Ein Tag im Leben eines KTM-Mitarbeiters (Archivversion)

Band 2, Haus 9

Im Weiler Steinrödt, am Waldesrand, wohnt Gerhard Priller. In Mattighofen baut der grundsolide Nebenerwerbslandwirt EXC 400 zusammen. Was erklärt, warum verrückte Motorräder etwas ungemein Bodenständiges an sich haben.

Dränge aus einem Kuhstall nicht mattes Licht, den Weiler Steinrödt bemerkte ein das Landsträßchen von Uttendorf herkommender Reisender nicht. Links ein schemenhaft sich abzeichnender Wald leicht erhöht, rechts Wiesen, die zu einem Bahndamm hin dezent abfallen und alsdann in plattem Land zerfließen. Gerhard Priller wohnt seit 31 Jahren in Steinrödt, seit seiner Geburt eben. Den Neubau mit der Hausnummer 9 hat er neben dem Elternhaus hochgezogen, und auch in ihm brennt, von der Straße aus nicht zu sehen, das Licht. Unterm Kruzifix in der großen Küche sitzt die Familie um Sechs am Frühstückstisch. Gerlinde, seit gut zwölf Jahren mit Gerhard verheiratet, fängt zwar erst 7.30 Uhr als Kontrolleurin in einem Elektronikbetrieb an, doch der gemeinsame morgendliche Kaffee gehört nun mal zum Eheritual. Der Willkür kultusministerialer Bürokraten ist’s geschuldet, dass Cornelia mit müden Augen an ihrer Tasse nippt. Um 7.15 Uhr muss die 12-Jährige in der Hauptschule antreten. Und weil die drei mehr oder weniger wach und leise durchs Erdgeschoss stromern, hält’s auch Nesthäkchen Melanie nicht in ihrem Bett. Seit 1994 arbeitet der gelernte Kfz-Mechaniker Gerhard Priller bei KTM. Zuerst als Springer, 1998 avancierte er zum Chef einer Montagestraße. Nachdem er sich durch die Mattighofener Rush-hour gedrängelt hat, geht er, Punkt 6. 45 Uhr in der hellen und geräumigen neuen Halle angekommen, erst mal sein Band entlang. Die Nummer 2 unter den insgesamt vieren, wo die Sportenduro 400 EXC Racing auf dem Tagesplan steht. Innerhalb der tarifvertraglichen 38,5 Stunden wären die geforderten 71 Maschinen nicht zu schaffen. Deshalb hat die Chefetage Überstunden angeordnet. Für Gerhard kein Problem. Schließlich drücken ihn wegen des neuen Hauses noch Schulden, und fertig gebaut ist es eigentlich auch noch nicht. Im Flur klebt noch das nackte Styropor an der Decke, der Balkon verlangt nach einem Geländer, und der Platz vor Garage und Geräteschuppen will schon länger gepflastert sein. Zehn vor Sieben sieht alles nach einem Tag ohne besondere Vorkommnisse aus. Die 13 Plätze am Band und die acht in der Vormontage sind besetzt. »Im Durchschnitt verdient ein Produktionsarbeiter 11 Euro die Stunde«, erzählt der Betriebsratsvorsitzende Fritz Lackerbauer, was über Tarif sei. »Die Politik unserer Gewerkschaft im Betrieb ist, dass wir bei den Lohnerhöhungen immer 0,5 bis ein Prozent über der Inflationsrate liegen.