Ein GP-Wochenende mit Katja Poensgen (Archivversion)

Der große Wurf

Fräuleinwunder oder Publicity-Gag? Spätestens mit den ersten WM-Punkten gelang Katja Poensgen der große Wurf in der Grand-Prix-Szene. MOTORRAD begleitete sie beim Heim-Grand-Prix am Sachsenring.

Katja hebt den Arm, als sie von den Sanitätern auf die Trage gelegt wird. Alles okay. Erleichterung bei der Crew in der Box, Applaus von den Fans - und Aufatmen der Journalisten. Die Stories sind gerettet. Wichtig. Ganz wichtig. Gerade hier am Sachsenring. Denn wer hier zählt, sind nicht allein die 500er-Stars Biaggi oder Rossi, und auch kaum die deutschen Hoffnungen Jenkner, Hofmann oder Nöhles. Das Blitzlichtgewitter hagelt vor allem auf eine: Katja Poensgen, die einzige Frau im Grand-Prix-Sport. Katja, die Frau, die die Szene elektrisiert, polarisiert, aber auch popularisiert. Seit sich die 24-Jährige zu Beginn der Saison auf einen GP-Renner schwang, weiß jede Oma, wo der Knieschleifer sitzt. Waldmann, Nöhles, Bradl und Co. sind längst überrundet – zumindest beim Thema Medien-Präsenz (siehe Kasten Seite 140). Auch wenn sie weiß, dass sie nicht die Erste und noch nicht die Beste ist. Die Finnin Taru Rinne und die Japanerin Tomoko Igata sammelten Ende der achtziger beziehungsweise Mitte der neunziger Jahre bereits kräftig Punkte in der 125er-WM.Und nun liegt sie flach. Unverschuldet obendrein. Kolbenklemmer in der ersten Trainingsrunde. Weil die 250er-Aprilia für Katja schwierig einzudüsen ist, werden die Mechaniker im Team später erklären. Im Rennsport leben die empfindlichen Zweitaktmotoren normalerweise nur in den Extremen. Gas voll auf, Gas voll zu. Katja fährt anders. Beschleunigt sanft, bremst sanft, rollt sanft. Dafür sind die 100-PS-Raketen nicht gebaut - und alle wundern sich, weshalb die Dame dennoch auf rasante Rundenzeiten kommt. Denn nur bei der GP-Premiere im April in Japan musste das Team der so genannten Racing Factory um die Qualifikation bangen. Bereits zwei Monate später in Mugello gelang die Sensation: Im Dauerregen düst Katja auf Platz 14 und zu zwei WM-Punkten. Seitdem besitzt der Motorradsport sein Fräuleinwunder.Und seitdem wird sie herumgereicht – selbst auf der Trage. Klick, klick, klick, nur noch schnell ein Foto, bevor die Tür der mobilen GP-Klinik hinter ihr zufällt. Zwanzig Minuten später geht das Portal wieder auf. Glück gehabt. Lediglich ein paar tiefblaue Flecken. Draußen wartet Papa Bert mit dem Roller – gewissermaßen in medialer Sippenhaft. Wie geht´s Katja? Was geht im Vater vor, wenn es die Tochter ins Kiesbett donnert? Und außerdem: So als Frau in dieser Männerdomäne? Immer die gleichen Fragen, immer die gleichen Antworten. Knapp, aber positiv. Vor der Box lauert ein Dutzend weiterer Kollegen. Dasselbe Spiel von vorn. Diesmal mit Katja. Alles okay? Klar doch. Angst? Natürlich nicht. Haben die Jungs Probleme mit einem schnellen Mädchen? Nein. Oder doch? Schließlich will Lokalmatador Dirk Heidolf eine Woche lang in einen Rock schlüpfen, sollte er hinter Katja einlaufen. Na ja, vielleicht doch, meint Katja. Zehnmal, fünfzehn-, zwanzigmal. Danke. Die Boxentür fällt zu. Off limits für die Journaille. Vorerst. Die Maschine ist bereits fertig für den Ernstfall, das erste Qualifikationstraining. Nach vier Runden fehlt Katja. Die Gesichter werden blass. Noch ein Sturz? Papa Poensgen wirft wieder den Roller an. Er wird fündig. Die Maschine lehnt mit Getriebeschaden an einem Reifenstapel, Katja sitzt daneben. Uff. Zwanzig Minuten später rückt die Aprilia mit neuem Getriebe aus. In den restlichen sechs Runden lernt Katja nur die Strecke kennen – und ist noch nicht qualifiziert. Für Samstag ist Regen angesagt. Kein Wetter, um die Zeiten zu verbessern. Alarm bei Presse und Fans. Was geschieht wenn? Die Frage kommt immer und immer wieder. Auch die über die Frau im Männersport. Katja lässt´s kalt. Die Fragen und die Qualifikation. Zurück ins Fahrerlager mit einem Abstecher zum eigenen Fan-Shop. T-Shirts, Jacken und Kappen, die von Papa und Brüderchen verwaltet werden, gibt´s gegen Bares, Autogramme gratis. In rauen Mengen. Auch der Verkäufer weit weg am Fotostand in der Budengasse freut sich. Von 1000 verkauften Bildern zeigen 600 Rossi und 200 Katja. Den Rest teilen sich Roberts und Co. Samstag. Die meisten der 83 000 Fans drängen sich bereits auf den Rängen. Selbst die wissen inzwischen, dass der Haussegen in Katjas Team schief hängt. Es geht um Geld. Viel Geld. Über eine Million Mark Sponsorengelder, die noch ausstehen - oder eben nicht. Egal, am Sonntagabend soll die Trennung zwischen der Racing Factory und Katja offiziell bekannt gegeben werden. Nur: Die Medienschar ist auf gut das Doppelte angewachsen – und alle wollen schon vorher etwas wissen. Der Sperrdamm vor der Box bricht. Die Welle der Journalisten schwappt wie eine Sintflut zwischen Werkzeugkisten und Montageböcke – schnurstracks vorbei am verdutzten Teamkollegen Alex Hofmann, ganz nebenbei erwähnt der derzeit beste deutsche 250er-WM-Pilot. Wieder die immer gleichen Fragen. Wie geht´s weiter (siehe Meldung Seite xx?)? Wer ist schuld? Und natürlich über die Frau im Macho-Metier. Katja steht wie ein Fels in der Brandung. Die immer gleichen Antworten wirken auch nach dem zigsten Interview frisch und souverän. Keiner wird abgekanzelt. Der Endsechziger aus Chemnitz, der sich für ein Autogramm für seine Enkelin in die heiligen Hallen geschlichen hat, bekommt sogar ein Lächeln. Wie sagte Katja doch? Für mich sind alle Menschen gleich wichtig. Man mag´s ihr glauben. Die Frau hat Nerven. Es bleibt trocken. Die Qualifikation wird schnell erledigt. Platz 33. Den restlichen Abend bimmelt pausenlos das Mobiltelefon. Trotz der dritten neuen Handynummer in den vergangenen vier Monaten. GP-Vermarkter Dorna hat ein Katja-T-Shirt aufgelegt und holt die Blondine in einer Limousine zur Signatur. Der Menschenauflauf nimmt Rockstar-ähnliche Dimensionen an. Nach zehn Minuten droht der Stand unter dem Druck der Fans einzubrechen. Die Dorna-Leute zerren Katja panisch ins Auto. Katja tut es »um die enttäuschten Fans leid, die als nächstes ein Autogramm erhalten hätten«. Abfahrt zum TV-Interview. Die Zeit davor reicht gerade, um aus der Lederkombi in die Jeans zu schlüpfen. Vom Interview geht´s direkt zur Präsentation der 125er-ADAC-Nachwuchsserie. Nahtloser Übergang zur Fahrervorstellung in der Festhalle. Um 21 Uhr treten Katja und Alex auf die Bühne. Die brechend volle Halle tobt. Katjas Magen auch. Abendbrot gibt´s um zehn. Nächster Tag, gleiches Spiel. Fotografen, Interviews, Autogrammjäger. Erst kurz vor dem Start verdrückt sich die Meute. Vater und Schwester werden noch abgeklatscht. Das Visier klappt nach unten. Endlich Ruhe. Später werden sie die Journalisten wieder fragen. Wie sie sich fühle, mit Platz 20, mit einer unsicheren sportlichen Zukunft und überhaupt, so als Frau in einem Männersport.
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Poensgen, Katja: Reportage (Archivversion) - Das Phänomen Katja P.

