Enduro-DM in Zschopau (Archivversion) Sachsen-Arena

Eine große Vergangenheit und eine famose Gegenwart – das Enduro im sächsischen Zschopau gehört zum besten, was die Offroad-Szene bietet.

Beißender, hellblauer Qualm erfüllt die Luft auf dem Marktplatz von Zschopau. Datt, datt, datt, datt. Einige Fahrer lassen die Motoren ihrer Enduros bei einer spontanen Burnout-Session bis an den Drehzahlbegrenzer drehen. Derweil quetschen sich wenige Meter weiter Hunderte von Fans vor den Renn-Transportern, um ein Autogramm von einem der Offroad-Cracks zu ergattern. Und diejenigen, die sich im Gedrängel weder Unterschrift noch einen Becher Freibier sichern konnten, begrüßen im Festzelt die von der letzten Etappe zurückkehrenden Fahrer – stilecht mit krachender Rockmusik und tosendem Applaus. DM-Finale Zschopau. Die Enduro-Szene in Ekstase. Ungewöhnlich in diesen Kreisen, die sonst ganz leise, fast im Verborgenen ihren Sport betreiben. Ein Sport, der oft damit zufrieden ist, geduldet zu werden. Der lange Zeit hinter jedem Zuschauer auch einen verborgenen Gegner sehen musste, der dieser Disziplin möglicherweise ans Leder wollte. Ein seltenes Gräslein auf der Wiese oder ein übersensibler Nachbar reichten, um den Missgünstigen die Argumente der Vernichtung zu liefern. Und deshalb hatte man sich an die ruhigen Töne gewöhnt. War zufrieden mit dem, was stattfand. Dann man war froh, dass es stattfand. Doch die Zeiten ändern sich. Aus den kastrierten Enduro-Veranstaltungen, bei denen oft genug nur noch Zwischenetappen auf befestigten Wegen die Sonderprüfungen auf Motocross-Strecken miteinander verbanden, wurden peu à peu wieder richtige Enduro-Rennen. Mit Steilhängen, Schlammdurchfahrten, Verbindungsetappen im Gelände – eben dem, was Enduro ausmacht. Und deshalb feierten sie in Zschopau. So wie jedes Jahr. Der Event im Erzgebirge, der zu Beginn der neunziger Jahre ebenfalls den Weg alles Irdischen gegangen war, gilt seit seinem Revival 1996 als das Vorzeige-Enduro schlechthin. Gewissermaßen als Offroad-Happening mit Qualitätssiegel. Allein die Strecke begeistert: knapp neunzig Kilometer pro Runde, fast komplett im Gelände. Mit unendlicher Mühe herausgesucht und trassiert. Mit Schlüsselstellen, die zum Klassiker taugen: der Scharfensteiner Teufelshang, eine endlos scheinende Steilauffahrt über stein- und wurzelgespicktes Terrain, die Börnichener Schlammdurchfahrt, deren grundlos tiefer Morast selbst die abgebrühtesten Topfahrer zu verschlucken droht. Die verzwickte und unendlich lange Sonderprüfung am städtischen Skihang sowie das Klemmsche Motodrom, ein Geschlängel aus steinigen Auf- und Abfahrten am Stadtrand von Zschopau – Kenner wissen, wo die Feten steigen. Und nicht nur die. An die 40 000 Fans mobilisiert das deutsche Stollen-Woodstock mittlerweile. Keiner kennt die Zahlen ganz genau, doch es ist offensichtlich: die Region ist auf den Beinen. Und das hat sich in der Szene längst herumgesprochen. Der Name Zschopau gilt etwas in der Enduro-Welt. Dort will man dabei sein, ob Fritzchen Hobby-Endurist oder Weltklasse-Pilot. In Zschopau werden die Weltmeister nicht honoriert, sondern akzeptiert. Kost und Logis reichen, um die Chefs der Stollenszene nach Sachsen zu locken. Denn auch die spüren: Man ist stolz darauf, wenn die Champions die steinige Erde des Erzgebirges umgraben. Der schwedische Vize-Weltmeister Anders Eriksson und die beiden rasenden Finnen Jani Laaksonen sowie Tuuka Saari, alle drei von den deutschen Importeuren ohnehin ganzjährig auf DM-Titeljagd geschickt, waren ohnehin anwesend. Der fünffache Weltmeister und Frohnatur Giovanni Sala samt italienischem Landsmann und Evergreen Arnaldo Nicoli erschienen wie schon die Jahre zuvor. Sogar Kurt Nicoll, hochdekorierter