« Für die meisten Beschäftigten am Band - wie in der gesamten Produktion ein Viertel Facharbeiter, der Rest Angelernte - reicht das Gehalt dennoch nicht aus, sich eins ihrer Produkte zuzulegen. »Ich habe Kinder zu Hause, da kann ich mir den Luxus eines Motorrads nicht erlauben«, bedauert einer von Gerhards Arbeitern. Obwohl KTM den Mitarbeitern Angebote macht, die sie eigentlich nicht ablehnen können. In Gerhards Garage steht eine LC4, die er, gebraucht, günstig aus dem Firmenfuhrpark abgreifen konnte.Um die acht Minuten montiert jeder Arbeiter an einer Maschine, ohne Hektik, so dass er sich seines Pensums akkurat entledigen kann. Sollte Not am Mann sein, könnte Gerhard an jedem der 13 Montageplätze selbst Hand anlegen, etwa Auspuff und Sitzbank montieren oder den Kabelbaum verlegen. Aber die meiste Zeit sitzt er in seinem Glaskasten am Schreibtisch oder schaut, was seine Leute machen. Organisieren, kontrollieren - das ist seine Aufgabe. 7.20 Uhr meldet Alexander Maricic, der erste Mann am Band, dass der Computer, in den er Fahrgestell- und Motornummer einscannen soll, den Dienst verweigert. Nachdem er die EDV-Abteilung informiert hat, bereitet sich Gerhard auf ein Mitarbeitergespräch vor. »Hauptthema werden die Werksferien sein.« Anno 2000 waren’s noch vier Wochen, 2001 nur noch deren drei, und so wird’s auch 2002 sein. »Bei der großen Nachfrage nach unseren Motorrädern können wir es uns nicht erlauben, so lange nicht zu produzieren.«Kleine Aufregung um 7.40 Uhr: Eine Mitarbeiterin aus der Vormontage beklagt sich, dass der Auszubildende die Kartonagen nicht weggeräumt habe. Gerhard beruhigt die leicht echauffierte Dame. Sein Mittagessen, einen Leberkäswecken, verzehrt Gerhard am Arbeitsplatz. In täglichen Meeting mit dem Betriebsleiter um 12 Uhr diskutieren die Kapos von Band und Lager die Optimierung der Teileversorgung. Um 13.30 Uhr meldet sich die Qualitätskontrolle: Schlauchklemme falsch positioniert. 14.52 Uhr ein ernsteres Problem: Kupplungsschläuche waren irrtümlich mit Kabelsträngen zusammengebunden. Passierte im Motorbau, in der alten Fabrik. Ein Anruf, und der Meister dort verspricht, das Malheur zu beheben.Ein Ex-Kollege, der jetzt in der Entwicklung arbeitet, besucht seine alte Abteilung in bester Laune. Der Chef, der Pierer, habe ihm bei einem Besuch in der Abteilung die Hand gedrückt. »Die wasch’ ich nie mehr.« Auch Betriebsrat Lackerbauer betont, beste Beziehungen zur Geschäftsleitung zu pflegen. Seit 24 Jahren ist er im Betrieb, er hat den Konkurs anno 1991 erlitten, schlimme Zeiten erlebt. »Vor zehn Jahren arbeiteten 170 Leute in Mattighofen, heuer sind’s 800. Besser ging’s uns nie.« Oberösterreich hat eine Arbeitslosenquote von vier Prozent, die niedrigste im ganzen Land. »Wir suchen dringend Facharbeiter«, sagen Betriebsrat wie Personalchefin. Mit innerbetrieblichen Fortbildungen soll die Fertigungsqualität verbessert werden. Trotz der Produktionsverdopplung in den letzten zwei Jahren sind, so Lackerbauer, »die Nacharbeiten zurückgegangen. Kein Wunder bei besser qualifizierten und höher motivierten Mitarbeitern«. So sieht’s auch Gerhard, der heute keine Überstunden macht, um 15 Uhr stempelt und direkt nach Steinrödt fährt. »Das Beisl vor dem Werkstor hat zugemacht. Keine Kundschaft«, erinnert sich Betriebsratschef Lackerbauer an geselligere Zeiten. »Niemand will seinen Führerschein riskieren.