Ducati in der Krise (Archivversion) Wieviel %?

250 Millionen Mark will der US-Investor Texas Pacific Group in die Traditionsfirma strecken und Ducati wieder auf die Reifen helfen.

Reihenweise stehen die Motorräder in der Werkshalle, fast so, als bräuchte sie der Laster nur noch zum Händler bringen – aber eben leider nur fast. Denn an jeder Maschinen fehlen Teile wie Fußrasten, Schalldämpfer oder Blinker. »Bei Ducati wird im Moment nur mit etwa 20 Prozent der Manpower gearbeitet«, bestätigt Gewerkschaftsfunktionär Bruno Papignani aus Bologna den unguten Eindruck. Und das, obwohl die Firma jede Menge Aufträge hat und die Kunden teilweise monatelange auf ihre Motorräder warten. Bis zu den Werksferien Anfang August erschienen die rund 600 Arbeiter und Angestellten zwar regelmäßig zur Arbeit im Werk am östlichen Stadtrand von Bologna und erhielten auch pünktlich ihren Lohn - doch zu tun hatten sie kaum etwas. Die Ursache ist ein offenes Geheimnis: Weil die Ducati-Chefs, die Brüder Gianfranco und Claudio Castiglioni, hoch verschuldet sind, können sie schon seit einiger Zeit die Zulieferer nicht bezahlen – und wo kein Geld über den Tisch wächst, da gibt‘s auch keine Ware. Kein Wunder, daß sich allmählich Unruhe breit machte – nicht nur bei Ducati, sondern in der ganzen Cagiva-Gruppe, zu der Ducati gehört. Oder besser gesagt: gehörte. Denn Ende Juli brachten die Brüder Castiglioni offensichtlich ihre verzweifelte Jagd nach einer kräftigen Finanzspritze, die sich nun schon fast ein Jahr hinzieht, zu einem erfolgreichen Abschluß. Erst war es der US-Millionär Sam Zell, der 50 Prozent von Ducati erwerben und an der Wall Street in New York unter die Aktionäre bringen wollte. Zell machte jedoch vor der endgültigen Vertragsunterzeichnung einen Rückzieher. Dann war die Rede von der Citibank und von anderen US-Investoren. Doch die Verhandlungen zogen und zogen sich, während die Situation immer bedrohlicher wurde. Jetzt scheint das Rennen um Ducati gelaufen zu sein: 50 Prozent des Motorradwerks übernimmt die Texas Pacific Group (TPG) aus Fort Worth, die Risiko-Kapital von über 700 Millionen Dollar verwaltet; der TPG zur Seite steht bei der Abwicklung die Handelsbank Morgan Grenfell, die kürzlich von der Deutschen Bank übernommen wurde. Gesch‰tzter Kaufpreis: rund 250 Millionen Mark.Was das konkret für die Situation bei Ducati heißt, wagt zur Stunde niemand zu sagen. Der Abschluß der Verhandlungen wurde so gelegt, daß sich bei Bekanntwerden der Nachricht sowohl Cagiva wie auch Ducati bereits in die Werksferien verabschiedet hatten. Auch der Firmensprecher der Texas Pacific Group mochte den erfolgreichen Abschluß noch nicht bestätigen – zumal die Anwälte beider Seiten noch eifrig an den Einzelheiten des Vertrags basteln. Sicher ist jedoch, daß Ducati aus der Cagiva-Gruppe gelöst und wieder eine eigenständige Firma wird. Gegenüber Betriebsrat und Gewerkschaft unterstrichen die Brüder Castiglioni, daß die unternehmerische Führung weiter bei ihnen läge. Doch genau das erscheint fraglich, denn daran war schon der Deal mit Sam Zell gescheitert. Wer investiert schon gern 200 Millionen Mark, wenn er danach nicht einmal ein Wörtchen mitreden darf? Die Texas Pacific Group investiert zwar sogenanntes Riskiko-Kapital, doch ganz so weit wird auch die Risikofreudigkeit der US-Anleger nicht gehen. Zumal das berühmte Händchen für die richtigen unternehmerischen Entscheidungen den Brüdern Castiglioni abhanden gekommen zu sein scheint. Zunächst hatten sie einen kometenhaften Aufstieg hingelegt: Ihr erstes Geld verdienten Claudio, heute 49, und Gianfranco, 55, mit der Herstellung von Metall-Kleinteilen, bis heute übrigens der einzige Unternehmensbereich, der richtig Gewinn abwirft. Dann beschlossen die beiden Motorradfans, ihr Hobby zum Beruf zu machen, übernahmen für wenig Geld 1979 das vor dem Konkurs stehende Aermacchi-Harley Davidson-Werk und gründeten die Motorradmarke Cagiva. 1985 folgte der große Coup: Sie übernahmen Ducati, die Motorradmarke mit dem großen Namen, die damals unter staatlicher Verwaltung stand und nur noch vor sich hinkrebste. Den Deal fädelte übrigens ein gewisser Romano Prodi ein, damals Chef des staatlichen Instituts für den Wiederaufbau der Wirtschaft, heute Ministerpräsident Italiens. 1986 übernahm die Cagiva-Gruppe auch noch Husqvarna, im Jahr darauf Moto Morini. Doch dann war‘s vorbei mit den goldenen Zeiten. 1990/91 kauften die Brüder zwei Gießereien in Norditalien mit insgesamt über 1000 Angestellten und bereuen es heute bitter, denn dort häuften sich die Verluste. Dazu kamen auch noch Fehlentscheidungen im Motorradbereich: Morini wurde dichtgemacht, obwohl man dort wunderbar hätte Chopper produzieren können; wegen verfehlter Modellpolitik erlebte Cagiva einen bösen Einbruch auf dem italienischen Markt; das Engagement bei CZ in Tschechien brachte nur Verluste, ebenso wie der Auftritt in der 500er WM; aus den Joint-Ventures mit Zweiradfirmen in Asien flossen ebenfalls nicht die erwünschten und dringend benötigten Millionen. Und so steht die Cagiva-Gruppe mit ihren über 3000 Beschäftigten inzwischen mit rund 400 Millionen Mark Schulden da. Doch damit nicht genug: Die Brüder sind inzwischen auch untereinander zerstritten. Um ihr Imperium zu retten, beschäftigen die Castiglionis unzählige teure Berater und Finanzmakler.Daß den Brüdern ihre Motorradfirmen am Herz liegen, daran gibt es keinen Zweifel - dafür jedoch daran, daß sie die Krise meistern können. Mit ihrem riskanten Spiel auf Zeit haben die Castiglionis dem Image von Ducati schon großen Schaden zugefügt – verärgerte Händler und Kunden sind die Folge. Und sollte auch der neue Vertrag mit der Texas Pacific Group wieder platzen, so ist guter Rat noch teurer als jetzt.

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