Ein Tag im Leben eines Motorradhändlers (Archivversion) Die Krise als Chance

Die Branche klagt. Über Importeure und Hersteller, die den Händlern die Pistole auf die Brust setzen. Honda-Händler Franzen aus Koblenz will aus der Misere des Beste machen. MOTORRAD hat ihm einen Tag lang zugeschaut.

Morgens um acht auf der Koblenzer Automeile. VW, Audi, BMW, Renault, Porsche. Dagegen mutet die Niederlassung des Honda-Händlers Dietmar Franzen - Monatsmiete 9000 Mark - wie ein schmucker Bungalow inmitten großkotziger Villen an. Einsam steht auf dem Parkplatz eine auf Super Moto getrimmte KTM. Die fährt der Chef. Runter in die Werkstatt. Meister Jörg teilt die Arbeit ein. Die einfacheren Inspektionen für Stefan, den Lehrling. Er selbst macht sich an die Feinabstimmung eines Suzuki-GSX-R-Vergasers ran. Um neun schließt Chantal, Dietmars Frau, den Laden auf. Sie kümmert sich um Klamotten und Zubehör, Andreas, Verkäufer und gelernter Mechaniker, ums Motorradgeschäft. In der Woche vor Weihnachten hält sich der Andrang in Grenzen. Einer Kundin, die ihren Gatten mit einem Topcase beschenken möchte, fallen momentan weder Marke noch Typ des Fahrzeugs ein. Chantal rät zu einem Geschenkgutschein. Und Dietmar ordert ein Hotelzimmer für einen Kunden aus Hamburg. »Dem geht’s um die Optimierung seiner CBR.« Neben seiner Honda-Vertretung betreibt Dietmar noch die Tuning-Firma Franzen Sport Evolution. »Mein zweites Standbein.«Das braucht’s unbedingt, meint er. »Vom Motorradhandel allein könnten meine Leute und ich nicht leben.« 1999 war’s, da machte ihm Honda Druck. »Ich hatte noch hohe Restbestände. Dennoch hieß es, entweder es wird von heute auf morgen bezahlt, oder es ist Schluss. Da beschloss ich, noch mehr Gewicht aufs professionelle Tuning zu legen. Keiner darf mit meiner Existenz spielen.«Schnelle Motorräder sind Dietmars Leidenschaft. Drei Jahre Superbike-DM auf Kawasaki und Suzuki. »Zielsetzung war, mit der Rennerei mal Geld zu verdienen.« Klappte nicht. »Bin Realist, wurde erst mal abgehakt.« Anno 1998 dann sein Wiedereinstieg. Stock Sport. Auf einer CBR, der er den Motor der XX implantiert hatte. »Drei Mal vom letzten Platz gestartet, drei Mal gewonnen.« So was spricht sich rum. Bessere Werbung gibt’s nicht. »Weiß einer von euch, ob eine Guzzi California in unseren kleinen Transporter passt?« fragt Chantal. »Passt«, kommt sofort die Antwort. Von Frank. Der gelernte Stuckateur, wie Werkstattchef Jörg und Verkäufer Andreas alte Kumpels von Dietmar, jobbt hier nebenher, hat aber ausgerechnet im Winter eine Menge zu tun. Guzzi transportieren zum Beispiel. »Seit drei Jahren bieten wir unseren Kunden einen Bring-Servive an«, sagt Chantal. »Wir holen die Motorräder ab und chauffieren sie wieder zurück. Ab einem Auftragswert von 300 Mark und bis zu 50 Kilometer Entfernung kostenlos.« Diese Einschränkung hatte Dietmar bei der Premiere vergessen. Rechnete sich also nicht. Damals. Jetzt schon. »Die Werkstatt ist im Winter zu 80 Prozent ausgelastet«, freut sich Meister Jörg.Der früher bei BMW arbeitete, in einem Autohaus. Und sich jetzt zwar hauptsächlich mit Honda, aber auch mit Maschinen aller anderen Marken befasst. »Kein Problem«, sagt der Motorradfreak, der später Lehrling Stefan in die Geheimnisse des Ölfilterwechselns bei Moto Guzzi einweisen wird. »Wenn ich selbst mal nicht weiter weiß, frag’ ich einfach den Dietmar.