Endurance-WM Spa-Francorchamps/B (Archivversion) Nicht auf Regen

Schnelle Runden im Dauerregen sind nicht unbedingt der Garant für Endurance-Siege. Das weiß seit Spa auch das Suzuki-Werksteam. Aber noch andere Faktoren beinflussen gute Resultate. Das weiß nun auch das MOTORRAD ACTION TEAM.

Die durchschnittliche Niederschlagsmenge im Großraum Brüssel beträgt im Juli 75 Millimeter. Dieses Jahr war der Topf für die Statistik in gut einer Stunde voll, der Rest – locker das Zehnfache davon – war Dreingabe. Dennoch demonstrierten über 25000 Endurance-Fans im belgischen Spa-Francorchamps ihre Leidensfähigkeit solidarisch mit 63 Teams.Bei so viel Regen kam dem Trainingsresultat nur untergeordnete Bedeutung zu. Das bei Yamaha-France angedockte Team Freebike auf Platz eins, das Suzuki-Werksteam auf zwei, die offizielle Yamaha nur auf zwölf. »Kein Grund zur Panik,« meinte Teamchef Christian Sarron. Gerhard Lindner vom MOTORRAD ACTION TEAM, der neben dem Spanier Fernando Cristobal erstmals in dieser Saison Bertrand Sebileau vom Schwesterblatt Moto Journal aus Paris als hochdekorierten Fahrerkollegen im Team hatte, kommentierte ausführlicher.Es ist zum verrückt werden. Mal ist es einfach nur nass, dann regnet es feine Bindfäden, und plötzlich gießt es wie aus Kübeln. Seit Donnerstag versuchen wir, unser Fahrwerk abzustimmen, aber immer dann, wenn wir etwas verändern, um dieses verteufelte Hochgeschwindigkeitspendeln unserer Suzuki in den superschnellen Linkskurven in den Griff zu bekommen, ändern sich die Bedingungen radikal, und alles war für die Katz. Platz 18, mehr ist nicht drin. Wenn das im Rennen so bleibt, gute Nacht. Spa ist die spannendste Strecke, die ich kenne, aber im Moment hasse ich sie.Pleite Nummer zwei folgt im Nachttraining. Auf der Strecke ist es kuhnacht. Ich fahre gern in der Dunkelheit, aber die Beleuchtung reicht einfach nicht. Es liegen noch zwei neue Fernscheinwerfer im Lkw. Wir werden es versuchen. Um fünf Uhr morgens sind sie in das Verkleidungsoberteil eingepasst. Bertrand und Fernando schlafen schon lang.Als kurz vor dem Start im Spaß diskutiert wurde, ob bei anhaltenden Regengüssen nicht besser ein Fährdienst in der berüchtigten Eau-Rouge-Senke eingerichtet werden sollte, machte Petrus die Schotten dicht, und einige Teams rüsteten wenige Minuten vor dem Start auf Intermediates um. Für eine knappe Stunde die richtige Entscheidung, denn da verendeten die ersten Regenreifen im Qualm. Und dann ging das muntere Reifen-Wechsel-Mich-Spiel so richtig los.Ich weiß nicht, was aufregender ist, den Start selber zu fahren oder zuschauen zu müssen. Bertrand drehte unsere schnellste Trainingsrunde, also ist er am Start. Und er macht auf der seit Tagen erstmals abtrocknenden Piste Platz für Platz gut, kommt nach 20 Minuten herein, um auf Slicks zu wechseln, und gast weiter höllisch an. Die Übergabe an Fernando klappt prima, doch kaum ist unser wilder Spanier auf der Piste, kommt das Unvermeidliche: der Regen. Reifen wechseln. Plätze verlieren, aufholen. Wir kennen das schon.Die Werks-Suzuki gibt sechs Stunden den Ruder-Takt an, bis van den Bossche bei einer Freischwimmerübung den belgischen Rasen horizontal begrüßt und die Maschine an der Box runderneuert werden muss. Zwölf Minuten oder fünf Runden sind dahin, und die Startnummer 17, Yamaha France, ist ab nun die Gejagte. Kawasaki Frankreich ist durch das Semi-Werksteam von Christophe Guyot vertreten.Auch Honda France, Sieger beim Saisonstart in Le Mans, ist mit dem Daffix-Team und den Fahrern Cortinovis/Stey und Costes lediglich indirekt dabei. Deren frühes Ausscheiden, so munkelt man, habe mit der Weigerung eines der drei Fahrer zu tun, weitere