« So um die zehn Kilometer im Schnitt«, schätzt der altgediente KTMler, haben die Auswärtigen bis zum Betrieb. Nach seinen zwölf Kilometern kümmert sich Gerhard zunächst mal um die Kinder, spielt mit ihnen Memory. Und der Ton, den er dabei einschlägt, erinnert ein bisschen an seine Umgangsformen im Betrieb. Immer freundlich, sein Gegenüber stets ernst nehmend, so dass Autorität wie von selbst entsteht. Irgendwie hängt diese gelassene Art wohl mit dem Dasein auf dem Land zusammen, das zu einer intensiveren Form des Zusammenlebens als in der Stadt führt. »Allein«, sagt Gerhard Priller, »hätte ich das Haus so nicht hochziehen können oder viel mehr Geld ausgeben müssen. Geld, das ich nicht habe.« Freunde und Nachbarn haben geholfen, und jetzt revanchiert er sich. Mit dem Reparieren von Autos beispielsweise. Punkt sechs trifft sich die Familie in der Küche zum Abendessen, danach stellt sich Gerhard unter die Dusche. »Irgendwie als Zeichen dafür, dass der Tag der Pflichten beendet ist.« Was sich auch daran zeigt, dass es die Familie jetzt ins Wohnzimmer zieht. Nächster Programmpunkt: die Nachrichten im Fernsehen. Auf eine Tageszeitung verzichten die Prillers. »Ab und an kaufe ich mir die Kronen-Zeitung, damit ich weiß, worüber im Betrieb und im Gasthaus geredet wird.« Dahin treibt’s ihn ein- bis zweimal die Woche vier Kilometer weit nach Uttendorf. Ein Pils oder einen Gespritzten an der Bar, dann noch mal das Gleiche mit Freunden und Bekannten am Wirtshaustisch und subito zurück. Es hat schon seine triftigen Gründe, warum der Ortspolizist sein Bier im Nachbardorf trinkt. Einer von Gerhards Lieblingssprüchen heißt »Dös is a gmahte Wiesn«. Nicht nur, weil sich sein landwirtschaftliches Engagement mittlerweile auf die wenig arbeitsintensive Graswirtschaft reduziert - mähen, trocknen, an die Viehbauern verkaufen. Diese Floskel steht als Leitspruch über seinem ganzen Leben, das, bei allen sich selbst und von andern auferlegten Regeln, einem natürlichen Rhythmus folgt. Mit 19 das erste Kind. »Na und, stellen wir unser Leben eben darauf ein. Ich habe nicht das Gefühl, etwas versäumt zu haben.« Diese Fähigkeit, alles so zu nehmen, wie’s kommt und das Beste daraus zu machen, bestimmt auch seine Arbeit bei KTM. Denn selbstverständlich ist auch die Montage von Motorrädern »a gmahte Wies«. Wie gut für eine Firma, wenn sie solche »Bauern« hat.
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KTM-Mitarbeiter: Ein Tag im Leben des Gerhard Priller (Archivversion) - Explosionsgefahr

Es boomt. KTM baut zwei neue Werkshallen, bald sollen jährlich 60000 Motorräder gefertigt werden.
