Ducati-Präsident Federico Minoli geht (Archivversion) Wie ein Schamane

Er kam für acht Monate und blieb zehn Jahre. Nun trennen sich die Wege von Big Boss Federico Minoli und Ducati. Doch einen Mann, der die Motorradklientel so mitzureißen versteht, dürften weder Ducati noch die Branche so schnell wieder finden.

Falls es sich nicht um die erste öffentliche Live-Kündigung überhaupt handelte, dann auf jeden Fall um die erste in der Motorradbranche: Am 14. Mai verkündete Federico Minoli, 57, damals noch Geschäftsführer und Präsident von Ducati, der fassungslosen Fangemeinde seinen baldigen Abschied – exklusiv per Live-Schaltung im »Desmoblog«, seinem persönlichen Ducati-Forum im Internet. Das hatte er 14 Monate zuvor ins Leben gerufen und dort lebhaft auf Italienisch und Englisch mit den Ducatisti in aller Welt kommuniziert, ihnen Geheimnisse aus dem Werk verraten, die der Pressestelle die Haare zu Berge stehen ließ, Technik greifbar und verständlich gemacht, die Moto GP-Siege gefeiert und exklusive Testfahrten mit der Hypermotard verlost.
Die Reaktionen auf die Kündigung folgten postwendend. Es hagelte Protest-Mails, die Internet-Gemeinde hatte ihren Aufreger. Ganz im Sinne von Minoli, für den Kommunikation ein Lebenselexier zu sein scheint.

Ganz freiwillig ist Ihr Abgang aber nicht, oder?
Nein, ich wäre gern noch ein Jahr geblieben, zumal wir gerade wieder anfangen, gute Ergebnisse einzufahren. Aber Ducati hat seit etwas mehr als einem Jahr einen neuen Referenz-Aktionär, die Gruppe Investindustrial (der Fonds unter Führung der italienischen Industriellenfamilie Bonomi hält knapp 30 Prozent der Ducati-Aktien, die Redaktion). Und da ist es nur normal, dass diese Gruppe einen Mann ihres Vertrauens in der Führungsposition sehen will. Mich hat ja schließlich auch die Texas Pacific Group eingesetzt, als sie Ducati Ende 1996 übernommen hat.
Was hinterlassen Sie Ihren Nachfolgern?
Es geht aufwärts. Dank der 1098 haben wir im ersten Quartal in fast allen Ländern ordentliche Zulassungssteigerungen, im April und Mai sieht der Trend ähnlich aus. Es gibt 8500 Bestellungen für die 1098, 6000 für die Hypermotard und 1200 für die Desmosedici RR – Letztere können wir dieses Jahr gar nicht alle bauen. Jedenfalls wird Ducati 2007 entgegen den Erwartungen wieder Gewinn machen. Das hätte ich nach drei dürren Jahren gern noch genossen.

Für diese dürren Jahre, die Ducati an den Rand des Abgrunds trieb, trägt Minoli die Mitverantwortung. Weder die 999 noch die Multistrada, beide unter seiner Ägide gebaut, trafen den Nerv der Ducatisti, von der inzwischen still begrabenen SS ganz zu schweigen.
Im Jahr 2000 hatte sich der Italo-Amerikaner aus dem Alltagsgeschäft bei Ducati zurückgezogen und andere Aktivitäten der Texas Pacific Group in Europa betreut, etwa den Schuhhersteller Bally in der Schweiz. Erst 2003 zog es ihn wieder nach Bologna zurück.

