Enduro du Touquet (Archivversion)

Ausser Strand und Band

Macht es Spaß, wenn über 1000 Offroad-Freaks den Strand entlang rasen, sich drei Stunden lang durch die Dünen quälen und dabei Sandstrahlen lassen? Fragen Sie einfach die 200 000 Fans.

Die Absperrgitter werden krachend zu Boden getrampelt, wie kochende Lava ergießt sich die grellbunte Menge in den Parc Fermé, schiebt sich unaufhaltsam zwischen die Linien der abgestellten Maschinen. Scheppernd kippen ganze Reihen der dicht an dicht geparkten Enduros wie Dominosteine um. Rücksicht genommen wird ein andermal. Denn die ersten Motoren bollern bereits los, jeden Augenblick werden es mehr, nach wenigen Sekunden tobt das Inferno. Ohrenbetäubender Lärm und dichter Zweitakt-Dunst verwandeln die Menge in ein wild schnaubendes, überdimensionales Ungeheuer. Ein Gigant aus 1047 Offroad-Bikes. Ein Riese, der offensichtlich nur hier gebändigt werden kann – beim Enduro du Touquet. Verständlich, denn im mondänen Seebad Le Touquet an der französischen Kanalküste ist man Menschenaufläufe gewohnt. Im Sommer, wenn 120 000 Urlauber das verschlafene 5000-Seelen-Dorf in ein Ferienimperium verwandeln. Im Winter, wenn Anfang Februar seit 28 Jahren die Wahnwitzigen auf ihren Stollenrössern einreiten. Die schillernde Mischung aus Abenteurern, Profi-Crossern, Hobby-Piloten, Showmännern und Dakar-Teilnehmern, die sich die letzte Bräune vom Sand der Nordsee abschmirgeln lassen. Sie alle sind es, die die Massen anziehen. 200 000, 300 000 Zuschauer sollen es sein. Keiner hat sie je wirklich gezählt. Doch es reicht, um den Helden der langen Federwege ein unvergleichliches Spalier zu bilden. Dann, wenn sie sich den einen Kilometer langen Weg vom Parc Fermé, der stilvoll vor dem lokalen Spielcasino, dem Casino du Palais, angelegt ist, zum Start am Strand bahnen. Oder besser, wenn sie von den Veranstaltern in Geländewagen in einer dichten Reihe wie hungrige Tiger von ihren Dompteuren dorthin dirigiert werden. Immer darauf bedacht, die Meute vor dem vorzeitigen Ausbrechen zu hindern. Denn die Jungs, die um die Pokale kämpfen, wissen: Einen regulären Start gab´s unten an der See schon lange nicht mehr. Frechheit siegt. Wer zuerst ausbricht, bestimmt das Geschehen. Lässt die Militärkanone, die den Startschuss abgibt, nur noch reagieren statt bestimmen. Hört – tief geduckt mit Vollgas den Strand entlang preschend - nicht mal mehr den Knall, mit dem das Geschütz die drei Stunden lange Jagd im Sand frei gibt. Dabei fette Beute zu machen ist wichtig. Denn ein Sieg in Le Touquet, der zählt in Frankreich. Früher sogar in der Welt. Doch die Zeiten, in denen Dakar-Sieger samt internationaler Motocross- und Enduro-Noblesse sich die Kante gaben, sind vorbei. Die Kees van der Vens oder Eric Geboers, die sich als Weltklasse-Crosser in den achtziger und neunziger Jahren vor dem Saisonstart kurz den Strand Untertan machten, heißen heute Jean-Claude Moussé oder Arnaud Demeester. Piloten, die gern eine ganze Motocross-Saison gegen den Triumph an diesem Tag X im Februar tauschen. Piloten, die allein für dieses Rennen von den in Le Touquet besonders engagierten Teams von Honda und Yamaha verpflichtet werden - und die dabei auf erstklassigem Material sitzen. 17 Liter große Tanks mit Schnellverschlüssen löschen den im tiefen Sand übergroßen Durst der Cross-Maschinen, weit gespreizte Enduro-Getriebe schaffen den Spagat zwischen engen Passagen in den Dünen und der knapp fünf Kilometer langen Startgerade, größere Kühler retten die Motoren vor dem Hitzetod. Nur über prinzipielle Dinge ist man sich offensichtlich nicht einig. Die Honda-Kollegen Moussé und Thierry Bethys setzen ausschließlich auf die viertaktende CR 450, Yamaha-Zugpferd Demeester treibt eine aufgepeppte Zweitakt-YZ 250 durch den Sand, während die Nummer zwei im Team, Enduro-Spezialist David Frétigné wiederum den Viertakt-Ballermann WR 450 bevorzugt. Gerade für dieses Rennen logisch, aber dennoch exotisch bleibt die dritte Chance der Blauen: die von Yamaha und Öhlins gemeinsam entwickelte, zweiradgetriebene WR 450 unter dem Holländer Ralph Hubbers. Dass sie einem unbekannten Außenseiter untergeschoben wurde, hat freilich seine Gründe. Denn die Cracks wissen um die Eigenheiten des Massenspektakels. Erst im vergangenen Jahr, als noch Frétigné die Allrad-Yamaha aufs Podest treiben sollte, zogen gutwillige Fans den gestrandeten David die Dünen hoch – allerdings ausgerechnet an den beiden Schläuchen des hydraulischen Vorderradantriebs. Am Dünenkamm oben angelangt, verendete das Pilotprojekt mit abgerissenen Hydraulikleitungen.