« Der wiederum kann nicht verstehen, warum Kollegen Besitzer von grau importierten Maschinen schnöde des Hofs verweisen oder sie spüren lassen, dass sie Kunden zweiter Klasse sind. Der Graumarkt, so eine Überzeugung, wird demnächst zusammenbrechen. »Das sind meine Neumaschinenkäufer von morgen.« Auffällig strolcht ein solider Herr im Freizeitlook um die Africa Twin im Show-Room herum. »Der war schon mal da«, erinnert sich Dietmar, »ein gutes Zeichen.« Der Kunde besteht auf Blau, aber Dietmar hat sie nur in Schwarz. »Es ist schon verflixt mit den Farben. Wir hatten ewig eine Varadero in Gold stehen, haben sie dann schwarz lackieren lassen. Kaum war’s passiert, kommt einer und fragt: Habt ihr die nicht in Gold?« Mit Blau kann Dietmar demnächst dienen. Bleibt nur noch die Frage nach dem Preis. »Liste zahlt heute kein Mensch mehr.« Feilschen gehört zum Geschäft. »Ich setze mir ein Limit, drunter gehe ich nicht.« Harte Zeiten für Händler. Die Importeure kürzen die Margen, der Kunde verlangt Rabatte. Mitunter unverschämte. Da hilft nur eins: »Freundlich bleiben.« Doch manchmal »verschenkt« er seine Maschinen. »Verschenken« - das ist Dietmars Wort für draufzahlen. »Wenn du im Herbst noch vier Motorräder von einem Modell im Laden hast, dann müssen die raus.« Totes Kapital. Honda, wie die meisten Importeure, hat die Zahlungsfristen brutal gekürzt. Wer Mopeds haben will, muss dafür blechen, Und zwar sofort. Das provoziert spannende Diskussionen mit der Hausbank. »Sie haben Ihren letzten Kredit noch nicht abbezahlt und wollen schon einen neuen?« Hat aber auch was Gutes: »Du überlegst dir das Ordern im Herbst viel genauer.« 186 Motorräder hat Dietmar 2000 verkauft. 100 weniger als noch vor zwei Jahren. »Aber der Gewinn ist höher.« Weniger Zinsen, weniger Ladenhüter, weniger »verschenken«.Der Markt schrumpft dezent, der hohe Kurs des Yen hat den Preisvorteil der Japaner zunichte gemacht. 30 Prozent aller Motorradhändler, so die Prognosen, stehen vor dem Bankrott. Zu denen, ist sich Dietmar sicher, wird er nicht gehören. »Ich möchte eher noch zulegen, mich vergrößern.« Deshalb sein »offener« Werkstattbetrieb. Deshalb baut er den Bekleidungssektor aus. Deshalb Tuning.»Da steigen gerade einige Kollegen drauf ein. Bringt aber nichts, wenn du dafür extra jemanden einstellen musst.« Dietmar entwirft allein. Nach Feierabend, an den Wochenenden. »In der Motorradbranche arbeiten Enthusiasten, manchmal auch Verrückte. Wer richtig Geld machen will, sollte lieber einen Handy-Laden aufmachen.«Dachdeckermeister Thomas hat schon sechs Motorräder bei Dietmar gekauft. Jedes Jahr eins, seit es den Laden gibt. Er kommt auf ein Ersatzteil und einen Kaffee vorbei. Oliver möchte seine Drag Star auf den Prüfstand stellen. Ein paar PS mehr wären nicht schlecht. Dass Dietmar dafür immer gut ist, haben ihm seine Kumpels erzählt. Eine Frau greift zum Helm aus dem Sonderangebot. Den kriegt ihr Liebster auf den Gabentisch. Zwei Typen fragen nach Schnürjeans aus Denim für ein Karnevalskostüm. Chantal hat sie selbstverständlich nicht im Angebot, weiß aber, wo es derlei Geschmacklosigkeiten zu kaufen gibt. So weit kann Service gehen. »Nein, so weit muss Service gehen«, lacht Chantal. Und schließt, nachdem der letzte Kunde zehn Minuten nach dem offiziellen Geschäftsschluss 18.30 Uhr den Laden verlassen hat, die Türe zu.

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