Ein Tag mit Außendienstmann Horst Sassenberg von Krawehl (Archivversion)

Von der Lippe

Bekleidung und Zubehör bringt der gebürtige Lipper und Außendienstmann Horst Sassenberg wortgewandt an den Mann - für den Großhändler Krawehl aus Hamburg. Streß- oder Traumjob?

Man glaubt sie bereits zu erkennen, wenn sie morgens den Frühstücksraum im Hotel betreten. Das Verkäuferlächeln schläft noch, der Taschenrechner im Kopf arbeitet schon. Gemeinsames Kennzeichen: D für Diesel. Und ein Kombi für die Ware, die in Kartons, auf Bügeln oder in Plastiksäcken die gesamte Ladefläche beansprucht. Dann schwärmen sie aus, um ihre Kundschaft zu beglücken.Horst Sassenberg ist anders. Das fängt beim Auto an. Kein Diesel, kein Kombi, sondern ein Alfa Romeo GTO mit über 200 PS, aber ohne Reserverad. »Wenn das auch noch im Kofferraum drin ist, krieg’ ich gar nichts mehr rein«, schmunzelt der 1,78-Meter-Kerl mit der Silbermatte. Und h‰ngt dran, daß »40 Helme reinpassen, wenn ich den Beifahrersitz ausbaue«. Muß aber nicht oft sein, denn der gebürtige Detmolder ist kein Außendienstler, der sich mit viel Gepäck abgibt. »Sonst müßte ich mit Hänger fahren.«Schnell will er sein, zuverlässig, freundlich - manchmal verschwiegen.Sein wichtigstes Handwerkzeug heißt Vertrauen, unmittelbar gefolgt von Disziplin. Die braucht er auch, bei einem Verkaufsgebiet, das von Aurich bis Olpe und von Düsseldorf bis Minden reicht und ihm jährliche Kilometerleistungen zwischen 80- und 100 000 abverlangt. Das entspricht 350 bis 400 Kilometer am Tag. Wie das geht? »Ich dröhne mir unterwegs volle Kanne Discomusik rein, nehme die linke Spur und ab die Post. Schließlich muß ich beim nächsten Termin wieder lächeln und nicht wie ein gequälter Vielfahrer aus den Sitzen kriechen«, erzählt der Ostwestfale.Seit nunmehr 21 Jahren spult der gelernte Kfz-Mechaniker für den Motorrad-Zubehörgroßhandel Krawehl aus Hamburg die Kilometer runter, auf Autobahnen, Landstraßen, bei Sonne, Regen, Sturm und Stau. Macht ihn das fertig? Nicht die Bohne. »Wenn ich halt morgens um fünf auf die Bahn muß, damit ich um neun beim Händler in Düsseldorf bin, sehe ich das eher sportlich. Die Einstellung habe ich aus dem Gelände-Sport mitgenommen.« Da hat er sich 15 Jahre durch Sand und Morast geschlagen, war in den 60er Jahren deutscher Vizemeister im Trial und später im Geländesport und hat manche Runde »zur Hälfte zu Fuß und schiebend zurückgelegt«. So was prägt. Auch im Geschäft.Etwa bei Reinhard Hiller in Bielefeld. Der ist auch Rennen gefahren, wie sein Vater und jetzt sein Sohn. Es gibt ein bißchen Klönschnack über den Yamaha-Cup und das Chemie-Diplom des Filius, über andere Motorradhändler und Motorräder, dann über die Bestellung von Sturmhauben, Handschuhen und Rucksäcken - »wenn du‘s preiswert machst«. Das vertraute Du ist gang und gäbe in der Branche. Man kennt sich seit über 20 Jahren. »Wir können uns auch bei einer Tasse Kaffee eine halbe Stunde anschweigen«, gesteht Sassenberg, zieht den Auftragsblock und schreibt. Bei einem Blick in den Rechner konstatiert Hiller: »Nierengurte brauch’ ich noch. 4 S, 4 M, 4 L.« Und dann wird noch ein bißchen gefrotzelt, weil Sassenberg nach einer RD 500 und einer GSX-R 750 jetzt schon die dritte Duc in Folge fährt. Sassenberg lobt den »kalten Schlag, der bei der Duc so um 3500 Touren einsetzt.« Hiller kontert trocken: »Wenn ich 30 000 für ein Motorrad ausgebe ...«. Zu guter Letzt noch auf einen Sprung in die Werkstatt, Meister, Gesellen und Stift beim Schrauben über die Schulter geschaut, und schon wieder auf der Piste, Richtung Minden.Ganz andere Szene bei Petra Krüger im Motorradhof in Hille. Mit der kernigen Landfrau kann Sassenberg nicht über Rennen quatschen, sondern muß sich sofort mit einer Helmreklamation befassen. Sachkundig-charmant wird das Problem gelöst, ein wenig mit Kunden gescherzt, nach dem Stand der Dinge im neueröffneten Bauern-Café gefragt. Ganz klein hat die entscheidungsfreudige Dame mit Bekleidung und Zubehör angefangen, auf neun Quadratmetern. Jetzt hat sie dem Bauernhof mindestens achtzig Quadratmeter abgetrotzt, bestens sortiert bietet sie Motorrad- und Fahrradkleidung an. »Und dann kam Horst mit seinen FM-Helmen hier an. Da hab’ ich ihm gesagt, ich vertreib’ Shoei, aber ich probier‘s mal mit FM.« Und legt gleich eine Pille vor, die einer am Bordstein geknackt hat. Als wortlosen Beweis für die Qualität ihrer Entscheidung. Ins Gesch‰ft kommt man heute allerdings nicht.»Es gibt Tage, da schreibe ich keinen einzigen Auftrag«, berichtet Freiberufler Sassenberg. »Dann fahre ich auf dem Heimweg noch spontan bei einem meiner 120 Kunden vorbei, und der begrüßt mich mit ‚Sie schickt der Himmel‘.« Wie im Sport halt, niemals aufgeben.Spätnachmittags im westfälischen Ahlen bei Aprilia-Händler Alfred Kührer. Erst mal Kaffee. »Ich schaffe bis zu 30 Tassen pro Tag.« Magenprobleme? »Hab ich nicht, ich esse bis auf meine zwei Bananen pro Tag kaum etwas.«Mehr als 45 Minuten hat König Kunde Vorrang, dann kommt der Außendienstler zum Zug. »Brillen brauchen wir«, sagt der alte Schrauber Kührer knapp und deutet mit ölverschmierten Fingern auf die gewünschten Modelle. »Und Batterien.« Die beiden kennen sich noch aus der Zeit, als Kührer in einer alten Tankstelle residierte. Zwischendrin benutzt der gewiefte Sassenberg seinen Stift als Hinweisstab. »Den Force-one von FM kann ich dir jetzt günstiger anbieten.« Leise gehen Preise hin und her. Dann schreibt Horst Sassenberg: zwei M, drei L und auch drei XL. Finalemente noch ein Problem: Tankrucksäcke für die neue Pegaso. »Die haben wir nicht«, gesteht der Krawehl-Mann. »Ich wüßte auch nicht, wer die anbietet, aber ich kann mich da gerne mal erkundigen.« Dann holt sich Horst noch eben den Stempel bei der Dame des Hauses, packt den Auftrag ein, klappt schmunzelnd seinen Koffer zu. Schließlich hat er fast zwei Vordrucke vollgeschrieben, bis Kührer im Scherz behauptet: »Jetzt habe ich kein Geld mehr.«Vier bis fünf Kontakte dieser Art hat Sassenberg arbeitstäglich, mindestens einen Samstag im Monat ist er auf Achse, um zu schreiben, zuzuhören, zu beraten, Tips zu geben oder einfach nur Kaffee zu trinken. Im Herbst eines jeden Jahres schreibt er Vor-Order für das nächste Frühjahr, weil von Januar bis April die besten Umsätze laufen. In Abständen zwischen zwei und zehn Wochen grast er seine 120 Händler ab. »Das A und O in dem Geschäft ist Vertrauen«, weiß der Ex-Geländefahrer. »Ohne Vertrauen geht auch im Sport nichts.« Das weiß er, weil er noch immer im MSC Lippe-West aktiv ist, dem er mit zwˆlf Jahren beitrat. Und ein Kundengebiet hat, in dem 80 Prozent der Händler auch Schrauber sind und dem ehemaligen Sportler seit 21 Jahren die Treue halten.
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Firma Krawehl: Seit 1974 Großhandel mit Motorrad-Zubehör und Bekleidung (Archivversion) - Internationale Beziehungen

