Ein Tag im Leben eines BMW-Mitarbeiters (Archivversion) Der Akku(h)mulator

Mit 26 baute Mark Grashold seinen Meister. Seitdem gehört der überzeugte Weißblaue zu den Chefs der Vormontage in Berlin. Sein Job: die Produktionsbänder alimentieren. Mit allem, was ein Motorrad so braucht.

Zu den unüberhörbaren Vorzügen der Spätschicht zählt definitiv, dass der Wecker nicht mitten in der Nacht um 4.30 Uhr randaliert. Einstempeln um 14.30 Uhr und nicht um sechs - das hat was. Gemeinsames Frühstück mit der Familie zum Beispiel. Und relaxen vorm Computer, Marks zweitliebstes Hobby. Doch hoppala. Heute stehen die Kleinen auf der Schwelle. Nicht um in den Kindergarten kutschiert zu werden. Angelina, nicht nur morgens um sieben äußerst aufgeweckt, will endlich mobil werden. Dazu, tiriliert die Sechs-Jährige, braucht es heutzutage Rollerblades. Und sie weiß auch, wo es die gibt. Im Sportgeschäft. Steven, der kleine Bruder, will natürlich mit. Weil auch Dagmar heute später ran muss an ihre Kasse im Supermarkt, mutiert die Einkaufstour zum Familienausflug. Mit allem was dazugehört: Limo, Schokoriegel, Pizza, lachen, kreischen, Tränen und eben diesen fixen Dingern mit den Rollen unten dran.Retour nach Pankow, wo die Grasholds wohnen. Nicht in einer diesen schnieken Villen dortselbst, wo DDR-Prominenz einst vorzüglich zu residieren beliebte. Statt dessen 90 Quadratmeter in einem modernen Mietshaus, 660 Euro warm und dazu das Privileg, dass hinter der Siedlung alles grünt und der Bauer kuhwarme Milch verkauft. Dennoch suchen Mark und Co. ein neues Domizil. Warum? Spätestens um 13.30 Uhr muss er los. Mindestens 45 Minuten Berlin im gebraucht angeschafften Dreier-BMW-Coupé. »Es gibt«, sagt Mark, »angenehmere Dinge auf dieser Welt als den Stress im Hauptstadtverkehr.«Etwa vom Meister der Frühschicht zu vernehmen, dass alles paletti läuft. Ein Blick auf den Computer, und dann geht’s ab. Das macht er immer so. Raus aus dem Meisterbüro, rein in die Produktion. Seine Leute begrüßen, 43 an der Zahl - die Hälfte der kompletten Vormontage für Boxer und K. Die ist, logistisch ausgeklügelt, um zwei Bänder geschmiegt, liefert Rahmen, Telegabel, Kardan, Tank und alles Mögliche und Unmögliche zu. Als da wäre die heutige Spezialität: Kabelbäume für französische Polizeimotorräder mit den Extras Sirene und Fahndungscomputer.Sieht ganz so aus, als seien die meisten Arbeiter älter als ihr Chef. Der hat - gerade anderthalb Jahre ist das her - mit ihnen zusammen am Band gestanden. Dort, wo die Motorräder, die den Prüfstand absolviert haben, komplettiert werden. Mit Sitzbank, Verkleidung, Scheinwerfer. »Obwohl’s Spaß gemacht hat, habe ich mich gefragt, kann das alles sein?« Marks Antwort: nein. Er wollte seinen Meister bauen, und zwar so schell wie möglich. »Ohne BMW hätte ich das nicht geschafft.« Freistunden aufgebaut, den kompletten Urlaub fürs Jahr drauf genommen, und weil das für den achtmonatigen Kurs in Frankfurt am Main nicht reichte, 13. und 14. Monatsgehälter in spe verpfändet. »Es war eine harte Zeit«, erinnert sich Dagmar. Sie mit den Kleinen allein in Berlin, Mark im Frankfurter Studierzimmer. »Lust zu lernen habe ich erst bekommen, als ich schon arbeitete.«In der Realschule eher mittelmäßig, in der Lehre bei BMW solide - »die Freunde waren wir damals wichtiger« -, kam auf der Meisterschule der Kick. Am liebsten würde er weitermachen. Studieren. Wirtschaftsingenieur oder Betriebswirt. »Mit der Technik kenne ich mich aus, wenn ich auch noch über die wirtschaftlichen Hintergründe Bescheid wüsste, würden sich mir interessante Möglichkeiten bieten. Hoffentlich bei BMW. Ich habe die weißblaue Brille auf.