Echte Kerle (Archivversion) Echte Kerle

Kaum eine Marke hat sich der hemmungslosen Motor-radfaszination so verschrieben wie Kawasaki. Starker Sound, bissige Motoren, gewaltige Leistung. Zweifellos, Kawa-Fahrer sind echte Kerle. Wen wundert da, dass die Grünen mit dem neuen supersportlichen Flaggschiff ZX-10R wieder Leistungsmauern einreißen und dem Vierzylinder 175 PS entlocken? War ja irgendwie klar, dass nach den 171 PS von Hondas neuer CBR 1000 RR und den 173 PS bei Yamahas neuer R1 Kawasaki noch eins draufsetzen musste.Ob irgendjemand diese Unterschiede spüren kann oder man das Ganze eher unter Kasperletheater ablegt, sei einmal dahingestellt. Viel wichtiger erscheint mir, die Frage zu erörtern, ob solche Maschinen noch zeitgemäß sind. Kein Mensch wird die Leistung jemals im öffentlichen Straßenverkehr auskosten können. Abgesehen davon, dass häufig das Fahrkönnen nicht ausreicht, fehlt es an geeigneten Strecken. Und außerdem gibt es noch Geschwindigkeitsbegrenzungen. Also wird sich der Supersportfahrer nur ein Image kaufen, die theoretische Möglichkeit, gut 170 PS jubeln zu lassen. Sie wirklich einsetzen muss er ja nicht. Und sollte er – zumindest im Straßenverkehr – auch nicht. Alles Argumente, die mir bekannt vorkommen. Ich erinnere mich sehr gut an die Diskussionen vor zehn Jahren, als die Messfahrten für die Kawasaki ZZ-R 1100 anstanden. 273 km/h rannte die damals stärkste Serienmaschine der Welt, und alle Welt fragte sich, ob das denn nötig sei. Ein Leistungswettlauf existiert schon seit Beginn der Motorradentwicklung. Und immer wieder erwartet man, dass er aufhört. Aber in einer Zeit, in der selbst VW Autos mit 1001 PS baut, erübrigt sich eigentlich jede Diskussion. Dennoch: Ich wage zu behaupten, dass dieser Leistungsschritt einer der letzten im Motorradbau sein wird. Die Faszination Leistung verebbt nämlich schnell, wenn sie mit einer spitzen Charakteristik erkauft werden muss. Wer will schon eine 1000er stets drehen müssen? Gerade diesen Bums aus dem Keller, diesen spontanen Antritt bei 4000/min liebte man doch bislang an einer R1 oder Fireblade. Und so bärig ziehen die Neuen bei solch hoher Spitzenleistung wohl nicht mehr durch (siehe Fahrbericht ZX-10R, Seite 10). Ein Manko, unter dem auch die 600er-Sportler zunehmend leiden.

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