Hamburger Kaufleute, die seit Generationen in der Hansestadt ansässig sind und von dort aus Handel treiben, bilden einen exklusiven Verein. Ob Alexander und Peter-Michael Krawehl dazugehören? Kommt auf den Maßstab an. Ihre Familie residiert in der sechsten Generation in Hamburg, agiert in zweiter Generation von dort aus. Firmengründer Friedrich Wilhelm Krawehl begann 1827 in Halberstadt/Thüringen mit dem Getreidehandel. Enkel Wilhelm exportierte Kohle von Ceylon aus, dessen Sohn Wilhelm wanderte 1898 nach Texas aus. Der nächste Sohn hieß wieder Wilhelm, machte in Deutz-Traktoren und Borgward-Limousinen - von Uruguay aus. Später wurden Borgward nach Südamerika exportiert, 1954 Alleinvertrieb von DKW für Argentinien, 1955 kamen noch Lkw und Busse von Henschel dazu, danach BMW für Uruguay. 1969 schließlich, Alexander war sechs, Peter-Michael fünf Jahre zuvor in die elterliche Firma eingetreten, verkaufte man 6000 deutsche Kraftfahrzeuge nach den USA. 1974 wandten sich die Kaufleute zusätzlich dem Import und Großhandel mit Motorradartikeln zu. Heute hat die Handelsfirma 35 Mitarbeiter und beliefert über 1300 Motorrad-Fachhändler. Motorrad-Zubehör und Bekleidung machen etwa 30 Prozent des Gesamtumsatzes aus. wea

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