Überhaupt: Masse. Das magische Wort des Enduro du Touquet. Die Masse lockt, die Masse stockt. Spätestens dann, wenn die topfebene Startgerade, über die die Besten mit Dauervollgas und gut 150 km/h Topspeed entlangdonnern, in die Dünen mündet. Le Goulet – dort, wo sich der brettharte Sandstrand in hellgrauen Puderzucker verwandelt, in den die Räder bis über die Felgen einsinken. Le Goulet – das Wahrzeichen von Le Touquet. Die Schneise, die für 50, vielleicht 100 Crosser Raum bietet und durch die sich all diese 1047 Wahnsinnigen durchquetschen wollen. Jeder zuerst, doch viele überhaupt nie. Für gut 100 endet dort das Abenteuer, bevor es richtig begonnen hat. Mit überhitzten Motoren, bis auf die Bodenplatte eingegrabenen Motorrädern, durch völlige Entkräftung – meist allem zusammen. Der Rest wühlt sich weiter. Zurück zum Start durchs knapp elf Kilometer lange Geschlängel in den Dünen. Für die Stars ein Kampf um Sekunden, für das Fußvolk eine Schlacht gegen die Tücken der Elemente. Für die Cracks knapp 20 Minuten, für die Mehrheit das Doppelte, Drei- oder Vierfache. Und genau nach diesen 20 Minuten zeigt dieses Rennen auch der Elite, dass in Le Touquet nichts kalkulierbar ist. Denn die Staus in Le Goulet oder den kleinen biestigen Anstiegen in den Dünen werden sich nicht auflösen. Selbst das gute Dutzend Helfer, das die meisten Top-Piloten an den neuralgischen Punkten stationiert haben, kann kaum eingreifen. In Sekundenschnelle wühlen sich die Verzweifelten in einer freien Gasse fest, während sich wenige Meter daneben ein undurchdringbar scheinendes Knäuel plötzlich auflöst. Die Nerven der Führenden liegen permanent blank. Eine einzige falsche Entscheidung kann Monate der Vorbereitung zunichte machen. So wie für Arnaud Demeester. Bereits ein viertel Jahr vor dem Rennen ackert der stämmige Profi aus Dünkirchen. Täglich im Sportstudio, drei Mal die Woche Motorradtraining im Sand – alles für den großen Showdown. Vier Mal hat er bereits triumphiert. Sieg Nummer fünf war fest eingeplant – und in Reichweite. Trotz einer defekten Hinterradbremse ab der vierten Runde und trotz eines zusätzlichen Tankstopps, den die durstige Zweitakt-Yamaha gegenüber den Honda-Viertaktern benötigte. Dreißig Sekunden Vorsprung auf Bethys nach zehn der zwölf Runden. Das hätte genügt – bis zu diesem Stau. Unachtsamkeit, Pech, was auch immer – Arnaud steckte fest. Zwei endlose Minuten lang. Genug, um Crosser Bethys, gerade dem, der sich trotz zweier Siege immer noch wenig aus Sandrennen macht und den zügigen Strandlauf nur zur Gehaltsaufbesserung nutzt, den Sieg zu überlassen. Der Schmerz darüber hätte größer nicht sein können. Und kaum tröstete, dass die wenigsten der wilden Tausend noch die Energie hatten, beim Zieleinlauf hinüber zur Siegerehrung zu schielen. Doch eins ist sicher: Im kommenden Februar werden sie wieder alle nach Le Touquet kommen. Um zu schauen, um zu helfen, um anzukommen, um eine Runde mehr zu schaffen, um zu gewinnen – oder um dieses Rennen ganz einfach noch mal erleben zu dürfen.
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Enduro du Touquet: Reportage vom legendären Strandrennen (Archivversion) - Ergebnisse:

1. Thierry Bethys (F) Honda, 2. Arnaud Demeester (F) Yamaha, 3. Yves Deudon (F) Kawasaki (alle 12 Runden), 4. David Fretigné (F) Yamaha, 5. Jérome Héméry (F) Kawasaki, (beide 11 Runden), 6. Sergei Potisek (F) Honda, 7. Vincent Cambier (F) Yamaha, 8. Anthony Jahnichen (F) Yamaha, 9. Vincent Turpin (F) Honda, Frédéric Vialle (F) Yamaha...107. Lothar Mayer (D) KTM, 112. Rochus Koch (D) Yamaha, 125. Jan Siegel (D) Yamaha, 138. Dirk Röhm D) Yamaha (alle 7 Runden).

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