Eisspeedway-Grand Prix in Inzell––––– (Archivversion)

Eiliger Zorn

Eisspeedway stand bisher als Synonym für kalte russische Dominanz auf Stahlnägeln. Nun macht sich nun ein deutschsprachiges Quintett daran, die Eiszaren aufzumischen.

Wenn der Mann mit dem zungenbrecherischen Namen Viatscheslav Nikulin am Startband die Nase auf den Lenkkopf seiner Jawa absenkt und kurz danach der Konkurrenz schon vor dem Eintauchen in die erste Kurve enteilt, dann wird den 14000 Fans im Kunsteisstadion von Inzell warm ums Herz, auch im seit Stunden niederprasselnden Regen. Ihr umjubelter Favorit ist, der Name läßt es vermuten, Russe, wirkt aber in seinem ganzen Auftreten so russisch wie Donald Duck im McDonalds von St. Petersburg. Nikulin kehrte 1995, nach Zoff mit dem russischen Motorsportverband MFR, seiner Heimat den Rücken und fand in Oberschwaben ein neues Domizil. Vom deutschen Verband DMSB bekam er postwendend eine Lizenz und startet seitdem in der Weltmeisterschaft unter schwarz-rot-goldener Flagge. Für seine Fans schon so selbstverständlich, daß sie, als für den Sieger beider Grand Prix-Rennen in Inzell die russiche Nationalhymne gespielt wird, ein wütendes Pfeiffkonzert veranstalteten. Vor dem GP in Inzell lag der WM-Dritte von 1998 hinter drei russischen Landsleuten nur auf Platz vier, aber in der Chiemgauer Eisspeedway-Metropole katapultierte sich der geborene Asiate, der bis vor vier Jahren am Japanischen Meer wohnte, bis auf sieben Punkte an WM-Spitzenreiter Kiril Drogalin heran.In der Eisspeedway-WM, bis heute von den Russen mit 27 von 33 möglichen Titeln mehr als irgendeine andere Motorsportdisziplin von irgendeiner anderen Nation dominiert, wird seit 1999 erstmals mehr deutsch als russisch gesprochen. Neben fünf »echten« russischen Fahrern sind Nikulin, die Deutschen Günther Bauer, Markus Schwaiger, Jürgen Liebmann und der Österreicher Franz Zorn unter den 17 Fixstartern der Eis-GP. Und folgt man den Spuren der erfolgreichsten Eiskratzer hinter die Kulissen, landet man unweigerlich wieder im deutschen Sprachraum: Weltmeister Aleksandr Balaschov wird vom Hessen Hartwig Eich gemanagt; Herausforderer und WM-Tabellenführer Kiril Drogalin vom ehemaligen Motorrad-Stuntman Jürgen Baumgarten. Nikulin fährt seit dieser Saison mit Motoren aus der Werkstatt des Sandbahn-Ex-Weltmeisters Marcel Gerhard aus der Schweiz und wohnt beim deutschen Sandbahn-Ex-Weltmeister Gerd Riss im oberschwäbischen Bad Wurzach. Der Österreicher Franz Zorn vertraut auf Motoren des ehemaligen deutschen Sandbahn-Vizeweltmeisters Klaus Lausch und auf Fahrwerke des früheren Gespann-Fahrers Harald Mößmer. Und das ist noch nicht alles. Markus Schwaiger ist mit 21 Lenzen der Jüngste im Feld der Eiskratzer: Der Oberbayer aus dem Skiort Lenggries, der sich die Sommermonate auf der Sandbahn vertrieb, wurde erst vor zwei Jahren von Motoren-Tuner Erich Baier entdeckt. Innerhalb eines Jahres fuhr Schwaiger gerade mal sieben Rennen und war schon für die GP qualifiziert - weltrekordverdächtig. Doch in der ersten Eis-GP-Saison ging für den Fahrästheten Schwaiger alles daneben: Beim Auftakt-Rennen im niederländischen Assen brach er sich bei einem Sturz zwei Rippen, verpaßte den russsichen GP in Saransk und mußte dann gemäß Reglement als Punktschwächster auch beim zweiten russischen GP in Krasnogorsk auf die Reservebank. Acht Tage vor der geplanten Rehabilitation in Inzell stürzte Schwaiger wieder - diesmal beim Schlittenfahren - und brach sich erneut zwei Rippen. Am Tag vor dem Training in Inzell aus dem Krankenhaus geflüchtet, fuhr der Schlierseer bandagiert und mit angezogener Kopfbremse am Samstag auf Rang 13 und verbrachte den Sonntag wieder auf der Ersatzbank.Nicht besser ging es dem zweiten deutschen GP-Debütanten Jürgen Liebmann: Der Kfz-Mechaniker-Meister aus dem Allgäu, auf den Motorrädern des zurückgetretenen Eisstars Michael Lang unterwegs, stürzte ebenfalls beim ersten GP in Assen und brach sich dabei die Hand. Danach fiel es ihm schwer, sich in der Welt der Eis-Kaiser zu etablieren. In Inzell fuhr er beherzt wie noch nie, bremste sich aber am Samstag, im C-Finale um die Plätze neun bis zwölf in Führung liegend, selbst ein, weil er das um das rechte Handgelenk gebundene Zündunterbrecherkabel versehentlich abriss. Lokalheld Günther Bauer ist nach Michael Langs Rücktritt der routinierteste deutsche Eisartist. Auf Platz zwölf der WM-Tabelle, konnte er auf eigenem Eis nicht den erhofften Boden gutmachen: »Das Tauwetter hier regt mich auf. Ich hatte auf superhartes, kaltes Eis gehofft, weil ich das gern mag.« Im Dauerregen wurde er nur Zehnter. Am Sonntag im Vorlauf hatte ihn der stürzende Russe Vladimir Lumpov mit ins Verderben gerissen, im C-Finale um die Plätze neun bis zwölf fuhr ihm eben jener Lumpov mit dem Vorderrad über den Fuß - und Bauer war Letzter im Rennen und Gesamtzwölfter.Franz Zorn qualifizierte sich als erster Österreicher überhaupt für die Eis-Grand Prix und schwingt sich nun zum westeuropäischen Überflieger der Eissaison 1998/99 empor. Beim GP-Auftakt in Assen noch von einer Lungenentzündung stark geschwächt, drehte er bei den GP in Rußland richtig auf und erreichte in Inzell, nur 35 Kilometer vom heimischen Saalfelden entfernt, am Samstagabend mit vier Siegen in den Qualifikationsläufen sein erstes A-Finale um den Gesamtsieg. Seine Gegner: die russischen Top-Stars Nikulin, Balaschov und Fadeev. Und selbst hier startete der 28jährige mit blauem Haarschopf am besten, mußte sich aber schließlich Nikulin und Balaschov doch geschlagen geben.Am Sonntag lief es für Zorn nicht ganz so gut, denn ein Sturz schon im ersten Lauf wegen einer tiefen Furche im Eis zwang ihn in das B-Finale um die Plätze fünf bis acht. Als Dritter dieses Rennens blieb ihm Rang sieben.
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Ergebnisse (Archivversion)

