Enduro du Touquet (Archivversion) Stauinsland

Erst wenn nichts mehr geht und sich 1000 Hinterräder vergeblich durch den Dünensand fräsen, macht der Stau erst Spaß. Doch wahre Helden hält nichts auf.

Buuuum. Der Schuss aus dem gigantischen Militärgeschütz müsste selbst in England noch zu hören sein. Für Le Touquet samt weiträumiger Umgebung reicht´s jedenfalls allemal. Als ob man an der Kanalküste noch irgendwem signalisieren müsste, was es am letzten Februar-Sonntag um 13 Uhr geschlagen hat. Buuuum, Start zum Enduro du Touquet. Buuuum, schon seit 25 Jahren. Und auch nach einem Vierteljahrhundert hinkt der Donnerhall, der eigentlich die wilde Meute ins Rennen schicken sollte, dem wirklichen Geschehen nach. Wenn der Ballermann dröhnt, rasen die Crosser längst mit Vollgas den Strand entlang. Le Touquet schreibt seine eigenen Gesetze. Wer hat es in den vergangenen Jahrzehnten nicht schon versucht, den Drachen der Dünen zu besiegen? Moto Cross-Weltmeister wie Brad Lackey, André Malherbe, Gaston Rahier, Danny Laporte, Georges Jobé Jacky Vimond, Heinz Kinigadner oder Frédéric Bolley – allesamt holten sie sich blutige Nasen. Oder Rallye-Star Stéphane Peterhansel, vom Tiefsand besiegt – wie Tausende seiner Weggefährten. Ja, Tausende. Denn gerade der nahezu aussichtlose Kampf gegen das sandige Monster lockt sie in Scharen an den Atlantik. Die Cracks genauso wie die Amateure, die Ambitionierten genauso wie die Hasardeure und Glücksritter. Bei 1000 Startern ist Schluss, mehr verkraften die Organisatoren nicht. Dennoch mehr als genug, um für den größten Rummel auf dem europäischen Kontinent zu sorgen. Sage und schreibe 250 000 Zuschauer zieht die Küstenhatz in das in den zwanziger Jahren eigentlich nur für 10 000 wohlhabende Sommerfrischler aus London und Paris aus dem Sandboden gestampfte Seebad. Obwohl die Runde immerhin 17 Kilometer misst, gibt´s einen Platz in der ersten Reihe nur für diejenigen, die sich schon morgens um neun ihr Plateau in die Dünenhänge stampfen.Die meisten wissen, wo die Seele des Rennens am allerheftigsten pocht. Le Goulet nennen die Einheimischen den Flaschenhals, durch den sich die wilde Meute nach fünf Kilometern Strandgerade, mit 160 km/h gefahren, im Zuckeltempo hinein in die Dünen zwängen muss. Die ersten Fünfzig kommen durch – höchstens. Danach ist Chaos angesagt, Chaos pur. Ungeduldige drängeln, wühlen sich mit Vollgas in Sekunden bis zur Achse in den losen Sand. Clevere versuchen an den steilen Dünenwänden das Gedränge weiter unten zu umgehen, nur um kurz darauf wieder erbärmlich in die Niederungen hinab zu rutschen. Die Gelassenen warten weit vor der vielhundertköpfigen Traube erst mal ab. Ein Durchkommen gibt´s frühestens nach fünfzehn Minuten. Rein Ergebnis-orientiert gesehen keine schlechte Strategie, denn bis dahin haben schon mindestens 70 der gequälten Einzylinder im Pulk den Hitzetod erlitten.Nur für die Top-Cracks öffnet sich der Sesam aus Plastik, Metall und Mensch wie durch ein Wunder. Man kennt sie eben, die Sandflöhe. Thierry Bethys, David Hauquier oder Arnaud Demeester – nicht viel ist das Jahr über von ihnen zu hören. In Le Touquet aber werden sie zu Stars. Wenn die anrollen, weiß der Amateur, was er zu tun hat: Motorrad kurz zur Seite kippen, die Herrschaften durchlassen, weiter warten. Für ein Dankeschön reicht die Zeit