Szene: Clean Week 2020

Zweiräder mit Elektroantrieb sprießen wie die Krokusse im Frühling. Nicht nur deshalb wurden kürzlich in Belgien die besten gekürt.

Laut quietschend kommt der Brotkasten hinter mir zum Stehen. "Brutal, wie der anreißt." Kollege Lost Espandrillo von der österreichischen Motorradzeitschrift Reitwagen ist hin und weg. Ich gebe ihm recht. Selbst bei 70 Stundenkilometern drückt der rasende schwarze Kasten mit dem bürgerlichen Namen VR One aus dem Hause QVR dermaßen nach vorn, als sei man gerade erst angefahren - und das, obwohl der Roller bereits bei 100 km/h die Segel streicht. So fühlt es sich also an, wenn über den gesamten Geschwindigkeitsbereich das gleiche Drehmoment zur Verfügung steht.

Zum Spaß sind wir dreizehn Motorradjournalisten allerdings nicht an der Rennstrecke im belgischen Zolder, etwa 70 Kilometer von Aachen entfernt. Denn Thierry Deflandre, Chef des Circuit Zolder, hat zum Arbeiten geladen. Zwei Tage lang angucken, fahren, testen, diskutieren. Rund 30 Motorrad-, Roller- und Pedelecmodelle stünden bereit - das wird kein Zuckerschlecken. Als internationale Jury sollen wir während der Clean Week in fünf Kategorien das E-Bike und den E-Scooter des Jahres bestimmen (Ergebnisse auf Seite 105). Neuland, Pionierarbeit, ein Zeichen setzen für umweltfreundliche Zweiräder.

Also raus aus der VIP-Lounge und rein in die Halle, wo der Fuhrpark wartet. Zuerst die Roller! Jeder schnappt sich einen der Knubbelradler und ab auf die Startposition.

Nee, nix Rennstrecke - erstmal zeigt uns ein Guide die empfohlene Testrunde rund um den Zolder-Kringel. Echter Straßenverkehr, reale Testbedingungen. Motoren einschalten und ohne jegliche Warmlaufphase surrt die Europa-Testmannschaft auf 25- und 45-km/h-Rollern los. Keine Vibrationen, kein Knattern, kein Sprotzen, kein Abgasgeruch. Wer auch nur einen Spritzer Benzin im Blut hat, wird diese rollenden Akkumulatoren wahrscheinlich verächtlich von der Seite betrachten und nachts auf ihre Sitzbank spucken. Das kann - ach was - das darf keinen Spaß machen! Doch genau das tut es.

Für Thierry ist die Clean Week eine Herzensangelegenheit. Schon als 7-Jähriger drehte er hier auf der Rennstrecke mit dem Fahrrad seine Runden, heute leitet er den Laden. Nur ist der Motorsport von damals nicht mehr der von heute. "Selbst ein normal homologierter Audi R8 löst hier bei Vollgas den Dezibelalarm aus." Anwohner bringen trotz Lärmbegrenzungen in der Regel wenig Verständnis für diese Art der Freizeitbeschäftigung auf - nachvollziehbar und schade zugleich. Motocrossfahren ist daher in vielen europäischen Ländern, wie beispielsweise Belgien und Österreich, nahezu unmöglich geworden. Den Auflagen ist schwer nachzukommen.

Dem kann Stargast Joël Smets nur zustimmen, als fünffacher Motocrossweltmeister muss er es wissen. Und plädiert noch im selben Atemzug für E-MX, das Crossen mit Elektrobikes: "E-MX kann unseren Sport retten." Thierry Deflandre rechnet mit der Etablierung der Strom-Grobstoller in den nächsten fünf bis zehn Jahren, so sein Ziel für den Circuit Zolder. Schon jetzt kann sich die Power der aktuellen Maschinen sehen lassen, an Fahrspaß mangelt es weiß Gott nicht. Man stelle sich vor: Mitten im Wald sehen Fuchs und Hase nur kurz ein Licht, bevor man nahezu lautlos an ihnen vorbeidüst. Leise neue Welt.

Dass das Thema Elektromobilität ernst genommen wird, daran lässt auch die Jury der Clean Week keinen Zweifel. Bereits bei unserer ersten Runde kann Daniel Riesen von Moto Sport Schweiz nicht mehr an sich halten und schert auf den unbefestigten Untergrund neben der Straße aus. Wild hoppelt er über die Grasnarbe, verlangt dem Fahrwerk alles ab. Wenig später sehe ich, wie Magnus Wallner von der schwedischen BIKE im Ledereinteiler eine Zero-Straßenmaschine engagiert über die Rennstrecke scheucht. Als er tags darauf in derselben quietschgelben Kombi einen Reichweitentest mit einem 25-km/h-Roller absolviert, kann ich mich nur schwer zwischen Lachen und Mitleid entscheiden. Dass jemand allerdings auf einer BMW S 1000 RR aus Stockholm anreist, dann einen E-Roller mit gefühltem Schritttempo bewegt, ohne dabei eine Miene zu verziehen, ist ein gutes Zeichen. So skurril die Fahrzeuge teilweise anmuten, so zusammengeschustert sie mitunter wirken - sie werden nicht anders getestet als ihre benzingetriebenen Artgenossen. Vielleicht schauen wir sogar noch etwas genauer hin. Vor allem werden sie als echte Krafträder wahrgenommen und nicht als Fahrzeuge zweiter Klasse degradiert, die bestenfalls als schneller Rollstuhl taugen.