Samstag: 1. Viatscheslav Nikulin (D), 2. Aleksandr Balaschov (RUS), 3. Franz Zorn (A), 4. Vladimir Fadeev (RUS), 5. Aki Ala-Riihimäki (SF), 6. Valerij Perzev (RUS), 7. Stefan Svensson (S), 8. Vladimir Lumpov (RUS), 9. Kiril Drogalin (RUS), 10. Günther Bauer (D), 11. Tjitte Bootsma (NL), 12. Jürgen Liebmann (D), 13. Markus Schwager (D), 14. Antonin Klatovsky (CZ), 15. Per-Olov Serenius (S), 16. Roland Maier (D);Sonntag: 1. Nikulin, 2. Balaschov, 3. Svensson, 4. Perzev, 5. Fadeev, 6. Drogalin, 7. Zorn, 8. Riihimäki, 9. Bootsma, 10. Serenius, 11. Lumpov, 12. Bauer,13. Erik Rydberg (S), 14. Klatovsky, 15. Jari Ahlbom (SF), 16. Maier;WM-Stand (nach 8 von 12 Läufen). 1. Drogalin 148, 2. Balaschov 147, 3. Fadeev 145, 4. Nikulin 141, 5. Svensson 115, 6. Zorn 94, 7. Perzev 89, 8. Lumpov 73, 9. Polikarpov 72, 10. Riihimäki 65, 11. Bootsma 57, 12. Bauer 55, 13. Serenius 53, 14. Klatovsky 30, 15. Ahlbom 23, 16. Schwaiger 15, 17. Liebmann 14.

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