nicht – und meist auch nicht der Atem. Denn einer wie Demeester fährt am physischen Begrenzer. Vier Monate im Jahr arbeitet der 26-Jährige aus Dünkirchen, knapp 100 Kilometer nördlich von Le Touquet gelegen, auf dieses Rennen hin. Fröhliches Dünen-Bolzen fällt dabei jedoch flach. Außerhalb des Rennwochenendes wachen Naturschützer akribisch über das Trainingsverbot. Wer dennoch erwischt wird, kann sich bei David Hauquier über die Konsequenzen erkundigen. Den Le Touquet-Sieger von 1997 schnappten die Flics im vergangenen Jahr einen Tag vor dem Rennen ein paar Kilometer weiter strandabwärts bei Tests und kühlten das rennsportliche Temperament fürs restliche Wochenende im polizeilichen Gewahrsam ab.Verständlich, dass sich seitdem auch Monsieur Demeester auf heimisches Trainingsterrain beschränkt. Sechs Tage pro Woche schindet sich der Moto Cross-Profi, der für den französischen Yamaha-Importeur schon dreimal in Le Touquet gewinnen konnte, im zerfahrenen Wellenmeer der lokalen Trainingspiste. Und er weiß, warum: In Le Touquet wird alles noch schlimmer. Viel schlimmer. Das ursprünglich plan geschobene, zwölf Kilometer lange Geschlängel zurück zum Start durch die Dünen verwandelt sich innerhalb von vier Runden in einen Höllenritt. Welle für Welle baggern die Stollenreifen immer tiefer aus. An Sitzen ist nicht mehr zu denken. Und jeder Gasstoß kostet Kraft - und Benzin. Reicht die 16-Liter-Tankfüllung der 250er-Yamaha zunächst für vier Runden, muss der speziell für das Strandrennen angefertigte Alu-Tank mit Schnelltank-Verschluss später bereits alle drei Runden gefüllt werden. Macht 30 Liter auf 100 Kilometer. Ein Liter Reserve wird in einer Flasche unter dem Trikot verstaut – auch wenn´s nicht erlaubt ist. Sicher ist sicher.Selbst wenn so mancher, der sich nach und nach aus dem Stau geschält hat, schnell wünscht, der Vortrieb möge doch ein Ende haben. Wellenreiten ist eben keine Sache für Binnenschiffer. Aber genau das ist es, was den Reiz des Strand-Klassikers ausmacht. Der Applaus der Zehntausende, wenn die total überhitzte Mühle nach dem zehnten Kick doch wieder anspringt. Die Erlösung, wenn der völlig erschöpfte Körper auf der Strandgeraden für ein paar Minuten wieder Kräfte sammeln kann. Der Moment, wenn Demeester und Co. beim Überrunden im Zentimeterabstand vorbeidonnern – oder der Augenblick, in dem die Zielflagge nach drei Stunden einfach nur beweist: Es ist geschafft. Augenblicke, die in Erinnerung bleiben. Manchmal sogar länger als Siege. Nur nicht für Arnaud Demeester. Der stämmige Gallier musste erkennen, dass sich der Drache der Dünen inzwischen am besten mit den Waffen der Neuzeit niederringen lässt. Nach zwölf Runden siegte nämlich weder Demeester noch sonst einer der Sandspezialisten, sondern Thierry Bethys. Der verfügte für das offizielle Comeback von Honda am Meeresstrand sowohl über eine piekfein vorbereitete CR 250 mit Werksmotor und penibel auf die Wellenpisten abgestimmten Federelementen als auch über Qualitäten, die in Enduro-Kreisen als weitgehend überflüssig angesehen werden: Der 28-Jährige ergatterte als Gaststarter nämlich vor drei Jahren nicht nur den DM-Titel, sondern dominierte diesen Winter auch in Frankreich das Championat – im Supercross. Le Touquet schreibt eben seine eigenen Gesetze.

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