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Foto: Hersteller

Aline Delhaye, Generalsekretärin der FEMA (Federation of European Motorcyclists' Associations), sieht in ihnen die Chance, das Image des Motorradfahrens aufzupolieren - und etwas für die Umwelt zu tun. Schon das Motorrad in seiner jetzigen Form verbrauche weniger Energie bei Herstellung und Entsorgung, der Platzbedarf und die Abnutzung der Straßen fielen viel geringer aus als beim Auto. Das neue Bild eines cleanen E-Bikes, das weder lärmt noch stinkt, könnte dem stagnierenden Zweiradmarkt zu Aufschwung verhelfen. Wegen der geringen Betriebskosten eignet sich ein E-Roller insbesondere für Pendler - wäre da nicht das Problem der Reichweite.

"Und die Gasannahme!", wirft Lost Espandrillo ein, der eigentlich die Stromannahme meint. Wobei die Mehrheit der Testfahrzeuge damit wenig Probleme zeigte, wenn sie auch fast durch die Bank spontaner sein dürfte. Tatsächlich ist das Thema Reichweite ein großes und geht einher mit der Leistungsfrage: mehr Power, weniger Strecke und umgekehrt. Auch die Bauweise, und damit vor allem der Preis des verwendeten Akkus, entscheidet darüber, obs noch bis zur nächsten Zapfsäule, pardon, Steckdose langt. Eine Infrastruktur an Ladestationen hat schon der eine oder andere Hersteller in Planung.

Apropos Hersteller: Es scheint, als seien mit den E-Bikes Motorrad und Roller neu erfunden worden. Fast keiner der Clean-Week-Teilnehmer hat jemals Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor gebaut, die Etablierten wie Honda, Yamaha und Konsorten fehlten ganz. In puncto Verarbeitung, Fahrwerk und Ausstattung ist die Spanne daher entsprechend groß. Ärgerlich nur, dass just bei den vielversprechenden Modellen von Zero der schwerwiegendste Kritikpunkt die Ausdauer der Batterie betrifft. Nur wenige Runden auf der Rennstrecke, und schon lechzt die Karre nach dem Kabel. Zwar hochattraktiv, doch noch enttäuschender zeigt sich die Mavizen Leo.X. Das E-Bike im Chassis der Aprilia RS 125 lässt sich nur schwer in Gang bringen und fällt dann nach wenigen Metern sogar komplett aus. Ersatzfahrzeug? Fehlanzeige.Lob indes für Fabrikanten wie Vectrix, Govecs und IO-Scooter, deren Modelle eine professionelle Haltung der Hersteller gegenüber ihrem Produkt ausstrahlen. Zwar spielt IO-Scooter aus Österreich nicht bei den Siegern mit, auf dem Podest stand ihr Sofa-Roller Manhattan jedoch allemal.

Zeit, der Konkurrenz beim nächsten Mal eins überzubrezeln, bleibt genug. Rennstreckenchef Thierry wird die Clean Week bis 2020 jährlich wiederholen. Gut für die Industrie, gut für Zolder und hoffentlich auch für die Motocrossszene. Für den fliegenden Brotkasten war im Übrigen kein Podestplatz drin - das überforderte Fahrwerk, die "Gasannahme", ihr wisst schon.

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Foto: Hersteller

Die Gewinner

In fünf Kategorien brachte die Clean Week an der belgischen Rennstrecke in Zolder Sieger unter den teilnehmenden Motorrädern und Rollern hervor. Angesichts der kurzen Testzeit von gerade einmal anderthalb Tagen waren vor allem die Kriterien Leistungsentfaltung, Fahrbarkeit, Verarbeitung, Design und Reichweite für die Platzierungen maßgeblich. Applaus: Vectrix siegte gleich in zwei Kategorien.

Kategorie Offroad

QVR VR Cross 
Ihr Quantya-Antrieb reicht für 70 km/h Spitze, die maximale Fahrtzeit beträgt etwa 90 Minuten. Mit den schlanken 140 Kilogramm haben die Marzocchi-Gabel und das Sachs-Federbein wenig Mühe

Kategorie Straße

Zero S 
Die Überarbeitung der Modellpalette hat auch der Zero S gutgetan. Federelemente, Bremsen und Sitzposition sind nun eines Motorrads würdig. Wahre Augenschmeichler: die rot eloxierten Drahtspeichenfelgen

Kategorie über 45 km/h

Vectrix VX-1 
Als Platzhirsch unter den Großrollern lässt er kaum Wünsche offen: bequeme Unterbringung, ein großes und übersichtliches Cockpit sowie ordentliche Fahrleistungen. Top: Stromrückgewinnung per Gasgriff

Kategorie bis 45 km/h

Govecs Go! 2.4 
Der Münchner Roller aus polnischer Produktion überzeugt mit starken Bremsen sowie seinem stabilen Fahrverhalten. Per Zahnriemen wird die Kraft des spritzigen Elektromotors ans Hinterrad geleitet

Kategorie bis 25 km/h

Vectrix VX-2
 
Auch in der kleinsten Klasse kann Vectrix sowohl mit Verarbeitung, Design als auch der Energierückgewinnung punkten. Die Variante mit 45 km/h ist bis auf die Höchst-geschwindigkeit identisch

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