Eisspeedway-Grand Prix––––– (Archivversion)

Palastrevolte–––––

Der Eis-Imperator Aleksandr Balaschov mußte in Inzell seine erste Niederlage hinnehmen. Michael Lang, der deutsche Eis-Heilige, feierte derweil ein vorsichtiges Comeback.

Während draußen auf der Bahn Aleksandr Balaschov und Günther Bauer die 7000 Fans im Inzeller Eisstadion mit ihren gewagten Schräglagenfahrten in Hochstimmung versetzen, hockt hinten im Fahrerlager auf einer Werkzeugkiste einsam und allein ein Mann, der scheinbar mit den Gedanken an einem ganz anderen Ort ist: Michael Lang, 39, Deutschlands bester Eispilot aller Zeiten. Doch in seiner elften Rennsaison ist nichts wie in den Jahren zuvor. Der zweimalige WM-Dritte ist am Samstag nur Reservefahrer.Während in Inzell am Samstag abend der Grand Prix-Lauf Nummer fünf und am Sonntag Nummer sechs ausgetragen werden, steht für Lang als einziger unter den 18 Schräglagenkünstlern das WM-Debüt 1998 an. Denn die ersten vier GP-Rennen fanden alle in Rußland statt, und drei Tage vor der geplanten Abreise in Richtung Sibirien mußte sich Michael Lang mit einer eitrigen Mandelentzündung abmelden.»Letztes Jahr hätte ich vielleicht in meinem Zustand die Reise nach Rußland angetreten. Aber nach der Herzgeschichte war mir das Risiko, in einer Holzkiste zurückzukommen, wenn ich dort drüben gestürzt wäre, einfach zu groß.” Wir erinnern uns: Im März 1997, nur vier Tage nach dem WM-Finale in Assen, erlitt der damals 38jährige einen Herzinfarkt. »In der ersten Zeit war ich völlig deprimiert, denn die Ärzte haben mir dies und das verboten. Aber ich habe meine Lehren daraus gezogen. 24 Stunden arbeiten geht nun mal nicht”, sagt der Kfz-Mechaniker, der nach Feierabend seine beiden Eisspeedway-Motorräder akribisch selbst vorbereitet.Als er letztes Jahr nach halbjähriger Pause wieder Teilzeit arbeiten durfte, stellte er seinem Arzt die entscheidende Frage: »Kann ich wieder Rennen fahren?” Der sagte ihm, er sei wieder hundertprozentig fit. So nahm der Rekonvaleszent das Konditionstraining auf und spulte 2500 Kilometer auf dem Mountain Bike ab. Die ersten Trainingseinheiten auf dem Eis absolvierte er mit Pulsmesser am Handgelenk. Alle vier Wochen ließ sich der ehemalige Hobby-Crosser von seinem Medizinmann durchchecken, und Ende Dezember fuhr er sein erstes Eisrennen im Jahr danach.Weil aber im Januar wegen der warmen Witterung die geplanten Natureisveranstaltungen ausfielen und Lang dann noch just vor dem Grand Prix-Start krank wurde, hatte ihm die Konkurrenz vor Inzell schon ein halbes Dutzend Saisonrennen voraus.Daß Lang ausgerechnet beim Heimrennen am Samstag zugucken mußte, liegt am relativ komplizierten WM-Reglement: Die beiden Letztplazierten im Zwischenklassement müssen nach einem GP zugunsten zweier anderer Fahrer den Startplatz räumen. Nach einem GP als Zuschauer haben sie bei der nächsten WM-Veranstaltung wieder ein verbrieftes Startrecht. Und weil Lang bei den ersten vier GP nicht gepunktet hatte, war er am Samstag abend in Inzell zum Zuschauen verdammt: »Ich bin das erste Mal in meiner Karriere Reservefahrer, ein ganz dummes Gefühl.« Auf dem Eis vertraten ihn am Samstag unter Flutlicht zwei Fahrer mit deutscher Lizenz ganz hervorragend: der 26jährige Günther Bauer in seiner ersten GP-Saison und der Russe unter deutscher Flagge, Viatcheslav Nikulin. Bauer schaffte es am ersten Tag ins B-Finale, in dem die Plätze fünf bis acht vergeben werden. Dort erwischte der mit 85 Kilogramm Lebendgewicht leicht gehandikappte Bauer einen perfekten Start und führte bis ins Ziel vor dem Schweden Stefan Svensson. Am Sonntag donnerte der Lokalheld in seinem ersten Lauf ins Startband, dafür gibt es null Punkte. Die nachfolgende Aufholjagd bescherte dem Schlechinger nur noch sechs Punkte, die lediglich für das C-Finale um die Plätze neun bis zwölf langten. Hier brillierte das Schwergewicht zum zweiten Mal und gewann.Für das A-Finale qualifizierten sich am Samstag zum fünften Mal vier Russen. Titelverteidiger Kiril Drogalin, sein Vorgänger Aleksandr Balaschov, dessen Teamkollege Vladmir Lumpov und Viatscheslav Nikulin. Und zum fünften Mal gewann der überirdisch fahrende Balaschov. Der im Allgäu lebende Russe Nikulin erreichte am Samstag Platz zwei, beim A-Finale am Sonntag fiel er durch einen Fahrfehler von der Spitze auf Rang vier zurück. Der dann führende Balaschov wurde bei 16 Grad plus von Weltmeister Drogalin erstmals in diesem Jahr niedergerungen.Und Michael Lang? In seinem ersten Rennen fiel der Bayer nach Top-Start auf Rang drei zurück. Hernach lieferte der bescheidene und immer für seine Fans offene Lang zwei letzte und zwei dritte Plätze ab und verbrachte die Rennpausen kopfschüttelnd auf seiner Werkzeugkiste: »Ich finde heute kein Vertrauen zum Motorrad. Ich sitze total verkrampft drauf.” Mit zwei dritten Plätzen in den letzten beiden Qualifikationsläufen und dem zweiten Platz im D-Finale um die Ränge 13 bis 16 ließ Lang wenigstens ein bißchen seiner früher so gefürchteten Kampfeslust aufblitzen. »Ich bin rundum fit, aber irgendwo habe ich heute im Kopf eine Sperre gehabt. Es fehlt nicht an der Technik, sondern an der Motivation. Aber das wird schon wieder kommen.”Leider mit nochmaliger Verzögerung: Drei GP-Punkte als Zwischenbilanz bedeuten, daß Michael Lang beim GP Nummer sieben in Berlin am 14. März zunächst wieder auf seiner Werkzeugkiste Platz nehmen muß.
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Eisspeedway-GP Deutschland: Reportage (Archivversion) - Resultate Eisspeedway-GP Inzell/D