Schwimmübungen auszuführen. Als die Nacht kommt und mit ihr noch mehr Regen, ist das MOTORRAD ACTION TEAM auf den achten Platz vorgetaucht. Tendenz steigend.Es ist mein dritter Turn. Mittlerweile ist es mit Ausnahme der hell erleuchteten Zielgerade und ein paar Lagerfeuern am Streckenrand stockfinster. Und es regnet. Nicht mehr so brutal wie noch vor zehn Minuten, aber es regnet. Fernando hat mich beim Wechsel fest am Arm gepackt und geschrien: »Aquaplaning en las rapidas. Will heißen: Die schnellen Links im fünften Gang voll, auch im Regen. Ich werde es diesmal nicht tun.Wieder erwischt es zwei, drei Teams. Alle in der ersten schnellen Links. Zwei Bäche bahnen sich genau im Scheitelpunkt einen breiten Weg über die Strecke. Ich denke nicht, dass eines der Teams weiterfahren kann. Aber vielleicht sollte ich jetzt nicht denken. Ich fahre nach Gefühl, steigere das Tempo, suche das Limit. Verdammt, wo ist das verfluchte Limit? Und wo ist unsere Boxentafel? In weniger als zwei Sekunden bei Tempo 200 die richtige Anzeige zwischen den 60 beleuchteten Schildern auszumachen, ist schwer.Ist der Rhythmus erst Mal gefunden, sind die Positionen nachts wie betoniert. Dienst nach Vorschrift sozusagen. Wer allerdings je am Ende der Boxengasse erlebt hat, wie die Fahrer selbst im strömendem Regen mit 240 km/h einen halben Meter entfernt an der Boxenmauer in die Eau-Rouge-Senke donnern, kann sich die nächsten Folgen von »Akte X« sparen.Es läuft alles nach Plan. Wir pendeln im Moment zwischen Platz sieben und acht. Ein gerissener Schalthebel, eine kaputte Glühlampe, gerade mal zwei Minuten verloren. An Regenreifen haben wir uns gewöhnt. Nur mit der Sicht gibt es Probleme. Der schwarze, nasse Asphalt verschluckt einen Großteil unserer 200 Watt, und die Rücklichter der anderen blenden brutal. Doch was soll das Jammern, den andern geht’s nicht besser. Wir fahren regelmäßig mit die schnellsten Runden, arbeiten uns Turn für Turn näher an die Spitze heran. Keiner im Team zeigt Müdigkeitserscheinungen. Alle sind voll da und pausenlos auf ihren Posten. Diesmal werden wir es allen zeigen.Vier Wolkenbrüche später, etwa gegen drei Uhr morgens inszeniert van den Bossche eine der faszinierendsten Aufholjagden in der Historie des Endurance-Sports. Prompt ist er mit der führenden Yamaha wieder gleichauf. 6.54 morgens. Das MOTORRAD ACTION TEAM liegt auf Platz fünf. Sebileau wartet auf Gegesch.Es hat ganz leise angefangen, als zartes Tickern im Motor. Kurz hinter Eau Rouge wird das Tickern zum Klackern. Dann ist mir klar: Der vierte Gang ist hin. Was kann da kaputt sein? Klauen, Zähne, Lager? Ich fahre weiter, ohne den Vierten zu benutzen. Okay, wir können es schaffen, auch ohne Vierten. Wir sind schließlich flexibel. Meine Rundenzeiten werden um zwei Sekunden langsamer. Das wäre kein Problem, die immer lauter werden Geräusche aus dem Getriebe dagegen schon.Beim Boxenstopp erkläre ich Bertrand die Lage. Er geht raus, rollt aber nach drei Runden direkt in die Box. Kein vierter Gang, kein dritter Gang, keine Chance. Bertrand ist seit sechs Jahren Profirennfahrer. Er weiß, wann es aus ist. Und jetzt ist es aus. Wieder einmal viel zu früh.Die Werks-Suzuki mit der Startnummer null verabschiedet sich am Sonntagmorgen mit einer doppelten Hechtrolle aus dem Rennen. Van den Bossche hat den Rahmen zerrissen, während er Druck auf Yamaha machte. Als die Nummer 17, Yamaha France, im Ziel den ersehnten Sieges-Burn-out zelebriert, schickt der Schleusenwärter ein paar Sonnenstrahlen und das Team Phase One übernimmt mit Mertens/Linden/Nowland und einem beeindruckenden zweiten Platz die WM-Führung.

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