobene Infrastruktur wie Boxen für die Fahrer sowie asphaltierte Zuschauerareale inklusive.Ob die Rechnung der Moto-Cross-Strategen jedoch aufgeht, hängt von deren pekuniärer Vernunft ab. Denn ob bei den auf 60 Mark pro Nase nahezu verdoppelten Eintrittspreisen wie in Valkenswaard 25 000 Zuschauer der Cross-Noblesse überall ihre Aufwartung machen, bleibt das große Fragezeichen. Und selbst Luongo weiß: Waterloo liegt nicht sehr weit von Valkenswaard entfernt.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote