Ein Tag im Leben eines Harley-Vermieters (Archivversion) Hope to miet you again

Dort, wo Norddeutschland besonders tiefeben und das feinste Hochdeutsch in aller Munde ist, lebt ein tapferer Mann, der Mythen auf Rädern verleiht. Sein Erfahrungsbericht.

Neun Uhr. Zeitungslektüre im Büro. Zunächst das Wichtigste. Shit. Hätte ich mir denken können: Arminia hat verloren. »Scheint wieder mal ein völlig normaler Montag zu werden«, denke ich, bis mir einfällt, daß ich eigentlich keine normalen Tage kenne. Selbst schuld. Hat mich keiner gezwungen, Träume zu vermieten, um davon Alpträume zu kriegen. Aber immerhin hat es sich gelohnt, Soziologie und Psychologie zu studieren. Wüßte keinen Job, in dem mir meine Diplome hilfreicher wären. 9.15 Uhr. Telefon. »Sie ham’ doch Harley zu vermieten?« »Was darf’s denn sein?« »So eine, wie Schwarzenegger sie fährt.« »Is ‘ne Fat Boy.« »Hören Sie mal, Arnie hat zwar zugenommen, aber als fat boy würde ich ihn nicht bezeichnen wollen.« Ich mag diese ultracoolen Durchblicker, die von Harley soviel Ahnung haben wie die Arminia vom kultivierten Kurzpaßspiel (Bade schrieb diese Zeilen, als der Verein sich in eine Krise kickte, die Redaktion). »2000 Mark Kaution«, kontere ich. Grabesstille macht sich in der Leitung lang. Die ich - 9.17 Uhr - unterbreche. »Gilt als Sicherheitsleistung für den Fall des Falles einer unserer Zweiradpretiosen.« Denke dabei an den netten älteren Herrn, der gestern versuchte, eine Dyna Glide mit eingeklapptem Seitenständer zu parken, und sie dann nicht mehr hochkriegte. 35 Kilometer Anfahrtsweg. So kommt unsereins wenigstens mal zum Motorradfahren. »Nehmen Sie Schecks?« reißt der Arnie-Jünger mich in die Gegenwart zurück. »Alles, nur keine Euros und keine Teppiche.«10 Uhr. Just als ich die Milwaukee-Pracht animierend vor dem Laden präsentiert habe und am Chrom herumfeudele, schlorcht ein extrem vollschlanker Glatzkopf - 60 verweht - auf mich zu. »Möcht ich mieten, strahlt er und zeigt auf eine grüne Road King. »So eine hat sich mein Nachbar angeschafft, und jetzt wollen wir auf Tour.« »En passant die Frage nach dem letzten Mal. »Ist 30 Jahre her.« Aus seinem Führerschein blickt mich forsch ein 19jähriger Rock’n’Roller an - weißes Nyltest-Hemd, naßgekämmte Entenschwanzfrisur. Echter Sympathieträger. Wirklich. Dennoch plane ich schon mal eine Viertelstunde für den jetzt drohenden Nostalgieanfall ein.10.23 Uhr. »Ja damals 1957«, höre ich noch schwallen, »da warst du mit einer Horex Imperator noch der King vom Karree.« Der Mann nimmt sicher Doppelherz, dennoch beschließe ich, ihm die Kraft der zwei Zylinder anzuvertrauen. Mein Job heißt, dem Zweckoptimismus zu frönen. Sonst bleibst du auf deinen Mopeds sitzen. Wer von den paar Kuttenträgern leben will, deren Bock ausgerechnet vor ‘ner spitzengeilen Party den Geist aufgibt, kann gleich einpacken. Da braucht’s noch den Virago-Treiber, der ein Wochenende lang mal von allen Bikern gegrüßt werden möchte. Ins Gewicht fallen, finanziell, die älteren Herrschaften vom Schlage des beglatzten Doppelherz, die, von guter Rente alimentiert - unter 200 Mark pro Tag, und dafür gibt’s gerade mal ‘ne Sportster, fährt nämlich gar nichts -, sich an diesen Vibrationen laben wollen, die Körper und Geist zusammenhalten. Viagra auf Rädern. Lieb und recht sind mir auch die Herrschaften, die locker 30 Mille für eine Harley hinblättern könnten, sie dann freilich lieber mieten. Weil sie so beschäftigt sind, daß sie sich maximal an vier Sonntagen diesen Eskapismus genehmigen. Was sie bei mir günstiger kommt. 10.30 Uhr. Doppelherz wird ausstaffiert. Die taillierte Harley-Jacke habe ich ihm ausgeredet. Aber in trendy Chevignon-Blouson mit grimmiger Ray Ban mutiert er zu einem anderen Wesen. Jetzt fährt er nicht nur Road King. Und das übrigens routiniert vom Hof. Gelernt ist eben gelernt.11.15 Uhr. Nur auf Rollern habe er bisher gesessen, gesteht der nächste Kandidat. Also genauestens einweisen. Dennoch schafft er es, in Bull Riding-Manier vom Hof zu hoppeln, wobei er aufgeregt nach den vorverlegten Rasten füßelt. Ein Anblick, dem es etwas an Souveränität gebricht. Angesichts solcher Laien weiß ich genau, warum der Autovermieter Sixt sein Harley-Geschäft liquidiert hat. Außerdem stehen die Dinger im Winter nur rum. Totes Kapital. Am besten klappt das Harley-Verleihen in Verbindung mit einem Dealer. Mal abgesehen von Wartung und so. Denn der könnte, beispielsweise, einfach die Probefahrten verknappen. Oder, wie’s der Zufall will, ist die gewünschte Maschine nicht da, wohl aber beim Mietservice nebenan.15.37 Uhr. Anruf eines Düsseldorfer Kunden, der sich vor zwei Tagen eine Heritage abgegriffen hat. »Stehe mit defektem Motorrad an der Autobahn.« Düse also im Auto mit Anhänger hintendran gen BAB. Es regnet, paßt mal wieder alles bestens zusammen. Die Fehlersuche erweist sich als relativ einfach: Tank leer. Der Rheinländer verliert den gleichnamigen Humor. Auch weil seine junge Begleiterin - »Darf ich vorstellen: meine Tochter« - diese Stopp überhaupt nicht witzig findet. 17.58 Uhr. Von diesem Streß kauft er sich später im Laden durch teure Lederjeans für sie frei. Während Sekretärin Jenny sich einem Ami widmet. Mr. Bellow, Chef eines Versicherungsunternehmens, will auf kulturträchtigen Strecken durchs Weserbergland touren. Und Jenny weiß, wo’s langgeht, schickt ihn zum Umkleiden in die Kabine. Die verläßt Mr. Bellow, als sei er einer Country’ n‘Western-Show entfleucht. Fransen, wohin der Blick auch fällt, und spitze Schuh’. Als er auf Fat Boy davonbrummt, bin ich mir sicher, daß auch die Arminia irgendwann wieder zweitklassig wird.

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