Motocross-WM-Crack und derzeit Chef des KTM-Motocross-Werksteams, gab hier sein Debüt auf den Stollenrössern mit Licht und Ballhupe. Zu guter Letzt schickte selbst das Enduro-Werksteam von Husqvarna mit dem Australier Stefan Merriman, seines Zeichens immerhin amtierender 400-cm3-Weltmeister, und Youngster Rickard Larsson, ihre besten Pferde in die Arena.Als wäre das nicht schon genug, polierten auch die alten Kämpfer ihre Rüstungen wieder auf. Schweden, Italien, die Niederlande und die Schweiz entsandten für die »Senioren-Trophy« die WM-Teams vergangener Tage, um den wahren Königen von Zschopau ihre Aufwartung zu machen. Denen, deren Namen und Ruf genau an diesem Fleckchen Erde erst alles möglich gemacht hat: das ehemalige Enduro-Werksteam von MZ. Und sie waren die eigentlichen Stars dieses Oktober-Tages: Harald Sturm, Jens Scheffler, Uwe Weber und wie sie alle heißen. Sie, die bei den Fans mit dem Funken der allgemeinen Motorradsport-Begeisterung jedes Jahr aufs Neue eine Feuersbrunst sächsischen Wir-Gefühls entfachen können. Sie, die allesamt aus Zschopau und nächster Umgebung stammen, sind den Massen damals wie heute Sportidol und guter Nachbar zugleich. Weil die Popularität der leicht ergrauten Herren noch so frisch wie in alten Zeiten erscheint, begeistern sich auch genügend Youngster aus der Gegend für den Sport in Feld und Unterholz. So stammten nicht weniger als sechs der zehn Auserwählten für die beiden deutschen Nationalteams der Enduro-Sechstagefahrt im französischen Brive Ende August aus der hügeligen Gegend um Zschopau. Von der Heerscharen der nicht minder ambitionierten lokalen Amateur-Piloten in den B-Lizenz-Klassen ganz zu schweigen.Weil sich letztlich alle Stars, Sternchen und Lokalmatadoren schön gleichmäßig über die insgesamt dreimal zu durchfahrende Runde verteilten, herrschte quasi permanente Volksfeststimmung. Wer niemanden zum Bejubeln fand, war selber schuld. Da zudem das Wetter den glanzvollen Saisonabschluss in gleißendes Licht setzte, legten sich die Enduro-Piloten allesamt gewaltig ins Zeug. Der ehemalige Busfahrer aus Stockholm, Anders Eriksson, der sich den DM-Titel in der großen Viertakt-Klasse vor einem der Lokalheroen, Christoph Seifert, holte. Der Tscheche Radek Matoska, der den in dieser Saison lange Zeit verletzten Siegerländer Nico Klaus in der 400er-Viertakt-Klasse auf Platz zwei verwies. Dirk Thelen, der sich in der noch jungen 250er-Viertakt-Kategorie Titel Nummer vier in Folge holte. Der Finne Jani Laaksonen, der sich im innernordischen Duell mit Tuuka Saari in der großen Zweitakt-Klasse durchsetzte. Und Dirk von Zitzewitz, der mit dem 125er-Sieg eine feine Karriere mit stattlichen zehn DM-Titel abschließt. Weil zu guter Letzt denn auch die heimischen Oldies die gut bekannten Feldwege stilsicher entlangackerten und sich – wenn auch nicht plangemäß – nur von Schweden eindosen lassen mussten, durften sich am Abend alle freuen. Die neuen deutschen Meister, die alten Weltmeister, die Jungen ohne Titel und die Enduro-Fans sowieso. Zwischen Burnout, Meisterfeier und generellem Hochgefühl ging die einzig traurige Mitteilung des Wochenendes etwas unter. Denn am Freitag vor dem sächsischen Stollen-Festival hatte der Motorradsport-Weltverband FIM den Antrag der Zschopauer auf einen Enduro-WM-Lauf in der Saison 2003 wegen des späten Austragungstermins Mitte Oktober abgelehnt. Vielleicht sogar glücklicherweise. Denn mit zu viel sportlichem Ernst und zu wenig Lokalmatadoren könnte das Zschopauer Meisterwerk wohl schnell den Weg vieler Enduro-WM-Veranstaltungen dieser Tage gehen. Den eines Sports, der seine Stars im Verborgenen feiert. Ganz im Verborgenen.

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