Endurance-WM in Le Mans (Archivversion) Helden der Arbeit

Endurance-Rennen sind ein Knochenjob für Fahrer, Mechaniker und den Rest des Teams. Beim WM-Auftakt in Le Mans kam zu Regen und Sturm noch ein Härtefaktor dazu: Minustemperaturen in der Nacht

Es gibt schlechte und ganz schlechte Zeichen für die Mechaniker. Wenn das Motorrad ihres Fahrers länger als eine Minute an der Box stehen muss, ist irgendwas faul. Wenn die Karre in der Box verschwindet und Kieskugeln aus der Verkleidung kullern, ist was mehr als faul. Aber das kommt noch. Le Mans, 15. April 2000, 15 Uhr: Auftakt zur Endurance-WM. 85 000 Zuschauer für 56 Teams. Vergessen sind die Monate durchschraubter Nächte, das Tüfteln für Detailverbesserungen und das Ausschalten fieser Fehlerquellen. Das MOTORRAD-ACTION-TEAM hatte sich gewappnet. Die Suzuki, Modell 1999, wurde auf den neuesten Stand gebracht, Tuner Michael Schäfer hatte dem Triebwerk über 150 PS anerzogen: Nummer 69 war konkurrenzfähig, wie der zwölfte Platz im Training bewies. Für die Franzosen ist der WM-Auftakt in Le Mans ein National-Eiligtum. Wochen vorher trainieren die guten Teams auf dem Kurs in der Sarthe, »erfahren« sich wichtige Vorteile. Das MOTORRAD-ACTION-TEAM war am Donnerstag vor dem Rennen komplett: Gerhard »Gegesch« Lindner und Markus Barth flogen aus Stuttgart ein, Fernando Cristobal vom Schwesterblatt Motociclismo reiste aus Madrid an. Erst freies, dann Zeittraining. Markus kam so gut wie nicht zum Fahren. »Immer, wenn ich raus musste, fing es an zu regnen.« Das Wetter: Le Mans im April – da kannst du im Prinzip auch im Januar an den Nürburgring. So schlimm wie dieses Jahr war es noch nie. Die Campingplätze knöcheltief aufgeweicht, am Start Sturmböen bis zu Stärke acht, nachts legt sich bei minus zwei Grad eine leichte Eisschicht auf die Boxenmauer. Der Reifenpoker: Fast alle Teams haben beim Start Regenreifen aufgezogen. Zwei nicht: Die Nummer 69 und das befreundete Team von Christoph Guyot mit der 94 gehen mit Intermediates auf die Strecke. Das Risiko sollte sich lohnen. Die große Wolke hält ausnahmsweise dicht, und als die Strecke trockengeblasen ist, liegt die 69 auf Platz sieben. Alle anderen kommen außerplanmäßig zum Wechsel an die Box. Fängt ja gut an. Die ersten zwei Stunden bei einem 24-Stunden-Marathon sind vorentscheidend. Da macht das Team entweder entscheidende Runden gut oder verliert, was nicht mehr aufzuholen ist. »Wir können nicht mit den Werksteams mitspielen«, meint Teamchef Hanns-Martin Fraas, »aber die momentane Position entspricht dem, was wir uns für die Saison erhoffen.« Die französischen Werks-Teams betreiben einen ungeheuren Aufwand, starten aber nur bei zwei von sieben Läufen. Natürlich in Frankreich. Siege in Le Mans oder beim Bol d´Or sind wichtig für das Prestige. Die »Grande Nation« braucht ihre Helden. Ausnahmsweise darf bei Kawasaki France auch ein Engländer mitspielen: Steve Plater startete mit Bertrand Sebileau, der übrigens in den nächsten Rennen bis zum Bol d`Or für MOTORRAD fahren wird, sowie Ludovic Holon. Suzuki France hat sich den ehemaligen Motocross- und Grand-Prix-Star Jean-Michel Bayle eingekauft, dazu Ex-Weltmeister Christian LaVieille und Arnaud van den Bossche. Aber klingende Namen sind keine Garantie für den Sieg. Nach einer Stunde ist der Trainingsschnellste Sebileau erst ins Kiesbett, dann in das hintere Mittelfeld abgerutscht. Die Werks-Yamaha rangiert noch weiter hinten. »24 Stunden«, philosophiert Cristobal, »da kann viel passieren.