Drink and Drive (Archivversion) Feuchte Träume

Nicht nur die Maschine braucht Flüssiges. Auch der Mensch. Wenn die Sonne knallt, der Asphalt schmilzt und der Motorradler im eigenen Saft brät, muss abgelöscht werden.

Ein Mann sieht Rot. Seit Minuten schon. An der Ampel. Man sollte diese Elektronikfuzzis von der Stadt ganz einfach umbringen. Ganz langsam, auf einem Hähnchengrill rösten sollten sie. Durchgaren bei 180 Grad. Oder an der Ampel, an dieser Ampel, auf dem Motorrad, eingepackt in einen Bratschlauch aus Gore-Tex und Leder. Eine noch grausamere Strafe. Ein Mann sieht nach rechts, und er glaubt, er sieht nicht recht: ein Hühnchen, knackig, cross und braun gebrannt. Nicht am Grill, im Cabrio. So, genau so, sieht sie aus, die Erleichterung, die Rettung in all den feuchten Träumen, die ihn so greulich quälen. Langsam greift sie nach unten, legt ihre Hand darum und führt ihn an ihre Lippen. Den Zitronensprudel. Ein Mann schreckt auf. »Hey, du Idiot, hat’s dir schon das Hirn versengt im Helm, fahr doch endlich!« Danke, Mann, guter Tipp, auch wenn er noch freundlicher hätte kommen können. Also weiter. Zur nächsten Tankstelle. Höchste Zeit, schon auf Reserve. Er, nicht die Maschine. Die Zunge klebt am Gaumen wie die Lederhose auf der Haut. Das T-Shirt klatscht an ihm wie frisch aus dem Lavamat, mieft aber so, als müsse es schnellstens da hinein. Wer ist bloß auf die Idee gekommen, Gore-Tex und das ganze Gelump atmungsativ zu nennen? Sollte man alle kalt machen, diese Marketing-Affen. Zu viel der Ehre, bei der Hitze. Auf den Grill mit ihnen, zu den Ampelfuzzis. Aus dem Radio an der Zapfstelle trällert eine ob der Gluthitze völlig aufgedrehte dumme Tussi, die mit ihrem nervigen Gewäsch als optimale Moderatorin sich entpuppt. Das Schlimmste an diesen Privatsendern ist, dass die Öffentlich-Rechtlichen sich deren Niveau geradezu anbiedern: »Hey, ich schaue gerade auf das Quecksilber vor meinem Fenster, und ich muss euch sagen, hurra, der Sommer ist da! Schon heute morgen um sechs mit 23 Grad, und bis mittag werden’s dann sogar an die 40. Da kommt doch echtes Mallorca-Feeling auf.« Blablabla. Er wünschte der verdammten Radiozicke in ihrem klimatisierten Studiokabuff einen Hexenschuss. Und Schnupfen dazu. Aber am besten wäre, sie gleich zu ersäufen. In einemk Kübel Sangria vom Original-Ballermann.Ein Mann stürzt zur Kühltheke. Und krallt sich – kurz vorm Delirium – die erstbeste Flasche. Wasser. Nur kaltes, klares Wasser. »Hey Alter, was willste denn damit? Kickt doch nicht. Probier das doch mal«, quatscht ihn so ein Rollerjungspund von der Seite an. Zu matt, sich noch groß zu wehren, zu schlapp, auch nur noch ein einziges Wort auszuspucken, greift er zu.Ein Mann muss trinken. Kalten Dosen-Kaffee. Widerlichst, schmeckt wie in Muckefuck aufgelöste Chinakracher. Kein Wunder. Kommt aus Taiwan, die Brühe, und dort essen sie ja auch Affenhirn. Na wenigstens war jetzt der Hals nicht mehr so trocken. Ein Mann muss müssen. Und zwar schon nach Minuten. Kaffee treibt. In diesem Fall: zur nächsten Tankstelle. Tragen diese Scooterkids unter ihren Baggytrousers Katheter mit Beutel? Er wünschte dem Kleinen Blasenentzündung und ein paar Nierensteine dazu. Ein Mann muss entscheiden. Sich. Zwischen tausenderlei Farben. Neongelb wie WC-Ente, giftgrün wie Palmolive (»Sie baden gerade Ihre Zunge darin.«), blitzeblau wie Glasreiniger, goldig wie...? Na, ist auch egal. Manche der Brühen sehen auf jeden Fall so aus, als schütte man sie besser seinem liebsten Feind in den Tank statt sich selbst in den Rachen. Auf den Etiketten: tausenderlei Versprechungen von turbo, speed und Flügeln. »Slayker« steht auf einer Flasche. Damit solle man seinen Durst erschlagen, »slay your thirst«. »Cwella« dagegen empfiehlt »burst your thirst«. Wie soll das klappen und vor allem, was passiert beim ersten Schluck, wenn einem der Durst im Hals auseinanderplatzt? Für wie dumm halten diese Gift- und Koffeinmischer den durstigen Mann eigentlich? Er wünscht ihnen, langsam in ihrer eigenen Plörre abzusaufen und greift eine Bouteille Sauerstoffwasser ab. Das sieht zumindest mal unverdächtig aus. Und er braucht dringend Kühlflüssigkeit. Mittlerweile war es so heiß, dass selbst die Stechmücken Siesta machten. »Willste nicht lieber was Ehrliches abpumpen statt diese Luftnummer da?« drängelt sich ein Rocker mit Einprozenter-Badge auf der Kutte an der Kasse vor. »Meine kleine Extraportion Sauerstoff hole ich mir beim Biken. Beim Trinken schwöre ich auf Natur – Hopfen und Malz.« Sagt’s und schießt sich sein Bier rein. Alkoholfrei! Die Idee!Ein Mann muss aufstoßen. Bei jeder Bodenwelle. Und jedes Mal müffelt es im Helm ganz fies. Da versteht der Mann, warum Rocker allenfalls Halbschale tragen. Und er versteht, warum sie Custom-Harleys fahren. Kann man sich beim Schrauben ganz unauffällig mal in die Büsche schlagen. Ein Mann hält Einkehr. Und zwar in seiner Stammkneipe. »Mach mir bloß schnell ein Bier.« »Du musst es ja nötig haben, siehst aus, als wärst du bei der Fremdenlegion gewesen.« »Ne, nur Motorrad fahren.“

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