Orange ist die Farbe der Wüste, sagt KTM. Gar nicht mal so arg übertrieben, wenn man bedenkt, dass 68 von 175 Arras-Dakar-Teilnehmern mit KTM-Motorrädern ausgerückt waren. Unter den Erstplazierten war die grelle Lackierung ohnehin nicht zu übersehen. Orange ist auch die Farbe des Erfolgs, der in trüben Rezessionszeiten, von denen die Motorradbranche keineswegs gefeit ist, doppelt zählt. In Mattighofen, im ansonsten eher betulichen Innviertel zwischen Salzburg und Linz, geht es zu wie im Silicon Valley zur längst vergangenen Blütezeit der Internet-Start-ups. Hotels und Pensionen sind ausgebucht, Privatzimmer und Wohnungen praktisch nicht zu haben, die Mieten teuer. »Jeder, der noch kriechen kann, hat einen Job«, feixt ein KTM-Angestellter. Sieglinde Grubinger hat noch mehr davon zu vergeben. In der Produktion, in der Entwicklung, im Verkauf, überall. »Letztes Jahr haben wir 130 neue Mitarbeiter eingestellt«, erzählt die Personalchefin von KTM und kommt bei dem Gedanken, dass sie im Schnitt jeden Tag einen neuen Mitarbeiter einstellen muss, ganz schön ins Schwitzen. Allein im Januar heuerte sie weitere 36 Leute an. 1074 waren`s zum Stand 31. 1. 2002, davon 310 im Ausland. Es geht bergauf, und zwar stramm. Umsatzverdoppelung in den letzten zwei Jahren, allein im Geschäftsjahr 2000/2001 (endete am 31. 7.) den Umsatz von 160 auf knapp 230 Millionen Euro gesteigert, 46000 Crosser, Enduros und Minibikes, Vier- und Zweitakter verkauft (Vorjahr 35000), Gewinn verdreifacht, Ersatzteilcenter neben dem erst vor zwei Jahren in Betrieb genommen Hauptwerk errichtet, neue Fabrik für White Power Suspensions, den konzerneigenen Federbein- und Gabelhersteller in Holland, hochgezogen, Neubau der französischen Niederlassung, Übernahme des Imports in Italien und so weiter.Entwicklungschef Wolfgang Felber, noch vor drei Jahren Mitglied einer Handvoll engagierter Ingenieure und Designer, steht heute einer 90-köpfigen Mannschaft vor. Nie hatte man sich erträumt, dass die gerade erst vor zweieinhalb Jahren bezogenen Räumlichkeiten im neuen Werk jetzt schon wieder aus allen Nähten platzen. 13 Millionen Euro investierte KTM in die neuen Werkshallen, deren Kapazitäten für 40000 Motorräder ausreichen und – so glaubte man seinerzeit – für die Zukunft gebaut seien. Pustekuchen. Im Herbst zieht die Entwicklungsmannschaft zusammen mit der ständig wachsenden Sportabteilung in ein neues, 7000 Quadratmeter großes Gebäude um. Damit Platz für eine weitere Montagelinie neben den vier vorhandenen wird. Dort soll die LC8, der neue Zweizylinder, montiert werden. Apropos LC8: Der Zeitplan ist verdammt eng. Die Testfahrer schieben mächtig Überstunden. Seit Anfang Dezember stecken die beiden Zweizylinder-Adventure-950-Maschinen im 50000-Kilometer-Dauertest. Pro Maschine und Tag 1100 Kilometer. Zum Glück sind keine wesentlichen Mängel aufgetreten, auch nicht bei den Rallyemaschinen, der Sieg von Werksfahrer Fabrizio Meoni kam nicht von ungefähr. »Wir haben hauptsächlich Detailoptimierung betrieben. Die Kupplung verstärkt, das Ölsystem modifiziert, die Leistungscharakteristik geändert«, erzählt Felber. Im Mai oder Juni werden drei Muster-Motorräder aufgebaut, im Spätsommer läuft eine Vorserie von mindestens zwölf Fahrzeugen vom Band. Und im Herbst startet die Serienproduktion. 3500 LC8 im ersten Jahr, 10000 Stück in drei Jahren, darunter die Duke 950, eine supersportives Naked Bike mit dem Zweizylinder-Triebwerk, das sein Debüt auf der Intermot 2002 geben wird.Es wird jetzt Zeit, dass eine weitere Produktionsstätte im Nachbarort von Mattighofen fertig wird. Denn der Chef Stefan Pierer hat die Marschrichtung vorgegeben: 60 000 Motorräder sollen in diesem Geschäftsjahr von den Bändern rollen. Deshalb werden Motorproduktion sowie Schweißerei aus dem alten Werksgelände alsbald umziehen und auf den 5500 Quadratmetern der neuen Werkshalle Platz finden. Und die bekommt natürlich einen orangefarbenen Anstrich.

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