« Wie wahr. Die Stürze häufen sich, die erste Pace-Car-Phase neutralisiert das Rennen. Fünf weitere werden noch folgen. Jedes Mal das Gleiche: Sturz, Öl auf der Piste, weitermachen im Gänsemarsch. Es gibt eine ungeschriebene Regel bei 24-Stunden-Rennen: Jeder bekommt irgendwann ein Problem, und wer das kleinste davon hat, gewinnt. Um 17 Uhr steht die 69 in der Box. »Die Kupplung wurde immer teigiger«, hatte schon »Gegesch« bei seinem letzten Turn bemerkt. In sechs Minuten ist Ersatz montiert. Bravo, Mechaniker sind eben auch die Helden der Arbeit. Wenn einer pfuscht, ist der Fahrer das arme Schwein, das die Zeit wieder hereinfahren muss. Die Kawasaki von Guyot steht während der 24 Stunden gerade mal 22 Minuten an der Box. Da staunen auch die Werks-Teams. Honda, mit der neuen VTR-Zweizylinder ausgerückt, brennt nach einer Stunde an der Spitze. In der dritten Stunde lockert sich die Hinterachse: Rein in die Box, Führungswechsel. Jetzt ist Yamaha dran – neun Stunden lang. Und die Deutschen: Die 69 fährt auf Platz 34, Tendenz von Stunde zu Stunde steigend. Das Bolliger-Team, die deutsch-schweizerische Kombination, hält sich konstant in den Top 20. Das PS-Ebert-Heuchemer-Team aus der Abteilung Stocksport ist wieder auf Platz 20. Der Ärger bei der 69 kommt um Mitternacht. Die Belgier mit der 30 haben Lichteinfall im Kurbelgehäuse, fünf Liter Öl verunstalten die Strecke. Markus fehlt. Dann schiebt er die Suzuki in die Box. Auweia! »Ich bin auf dem Öl ausgerutscht. Dann habe ich eine Viertelstunde den Tank und den Höcker gesucht.« Kai, Schorsch, Mike, Otti: Einmal runderneuern, bitte. Kiesel raus, Teile rein. Die Helden der Arbeit: 30 Minuten für einen neuen Tank, Verkleidung, Höcker, Fußraste, Bremse, Lenker, weiter geht`s. Dann kommt Fernando in die Box: »Vor mir hat einer plötzlich gebremst. Vorderrad weggerutscht.« Alles klar: Einmal neu, bitte.Um drei Uhr wieder Alarm: Nummer 69 ist der Motor ausgegangen. Rein in die Box, kein Feier-Abend, sondern Ende. Beim Sturz hat sich Dreck in die Benzinzufuhr eingeschlichen. Decke drüber, Dose auf. Am frühen Morgen muss Christian Bourgeois, Chef des Kawasaki-Werksteams, aufgeben. Vierter Sturz, zwei Fahrer sind verletzt. Suzuki fährt inzwischen ohne Bayle: Ellbogen gebrochen.Die lange führende Werks-Yamaha fehlt auch: Deletang ist in der Nacht gestürzt, und schließlich fängt der Motor an, Öl zu husten. Aufgabe. Eine Sensation bahnt sich an: Die private Yamaha mit Ex-Weltmeister Brian Morrison führt. Um 13.42 Uhr übergibt Morrison an Thierry Paillot. Der legt sich um 13.43 Uhr in den Kies. Macht drei Runden Vorsprung für die Werks-Honda. Das war´s dann. Das Trio Costes/Charpentier/Gimbert schnappt sich den – fast geschenkten – Sieg knapp vor dem Duo LaVieille/van den Bossche (Franzose übrigens), und Morrison/Cazade/Paillot. Honda-Teamchef Bérnard Rigoni kommentiert knapp: »Wir haben uns gut vorbereitet, weniger Pech als die anderen gehabt und mit der VTR eine würdige Nachfolgerin für die RC 45. Der einzige Unterschied zum Superbike: Wir drehen nur 13 000 Touren wegen der Standfestigkeit.« Angesichts der scheuen Sonnenstrahlen, die bei der Siegerehrung das frostige Klima etwas aufwärmen, ist auch das Gerücht Makulatur, Honda hätte für derlei Eis-Rennen mit der russischen Eisspeedway-Nationalmannschaft Kontakt aufgenommen. Tatsache ist: Die Gesetze der Langstrecke sind gerecht zu den Siegern, waren ungerecht zu den Verlierern. Die Fahrer sind blaugefroren, die Teamchefs, die gestressten Jungs von der Zeitnahme, die Mechaniker. Die 69 packt ein. Nicht für immer. Nur für die Heimfahrt, mal eben 800 Kilometer durch die Nacht. Die Helden der Arbeit sind leicht müde.Aber: Man sieht sich. Am 28. Mai in Estoril in Portugal.

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