GP 5 (Samstag): 1. Aleksandr Balaschov (RUS) 12 Qualifikationspunkte. 2. Viatscheslav Nikulin (D) 15. 3. Kiril Drogalin (RUS) 10. 4. Vladimir Lumpov (RUS) 11. 5. Günther Bauer (D) 10. 6. Stefan Svensson (S) 10. 7. Per-Olof Serenius (S) 9. 8. Antonin Klatovsky (CZ) 8. 9. Oleg Chomitsch (BEL) 5. 10. Vladimir Fadeev (RUS) 7. 11. Igor Jakovlev (RUS) 7. 12. Juri Polikarpov (RUS) 6. 13. Tjitte Bootsma (NL) 5. 14. Lars-Olof Jansson (S) 2. 15. Ola Westlund (S) 2. 16. Ola Westlund (S) 1.GP 6 (Sonntag): 1. Drogalin 12. 2. Balaschov 13. 3. Serenius 11. 4. Nikulin 15. 5. Polikarpov 10. 6. Klatovsky 7. 7. Svensson 10. 8. Lumpov 7. 9. Bauer 6. 10. Fadeev 6. 11. Jakovlev 7. 12. Aki Ala-Riihimäki (FIN) 5. 13. Chomitsch 2. 14. Michael Lang (D) 3. 15. Jansson 2. 16. Ahlbom 2. 17. Bootsma 0.WM-Stand (nach 6 von 10 Läufen): 1. Balaschov 145. 2. Drogalin 117. 3. Nikulin 101. 4. Lumpov 89. 5. Serenius 79. 6. Svensson 77. 7. Polikarpov 69. 8. Fadeev 67. 9. Jakovlev 52. 10. Klatovsky 51. -Ferner: 11. Bauer 50. 19. Lang 3.

Eisspeedway-GP Deutschland: Reportage (Archivversion) - Federspiele

Bis vor sechs Jahren waren Eisspeedway-Motorräder eher einfach konstruiert: Der Einzylinder-Viertakt-Motor stehend in einen Stahlrohrrahlen eingebaut, vorne eine MX-Teleskop-Gabel, hinten Starr-Rahmen - ohne jede Dämpfung. Mittlerweile gibt es rund ein Dutzend verschiedene Versuche, die Fahrwerksgeometrie für den Fahrbahnbelag, der sich während enes Renntages fortwährend verändert, zu optimieren. Eine Reihe von Fahrern, wie Michael Lang, Aleksandr Balaschov oder Stefan Svensson haben die Zweiventil-Motoren nach Vorbild der Sandbahnfahrer liegend in den Rahmen gehängt. Ohne zentralgefederte Hinterraddämpfung, die über eine Umlenkhebelei angesteuert wird, traut sich heute kein Eispilot mehr auf die Piste. Während beim konventionellen Jawa das Federbein (325 mm Federweg) schräg über dem Motor angebracht ist, hat der Mannheimer Rolf Kolb in Zusammenarbeit mit dem tschechischen Jawa-Werk einen Prototypen bauen lassen, bei dem sich der Monoschock (340 mm Federweg) unter dem Motor befindet. Vorteil: der Motor bildet einen niedrigeren Schwerpunkt; Nachteil: das Getriebe und Kuppung sitzen umso höher. In einem zweiten Prototyp sitzt das Bilstein-Federbein vertikal hinter dem Motor. Vorzug dieses Systems: Das Getriebe bildet weiter unten einen Schwerpunt, Nachteil: Nachteil: die Sitzposition des Fahrers ist extrem hoch.Ganz anders die Konstruktion des holländischen GP-Piloten Tjitte Bootsma: Er baute ein vollverkleidetes Fahrwerk, bei dem der Motor stehend eingebaut ist, aber im Vergleich zum Jawa 10 cm weiter vorn im Rahmen hängt. Vorteil: Der Radstand des Motorrades wird kürzer, die Maschine wendiger, das Federbein kann horizontal hinter dem Motor eingebaut werden, der Schwerpunkt befindet sich weit vorn und das Motorrad hat auch bei extrem schlechtem Eis eine gute Spurführung.

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