Ein Tag im Leben einer Biker-Wirtin (Archivversion)

Gast-Arbeiterin

Irgendwann muss sich eine junge Frau entscheiden, ob sie den poppigen Versuchungen des Lebens leichthin verfällt oder, wie Nathalie, wahre Werte wahrlich kultiviert. Also schuftet sie hart für den kradelnden und rockenden Gast.

Mini, Nathalies Ex, trug Kutte, fuhr mit ‘nem MC. Über den Weg gelaufen sind sie sich in ’nem Rockschuppen. Sie servierte, schaffte Biere ran, er pumpte sie weg. Bald schon träumten sie von ihrem Ding: einer Kneipe für Biker und sonstige Freunde des Rock’ n’ Roll. Im ersten Geschoss eines obskuren Gebäudes am industrietranigen Rand von Waiblingen-Neustadt fingen sie an. Sechs Jahre ist das jetzt her. Seit die Beziehung floppte, schmeißt Nathalie den »Rockpub« allein, und Mini schaut regelmäßig als Gast herein.So spät es in der Kneipe auch wird, morgends ab sieben, halb acht ultimo möchte Leonie unterhalten sein. Leonie ist zweieinhalb. Mit Nathalie, ihrer Mama, parliert sie französisch avec plaisier, mit Vater Paul schmust und schmollt sie auf gut Deutsch. »Ich will mein Kind zweisprachig aufziehen«, sagt Nathalie Prevot. Sie kam in der Bretagne auf die Welt, zog, als die Ehe der Eltern in die Brüche ging, mit ihrer deutschen Mutter nach Schwaben. Und später allein nach England. Zwei Jahre lang. Erst als Au-pair-Mädchen, »danach habe ich jeden Job angenommen, um mir mein Auskommen zu verdienen«.Fast so wie heute. Nathalie schrubbt, auch die Toiletten des Rockpub. »Ich hab’s mit Aushilfen probiert, die haben nicht funktioniert.« Sie schleppt. Zehn bis 15 Kisten Bier am Tag. Sie kauft ein. »Beim Zeitungslesen checke ich alle Sonderangebote ab.« Sie rechnet, muss schauen, wie sie über die Runden und das Finanzamt kommt. Und sie zapft, mixt, kocht, bedient und kassiert bis spät in die Nacht. »Ohne Mutter und Großmutter müsste ich den Laden dichtmachen.« Die Kawasaki Z 650 in ihrer Garage kriegt wohl erst wieder Auslauf, wenn Nathalie mit ihren Stammgästen zur alljährlichen »Rockpub-Ausfahrt« startet. »Zwei Tage lang in den Schwarzwald oder die Vogesen, die genaue Route liegt noch nicht fest.« Ein hartes Leben? Ja, sagt, Nathalie, und sie lacht. Sie lacht, als sie erzählt, dass sie es sich nicht leisten kann, in die Rentenkasse einzuzahlen. Und die gelernte Hotelfachfrau lächelt milde, wenn sie darüber nachdenkt, dass sie in jedem anderen Job mindestens genauso viel verdient, aber viel weniger malochen müsste. Sie lacht, weil sie ihren Traum lebt. Mit ihren Gästen. Leuten, die genau so denken und fühlen wie sie. Hofft sie. Mit Leuten, für die das Motorradfahren, der Rock’ n’ Roll, all das, was mal war - Woodstock, Easy Rider, Blues Brothers - , all das, worüber man eigentlich schweigen müsste, weil man nicht mehr darüber reden kann, noch irgendwie Sinn und tiefere Bedeutung hat. Ein Besuch im Rockpub entwickelt sich zur Zeitreise. Im Eck drei Typen mit Klamotten wie Neil Young, aber zu wenig Haaren auf dem Kopf. Was von den Rod-Stewart- und Kim-Carnes-Epigonen am Tresen nun wahrlich nicht behauptet werden kann. Lediglich zwei Typen am Stehtisch, kahlgeschoren, muskelbepackt und üppig tätowiert, entsprechen dem Bild des zeitgenössischen Hardcore-Bikers. Lieb haben sie sich alle. Küsschen, Küsschen für jeden neuen Gast, der so neu natürlich gar nicht ist, weil hier jeder jeden kennt. »Meine Familie«, freut sich Nathalie. Ihre Großfamilie. Denn da gibt’s ja noch die kleine mit Leonie und Paul, der eigentlich Bernhard heißt und - Glück muss frau haben - sich als Hobbykoch erweist. Paul steckt gerade im Prüfungsstress - er will Therapeut werden - und in der Küche, während Nathalie an der Theke therapiert. »Die hätten doch sagen können, dass sie heiraten«, beschwert sich ein Gast, nicht über die letzten Geheimnisse der Großfamilie informiert worden zu sein. Nathalie beschwichtigt, prostet gleichzeitig einer Gästin, die den Beginn ihres Urlaubs feiert, zum zweiten Mal mit doppeltem Wodka zu. Eine Wirtin muss eben was vertragen, auch dass ein Motorradler ihren billigsten Rosé für ein edles Tröpfchen hält und Headbanger auf den Tischen tanzen. Punkt drei schließt Nathalie ab, um halb acht meldet sich bekanntlich Leonie. Das kleine Familienleben dauert, unterbrochen von Buchhaltung und Einkaufsaktionen, bis vier. Ab in die Kneipe. Putzen, Getränke auffüllen, Essen vorbereiten. Um fünf der erste kleine Andrang. Das Bier danach. Nach der Arbeit. Eins, maximal zwei. Dann ruft die Familie, die Tagesschau, der Tatort, ab neun, zehn dann wieder der Rockpub. Der Laden füllt sich rapide, und Tina greift ein. 100 und mehr Leute im Laden - allein würde das Nathalie nicht schaffen. Überraschend viele Frauen bevölkern das Rockpub. »Ich habe mir meine Kundschaft erzogen«, lacht Nathalie, »wer die Mädels blöd anmacht, fliegt raus.« Schlappe vier Hausverbote gab’s in sechs Jahren. »Wenn Zoff droht, sag’ ich, Nathalie, regle du das«, analysiert der therapeutische Paul. »Klappt eigentlich immer.« Kein Wunder. Bei dem Lachen. Einmal enterten ein paar Hell’s Angels das Lokal. »Die waren hinter jemand her.« Weil die Stimmung während dieser Visite ziemlich rapide sank, suchte Nathalie den Boss des Stuttgarter Charters heim. »Ein netter Mensch, mit dem konnte man über alles quatschen.« Und im Nachhinein über alles lachen. »Wenn’s einfach nicht mehr geht«, sagt Nathalie, »mache ich das Licht aus und schließ’ ab.« Bislang hat sich noch kein Gast getraut, dagegen zu protestieren. Weil Nathalie dann vielleicht nicht mehr lacht.
Anzeige