Was waren Ihre größten Fehler in den zehn Jahren bei Ducati?
Der falsche Entwicklungsprozess bei der 999 und bei der Multistrada. Wir hatten nicht festgelegt, wer die Leitung hat – die Designer oder die Ingenieure. Mein Vermittlungsversuch zwischen Pierre Terblanche auf der einen und Gigi Mengoli auf der anderen Seite scheiterte. Erst 2003 haben wir dann entschieden, dass Hauptprodukte wie die 1098 im Werk unter Federführung der Ingenieure entwickelt werden, während Terblanche sozusagen für die Geniestreiche zuständig ist – wie eben für die Sport Classic oder die Hypermotard. Damit können jetzt alle gut leben.
Wie kamen Sie aus dem Schlamassel damals wieder heraus?
Indem wir alle, wie man so schön sagt, den Gürtel enger schnallten. Von 2003 bis 2005 gab es weder Gehaltserhöhungen noch Investitionen ins Werk, alle verfügbaren Mittel gingen in die Entwicklung. Dank einer Kapitalerhöhung waren das rund 45 Millionen pro Jahr. Deshalb können wir 2007 gleich drei Neuheiten präsentieren. Doch das wird nicht so weitergehen: Realistisch ist ein neues Modell pro Jahr.
Wo liegen Ihre Verdienste um Ducati?
Das ist wie bei den Fehlern: Sie hängen nie an einer Person allein. Das erste Verdienst gebührt den Brüdern Castiglioni, die uns als Erbe die 916 und die Monster hinterlassen haben. Daraus haben wir dann unter meiner Führung eine Marke von Weltruf aufgebaut, das Händlernetz erneuert und aus einem schlichten Metallverarbeitungsbetrieb eine Firma gemacht, die Unterhaltung auf höchstem Niveau repräsentiert. Und dann erst der Rennsport: Da bin ich auf die Erfolge besonders stolz, denn wir stemmen das ganz allein. Ferrari hat ja im Hintergrund noch Fiat. Bei Ducati dagegen ist der Erfolg allein das Verdienst der Manager, die Sponsoren suchen und finden; der Ingenieure, die effizient und mit Leidenschaft entwickeln; der Mechaniker, die kein Geld verschwenden; der Piloten, die vielleicht weniger verdienen als anderswo, aber alles geben, weil sie sich wohl fühlen.

Zum Wohlfühlen in der Ducati-Gemeinde trug Minoli in den letzten zehn Jahren nicht wenig bei. Er suchte den Kontakt mit allen und jedem, vom italienischen Ministerpräsidenten Prodi, der im kleinen Bologna sein Nachbar ist, bis zum minderjährigen Fan. Und nicht zuletzt zu den Menschen im Werk. Dass Minolis Abschied vielleicht nicht von allen Managern und Direktoren bei Ducati, wohl aber von den Bandarbeitern, Pförtnern, kleinen Angestellten und selbst vom örtlichen Gewerkschaftsboss bedauert wird, spricht für ihn. Minoli, als Student in den späten 60er Jahren bei der linken Splittergruppe »Prima linea« aktiv, legte sich als Ducati-Boss zwar gern mit den Gewerkschaften an, einigte sich jedoch nach einigem Hin und Her immer wieder auf eine gemeinsame Linie mit ihnen.

In unserem ersten Interview 1997 haben Sie gesagt, Sie würden etwa acht Monate lang bleiben – bis die Zusammenarbeit zwischen dem neuen Eigner Texas Pacific Group und dem Management in Bologna reibungslos liefe. Daraus wurden zehn Jahre. Warum?
Weil ich mich regelrecht verliebt habe. Ich war Unternehmensberater in den USA und kannte Ducati nur dem Namen nach. Ich hatte keine Ahnung, was für eine Herausforderung auf mich wartete. So ein kleiner Laden, aber Technik vom Feinsten. Und dann die Atmosphäre, die Verwurzelung mit den Menschen und der Gegend, die Faszination der Maschinen. Ich habe wieder angefangen, Motorrad zu fahren und mich voll auf Ducati eingelassen. Aber wie so oft in der Liebe, wird es dann ein Abschied mit Schmerzen.
Was macht Ducati in Ihren Augen so besonders?
Ducati hat keine Kunden, sondern echte Fans, die zu der Firma stehen – in guten wie in schlechten Zeiten. Das ist so ähnlich wie bei einem Fußballclub. Als Chef einer solchen Firma sollte man nicht in Anzug und Krawatte im Büro sitzen, sondern diese Fangemeinde wie ein Schamane anführen und mitreißen. Denn Marketing ist etwas für eine Firma mit Kunden - Fans dagegen darf, ja muss man vielleicht sogar mit Emotionen kommen
Was machen Sie jetzt?
Erst mal gehe ich zu Fuß von Bologna nach Florenz, um meine Sünden bei Ducati abzubüßen. Dann kümmere ich mich ein paar Monate lang um eine Strategie für das Wohltätigkeitsprojekt »Riders for health«, das Entwicklungs- und medizinische Helfer in Afrika mit Enduros versorgt, damit sie auch in entlegene Gegenden gelangen. Danach? Mal sehen. An Angeboten mangelt es mir nicht. Ducatista bleibe ich jedenfalls, ich bin schon dem Club Borgo Panigale beigetreten. So kann ich auch in Zukunft im Desmoblog schreiben – jetzt eben nicht mehr als Präsident, sondern als Fan.

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