Eisspeedway-Grand Prix in Frankfurt/Main (Archivversion) Wisch und weg

Ex-Weltmeister Balaschov (großes Foto) und seine russischen Kollegen dominieren die Eisspeedway-Grand Prix in diesem Jahr fast nach Belieben. Nur gelegentlich hat mal ein anderer die Nase vorn - wie in Frankfurt.

Michael Lang könnte im positiven Sinn sehr gut als lebendiges Synonym für den deutschen Michel stehen: Ordnungsliebe, Pünktlichkeit und zielstrebiger Ehrgeiz sind seine herausragenden Tugenden. Anders stände der 37jährige Kfz-Mechaniker nicht da, wo er jetzt steht: unter den sieben besten Eisspeedwayfahrern der Welt. Bei den ersten beiden Grand Prix-Rennen dieses Jahres im sibirischen Krasnojarsk waren Lang aber so ziemlich alle Prinzipien auf einmal abhanden gekommen. Bei minus 30 Grad fing sich der Eispilot aus Trauchgau im Allgäu zuerst eine heftige Grippe ein, unmittelbar zum Rennbeginn ging ihm das Getriebe kaputt. Weil die Fahrer nach Rußland nur 50 Kilogramm Gepäck mitnehmen dürfen, hatte der Bayer kein Ersatzgetriebe dabei, baute dann das Getriebe von der Reservemaschine ein, und am zweiten Renntag brach ihm an der einzigen noch schaltbaren Jawa der Rahmen. Ein elfter und ein 14. Rang in den getrennt gewerteten GP-Läufen war die magere Bilanz. Das sollte Folgen haben: Die für einen normal Gebildeten relativ schwer durchschaubaren Eisspeedway-Regeln sehen vor, daß nach jedem Grand Prix die zwei punktschwächsten Fahrer, auch wenn sie wie Lang für die ganze WM-Serie gesetzt sind, beim nächsten Rennen in Reserveposition zuschauen müssen. Beim übernächsten GP dürfen sie dann wieder starten. So hätte Michael Lang ausgerechnet am ersten Tag seines Heim-Grand Prix in Frankfurt am Main auf die Wartebank gemußt. Der veranstaltende ADAC Hessen-Thüringen befürchtete schon leere Tribünen, denn ohne Lang wäre die gastgebende Nation am Samstag nur noch mit Wild Card-Fahrer Günther Bauer vertreten gewesen. Doch das Blatt sollte sich noch wenden. Stanislav Kusnezov, in Krasnojarsk unter den besten Vier, verhalf Reservist Lang unfreiwillig zu dem ersehnten Startplatz. Bei einem Sturz im Training verletzte sich der Kasache so arg am Meniskus, daß das Knie drei Tage lang punktiert werden mußte - Startverbot. Nun war Lang dabei und ging mit der ihm eigenen Gewissenhaftigkeit ans Werk. Am Samstag fuhr er in den 20 Qualifikationsheats, die den vier entscheidenden Finalläufen vorausgehen, viermal an der Spitze mit - und das gegen zehn Piloten aus der ehemaligen UdSSR, dem Mutterland des Eisspeedway. Einer von ihnen kam ihm jedoch in die Quere. Der ehemalige Weltmeister Vladimir Fadeev rempelte den Allgäuer in Heat 16 an, so daß dieser einen Umweg an der Strohballen-Abgrenzung entlang fahren mußte und sich dabei die rechte Fußraste verbog. Lang sah deshalb in diesem Rennen als Letzter die Zielflagge. Ärgerlich war daran, daß ihm nach den 20 Quali-fikationsrennen nur zwei Punkte fehlten, um am A-Finale teilnehmen zu können - dem Lauf der Läufe, in dem die vier besten Piloten des Tages starten und neben 25 GP-Punkten für den Sieger auch 3000 US-Dollar ausgeschüttet werden. Besonders an den Dollars sind die russischen Fahrer interessiert, und so wunderte es auch niemanden, daß drei der vier Finalisten die russische Flagge auf der Brust trugen. Dennoch spielte ein Nicht-Russe im Superfinale den Hecht im Karpfenteich: Der 37jährige Schwede Stefan Svensson hielt sich durch einen Blitzstart den Nummer-eins-Piloten des neuen Lucky Strike-Teams, Aleksandr Balaschov, sowie Viatscheslav Nikulin und Juri Polikarpov vom Leib und errang seinen ersten Grand Prix-Sieg überhaupt. Und Michael Lang? Der sorgte im B-Finale, das um die GP-Plazierungen fünf bis acht ausgetragen wird, für die atemberaubendsten 61 Sekunden des Abends. Nach gutem Start führte er in dem Sprintrennen nämlich, doch im Nacken saß dem Bayern ausgerechnet der dienstälteste Eisspeedwayfahrer Per-Olof Serenius, seines Zeichens amtierender Weltmeister. Nach einer Hatz, die sich hart an den Grenzen der Physik abspielte, passierte 100 Meter vor dem Ziel, was passieren mußte: »Ich habe nichts von ihm gesehen”, entschuldigte sich Lang, »ich habe ihn nicht einmal gehört; ich hab’ gedacht, der kommt nimmer.” Doch ein Serenius ist niemals vor der Ziellinie abzuschreiben - er fuhr prompt in der letzten Kurve heimlich, still und leise an Lang vorbei zum Sieg. Im Vergleich zum GP Rußland, wo Serenius im Training wegen eines nicht justierten Lenkungsdämpfers in der ersten Kurve geradeausfuhr und sich eine Gehirnerschütterung zugezogen hatte, war der Feuerwehrmann in Frankfurt fast wieder der alte. Am Sonntag gewann er das B-Finale erneut vor Lang, doch diesmal kämpfte der Allgäuer zunächst mal Samstags-Sieger Stefan Svensson nieder und schloß den Heim-Grand Prix mit überzeugender Leistung und zwei sechsten Plätzen ab. Der erst 24jährige Günther Bauer verkaufte sich bei seinem ersten und einzigen GP-Auftritt mit der WildCard ebenfalls respektabel und konnte am Samstag als Zwölfter bei sogar einem Laufsieg in der Weltelite ordentlich mithalten.Die Entscheidung um den GP-Sieg im A-Finale am Sonntag wurde eine rein russische Angelegenheit. In der zweiten Kurve versuchte der GP-Neuling Polikarpov, den führenden Vizeweltmeister Balaschov zu überholen und kam dabei ins Straucheln. Der direkt neben ihm fahrende Balaschov hatte ebenfalls Mühe, auf dem Motorrad zu bleiben und diese Schrecksekunde nutzte Viatscheslav Nukulin aus, indem er innen seelenruhig an beiden vorbei zum Grand-Prix-Sieg fuhr. Den anschließenden Vorschlag, sich bei Polikarpov für das Sieg-Geschenk zu bedanken, nahm der selbstbewußte Nikulin nicht an: »Warum, dann hätte ich sie eben eine Runde später überholt.” Michael Lang sah sich das alles vom Fahrerlager aus an und kommentierte in seiner trockenen Allgäuer Art: »Typisch Russen. Sieg oder Sarg.”

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