Ein wenig mehr, das wär´s (Archivversion) Ein wenig mehr wär’s

Seit längerem klagt die Motorradbranche über Absatzprobleme. Nicht nur, dass die Neuverkäufe deutlich ins Stocken geraten, nein, es mangele auch an Nachwuchs, so die Feststellung. Das Handeln der Hersteller beeinflusst diese Erkenntnis in den meisten Fällen jedoch nicht. Jüngstes Beispiel: die Aufrüstung der japanischen Anbieter in der 600er-Supersport-Klasse. Klar, auch ich finde es toll, wenn die neueste Technik, dazu noch umweltfreundlich, so attraktiv verpackt daherkommt wie in den 2003er-Modellen Honda CBR 600 RR, Kawasaki ZX-6R sowie RR und Yamaha YZF-R6. Doch bei allem Sportsgeist und Konkurrenzdenken sollte man nicht die so genannte Brot-und-Butter-Klasse vergessen. Yamaha ist da nur ein Beispiel. Während bei der neuen R6 das gesamte Know-how der Motorradtechnik zum Einsatz kommt, dümpelt die Einsteiger-600er XJ seit Jahren im gleichen Kleid und mit veralteter Technik dahin. Statt feinster Gusstechnik grob geschnitzter Stahlrahmen, Vergaser statt Einspritzung, Instrumente, Schalter, die ganze Ausstattung von vorgestern. Sicher, die XJ 600 N und ihre Schwester XJ 600 S Diversion haben schon immer gut funktioniert, was auch der Top-Test in dieser Ausgabe dokumentiert. Und nicht nur das. Sie machen auch Laune. Aber kann man mit so einer Verpackung neue Motorradfahrer gewinnen? Junge Leute, denen von hippen Skateboards über witzig designte Rollerblades bis hin zu den coolsten Klamotten alles geboten wird? Selten klafften Angebot und Geschmack so weit auseinander wie in der heutigen Einsteiger-Szene. Als ich anfing Motorrad zu fahren, setzte Yamaha mit der XS 360 eine hochmoderne Einsteiger-Maschine zum akzeptablen Preis in den Markt. Schlank gestaltet, mit Designanleihen aus dem Motorradsport. Dieses kleine Feuerzeug musste man einfach haben, wie zigtausend verkaufte Exemplare belegen. Und das wäre vielleicht auch heute wieder ein Weg. Nicht jeder will nach zwei Jahren Stufenführerschein gleich mit einem 123-PS-Feuerzeug für 10000 Euro einsteigen. Eine schick gemachte, leicht zu fahrende 72-PS-Maschine zu fairem Preis wäre sicherlich manchem viel lieber. Statt das ganze Augenmerk auf noch ein paar PS mehr und ein paar Kilogramm weniger bei ihren Hightech-Geräten zu richten, wäre Kreativität und zeitgemäße Technik in der Einsteiger-Klasse wünschenswert. Ein wenig mehr könnte schon reichen, um ach den Nachwuchs zu begeistern.

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