Schnellster Zopf der Welt« titelte »Bild« zu Beginn der Saison über Katja Poensgens Grand-Prix-Einstieg. Und wenn Kritiker für die GP-Karriere der Quereinsteigerin aus der qualitativ nur mäßigen Superstock-EM keinen Pfifferling gegeben hätten, sorgte der Auftritt der Blondine im Motorradsport-Oberhaus für ein noch nie dagewesenes Medien-Interesse. Denn die gebürtige Allgäuerin weiß über ihre Vorzüge. Als Frau, als Sportlerin und als Frau in einem Männersport. Und sie weiß diese Kombination zu nutzen. Auch wenn das Gespann Vater/Tochter Poensgen heute zugibt, »zu Beginn noch ein bisschen an der PR-Schraube gedreht zu haben«, rollt die mediale Lawine mittlerweile längst selbständig und in ungeahnten Dimensionen. Ob das aktuelle Sportstudio, die Harald-Schmidt-Show oder das Morgenmagazin – an Katja Poensgen wagt sich derzeit kein Programmdirektor vorbei. Erst recht kein Printmedium. »Bild« und »Der Spiegel« widmeten ihr fette Slogans, der Boulevard-Blätterwald sowieso, die italienische Sportbibel Gazetta dello Sport ließ Studio-Fotos schießen, und die spanische Tageszeitung Marca verfasste einen Kommentar. Denn Katja lässt sich glänzend präsentieren – und modellieren. Je nach Bedarf und Zielpublikum. Die Allein-gegen-alle-Powerfrau, das romantische Speedy-Girl oder die Ich-war-mal-eine-Punkerin-Diva. Einfluss auf die Stories hat sie mittlerweile wenig. Dafür einen Manager, der ihre Termine koordiniert und der Menschen kennt, mit denen man im Gespräch bleiben sollte. Beim Laureus-Award, einer Sportler-Ehrung in Monaco, stößt man schon mal mit dem Barden Marius Müller-Westernhagen an oder lässt sich auf ein Pläuschchen mit Tennisstar Martina Hingis ein. Selbst Schumi steht seit dem deutschen Formel-1-GP in Hockenheim in Katjas Telefonbuch – nach einem kollegialen Benefiz-Kick in Mannheim. Doch wenn die Karriere der fixen Heppenheimerin seit ihren beiden WM-Punkten aus Mugello derzeit auch über Plan liegt, ist sie schlau genug, um Realistin zu bleiben. Denn spätestens in der kommenden Saison schlägt der Zopf-Bonus weniger zu Buche. Dabei sein wird nicht mehr alles sein – auch nicht als Frau.

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