«Aber auch die Familienbrille. Studieren und arbeiten - jetzt, da die Kinder voll in der Entwicklung, so spaßig und unterhaltsam sind? Mark und Dagmar teilen sich die Verantwortung, wie jede Frauenbeauftragte es sich wünscht. Sie arbeitet meist spät, er normalerweise früh, holt um 16.30 Uhr Angelina und Steven vom Kindergarten ab. Spielen, vorlesen, ab und an zusammen einen Film in der Glotze gucken, Abendessen. Wenn er das Kunststück hinkriegt, die Kleinen bis acht ins Bett zu kriegen, hat er, bis Dagmar vom Supermarkt kommt, noch eine gute Stunde für sich, den Hardrock und den Computer. Programmieren, spielen, Internet.Ja, der Computer. Retour von seiner Visite in der Vormontage, schaut Mark bei den Meisterkollegen für die Produktionsbänder im Zimmer nebenan vorbei. »Auf den Monitoren können wir erkennen, wo eine Lücke im Band ist, wir können sogar sehen, welche Positionen die Hubstationen gerade einnehmen.« Organsieren, kontrollieren, analysieren, vor allem die Fehler - das ist ihr Job. Auf der Basis der Informationen, die ihnen die Datenverarbeitung serviert, müsste kein Meister seinen Hintern hochkriegen. Doch dazu sind sie im Kopf und mit dem Bauch zu nahe dran an ihren Leuten. 97 Prozent Facharbeiter, bei KTM sind’s deren 25. Dort die herrlichste oberösterreichische Provinz, wo’s schwer fällt, qualifizierte Leute ranzuschaffen, hier das Reservoir der Hauptstadt und ihres von Arbeitslosigkeit gebeutelten Umlands. Außerdem produziert BMW anders, individueller als die Konkurrenz. »Ein Großteil der Maschinen ist kundenbelegt, das heißt, die Maschine wird genau so hergestellt, wie sie der Käufer bestellt«, sagt Produktionsleiter Dieter Schliek. In der Automobilbranche ist das längst Usus.In der Beziehung will BMW immens zulegen. Für die Jungs und die wenigen Mädels an Band und Vormontage bedeutet das mehr Abwechslung. Und vielleicht auch mehr Spaß an der Arbeit. Die Stimmung jedenfalls ist gut. Bis Schichtende, 23 Uhr, wird gelacht, parliert, diskutiert, und wenn Mark seine Runden macht, hört das nicht auf, der macht mit. Klar, dass man sich duzt. »Manchmal musst du wie ein Bruder oder Freund sein, jemand, zu dem man kommt, weil man ihm vertraut, dann wieder wie ein Vater, der seine Autorität ausspielt, ohne das zu deutlich spüren zu lassen.«Mit seinem Vater teilt Mark eine K 100, gebraucht günstig gekauft. Zu einem Neufahrzeug hat’s noch nicht gereicht. Mit 18 und dem Einser kam die Emme, »damit ich überhaupt was zum Fahren hatte«. Dann die erste BMW, eine verschandelte R 65. Als die von ihrer abgrundtief hässlichen Verkleidung befreit war und wieder einigermaßen lief, meinte Dagmar: »Mark, ich bin mir fast sicher, wir brauchen ein Auto.« Da war Angelina ein paar Monate alt. Den angejahrten Ford Fiesta, den’s gab für die BMW, fährt Dagmar noch heute, für ihre täglich 31 Kilometer einfach zur Arbeit im Supermarkt am anderen Ende von Berlin. Und wenn’s was zu reparieren gibt, macht das der Mark.Weil er seinen Urlaub gegen die Meisterschule eintauschte, fielen zuletzt größere Touren flach. Am Wochende leisten sich Mark und Dagmar ab und an den Luxus, die Kleinen für ein paar Stunden zu den Eltern zu bringen, um’s Berliner Umland mit der K zu visitieren. Sich ins Nacht- und Kulturleben der Haupstadt zu stürzen, liegt ihnen nicht. Wie den meisten Berlinern, die in ihrem Viertel ein behagliches Leben kultivieren. Tschüs, Metropole. Sei gegrüßt, Provinz.Vom 5. bis 7. Juli läuft in Garmisch-Partenkirchen das große BMW-Meeting. Da touren Mark und Dagmar auf jeden Fall hin. Mit dem Motorrad, obwohl’s beide umtreibt, dass Angelina und Steven in Pankow bleiben müssen. Mark hat’s allerdings besser als Dagmar. Er trifft dort seine Zweitfamilie. Die da heißt BMW.

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