Biker-Wirtin: Ein Tag im Leben der Nathalie Prevot (Archivversion) - Omas Fleischküchle

Obwohl der Biker ganz genau weiß, dass er sich gesund ernähren sollte, zieht er Hamburger, Chili, Wurstsalat und Omas Fleischküchle jedem Müsli vor ...
... denn Vitamine und andere wichtige Nährstoffe findet der Motorradler, sofern er noch Geld fürs Taxi übrig hat, bekanntlich auch im Bier. An dem Nathalie freilich keinen einzigen Cent verdient. 15 Euro plus Mehrwertsteuer für ‘nen Kasten löhnt die Biker-Wirtin an ihre Brauerei. Im Supermarkt würde der Kunde ob solcher Teuro-Eskapaden herzlich lachen, der Stoff stünde rum wie’s redensartliche Sauerbier. Selbst mit derart deftigen Preisen ist noch Geld zu machen, doch das greift der Herr, von dem Nathalie die Kneipe gemietet hat, per Pachtvertrag ab. Mit Nathalie und dem Bier verhält es sich wie mit Motorradhändlern und Neumaschinen - bringt wenig, um nicht zu sagen: nichts (siehe MOTORRAD 3/2002). Beide leben von Selbstausbeutung, vom Service und vom Zubehör. Letzteres sind für Nathalie Schnaps, Wein, Cola und Co. sowie, wenn’s denn sein muss, Nahrung der eher festeren Art. Große Küche lohnt sich nicht. Personal ist teuer und gutes schwer zu finden. Also muss die Verwandtschaft ran, anders wäre der Rockpub nicht zu halten. Zum nun folgenden Rezept für die Fleischküchle, die Nathalies Oma (auf dem Foto oben rechts) zusammenrührt, gibt die Redaktion zu bedenken, dass die nette, alte Dame es gar sinnig und umsatzfördernd tunte: »Oma nimmt immer vier Kilo gemischtes Hackfleisch, dazu sieben bis acht große Zwiebeln, Salz, Pfeffer und Paprika, ein bisschen Chilipulver, zwölf Eier, acht Brötchen, das alles wird mit viel Liebe zusammen geknetet oder vermengt, wie Oma sagt. Das Ganze brät sie dann in Biskin und schummelt zur Geschmacksverstärkung etwas Maggi hinzu. Manchmal nimmt Oma ein bisschen viel Salz. Sie sagt, dann würden die Gäste doch mehr trinken.«Übrigens: MOTORRAD bringt demnächst das Porträt eines Gespann fahrenden Konditormeisters mit einem sagenhaften Backtipp für eine Spitzenkäsesahnetorte, aber leider noch immer keine Rezeptkarten für Biker zum Sammeln.

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote