Enduro-Sixdays in Brive/Frankreich (Archivversion)

Alle an Bord

Was sind Enduro-Sixdays? Wenn 18 Nationen antreten und der Gastgeber gewinnt. Okay, auch in Brive siegte die französische Equipe (rechts), doch die Sixdays sind mehr – eine Weltmeisterschaft mit allen und für alle.

Die Gesichter sind grau, die Augen starren ins Leere. Es dauert Stunden, bis die Druckspuren des Helmpolsters auf der Stirn und den Wangen endlich verschwinden. Neun Stunden sind lang. Verdammt lang sogar. Doch sie haben es so gewollt. Sechs Tage am Stück. Denn später werden sie von ihnen schwärmen, den Enduro-Sixdays, der Mannschafts-Weltmeisterschaft der Offroad-Cracks. So wie jedes Jahr. Härte zählt noch etwas in diesem Metier. Enduro – Durchhalten, nicht locker lassen. Andere Motorradsport-Disziplinen mögen schneller, populärer oder spektakulärer sein, der Geist der Sixdays wird ihnen aber für immer verschlossen bleiben. Das ganz eigentümliche Miteinander aus Spitzensport und Amateurliga, aus Profis und Offroad-Aktivurlaubern. Aus dem Trubel in den Sonderprüfungen und der Einsamkeit in den Wäldern. Aus der Jagd nach Zehntelsekunden auf der einen und dem unbeschwerten Spaß am Fahren der anderen Seite.Genau dieser Geist prägte auch die diesjährige Sechstage-Fahrt im französischen Brive-la-Gaillarde. Der Geist der Gegensätze. Während die 550 Endurokämpfer morgens nach dem Start in der geschäftigen 30000-Seelen-Stadt, gut 100 Kilometer östlich von Bordeaux gelegen, an so mancher Palme in den Vorgärten vorbeiknatterten, pfiff ihnen gerade mal eine halbe Stunde später bereits der raue Wind des wolkenverhangenen, fast menschenleeren Zentralmassivs um die Nase. Und das für den rest des Tages. Wie gesagt, neun Stunden über Feldwege und Waldpfade und ab und zu mal durch kleine Dörfer, die mit ihren typischen grauen Steinmauern und gepflegten Gärten wohl auch vor 100 Jahren nicht anders ausgesehen haben. Doch wie so oft im Leben unterwerfen diejenigen, die ganz vorn sein wollen, den Genuss der Eindrücke dem Streben nach Erfolg – so er denn kommt. Denn der unterliegt gerade bei den Sixdays nicht allein dem Kalkül. Immerhin sechs Fahrer pro Nation sind es, auf deren Schultern die Bürde des Erwartungsdrucks lastet. Einen Ausfall darf sich jede Truppe leisten. Wer noch öfter patzt, hat keine Chance mehr auf den Sieg in der so genannten Trophy, in der die Nationalteams um den Titel kämpfen. Und darum geht´s. Den traditionellen Enduro-Ländern zumindest. Finnland, Schweden, Italien, Spanien und Frankreich machen diese Champions League meist unter sich aus. Verständlich, allein vier der fünf Enduro-Einzelweltmeister der aktuellen Saison stammen aus diesen Ländern. Und Gastgeber-Mannschaften gelten in dieser Branche als latent siegverdächtig. Denn Wissen ist Macht. Das Wissen um die kritischen Stellen, um den Charakter der Sonderprüfungen und – gerade in Frankreich – das Wissen, dass die Fans selbst im tiefsten Morast die seichteste Spur deuten – so der Stollreiter in das Trikot der Trikolore gehüllt ist. So galt in Brive von Anfang an: Vive la France in Feld, Wald und Unterholz. Doch, Neid beiseite, sie hatten es verdient, die sechs Musketiere. Nicht weil sie die Schnellsten waren. Das gelegentlich auch. Aber vor allem, weil sie die Vernünftigsten waren. Sich nicht im Rennfieber Köpfe oder Motorengehäuse einrannten und sich deshalb am sechsten Tag als Weltmeister in den Armen liegen konnten – zu sechst eben.Und auf dieses Erlebnis mussten viele verzichten. Die Finnen zum Beispiel, die schweigsamen Männer, für die dieser Sport in der Einsamkeit wie geschaffen scheint. Den Ausfall von Jungstar Petri Pohjamo am zweiten Tag und den Defekt am Zylinderkopf der 400er-KTM von Einzel-Weltmeister Juha Salminen retteten auch die Bestzeiten auf den wunderschön an Wiesenhängen ausgesteckten Sonderprüfungen der Kollegen nicht mehr. Oder die Schweden. Disqualifikation von Richard Larsson am vierten Tag wegen fremder Hilfe und einen Tag später ein Auspuffdefekt der 250er-Yamaha von Peter Bergvall, der 30 Minuten Zeit kostet – aus der Traum vom Sieg. Bleiben die Gewinner. Frankreich, ganz klar. Rang zwei für Italien, obwohl Altmeister Fausto Scovolo seine waidwunde Maschine tauschte, erwischt und disqualifiziert wurde. Doch die restlichen fünf machten ihre Sache gut. Besser noch als die Vorjahressieger aus Spanien, die diesmal auf Platz drei landeten.Und damit viel besser abschnitten als die schwarz-rot-goldene Abordnung. Pardon – nicht viel, nur besser. Denn nach langen Jahren der Dürre, bei der das traditionell zahlreiche deutsche Fan-Gefolge leicht am Schamrot der Gesichter ob der Auftritte ihrer Schützlinge zu erkennen waren, läuft’s inzwischen runder. Viel runder. Gerade mal zehn Sekunden müssen sich die besten Jungs, die zum größten Teil aus der Enduro-Hochburg um Chemnitz stammen, in den jeweils etwa sechs Minuten dauernden Sonderprüfungen von den absoluten Stars der Branche aufbrummen lassen. Klingt nach wenig und ist auch wenig. Erst recht, wenn man weiß, dass ein vernünftiges Training für diese meist auf jungfräulichem Wiesenboden ausgesteckten Sonderprüfungen selbst im Motorradsport-begeisterten Sachsen nicht möglich ist. Und mit Trainings auf Motocross-Pisten lassen sich die hakelig ausgesteckten und daher fahrerisch sehr kniffligen Tests nur schwer angehen.Rätselhaft blieb jedoch, warum sich die Germanen-Riege gerade auf dem Abschluss-Cross ihren sicher geglaubten sechsten Rang noch von den Amerikanern abluchsen ließ. Doch man darf nicht vergessen: Sei es der hiesige Vorzeige-Endurist Marko Barthel, der sich in der finalen Viertelstunde zu allem Überfluss noch den Unterarm brach, oder seine Kollegen, den Auftritten der deutschen Edel-Enduristen im finalen Motocross gereicht’s mit Ausnahme von Trophy-Fahrer und Ex-Crosser Sascha Eckert im wirklichen Leben bestenfalls auf das Siegerpodest bei Hobby-Cross-Rennen. Die Erfolgskurve zeigt trotzdem nach oben, und Übung soll ja bekanntlich Meister machen – irgendwann einmal. Von denen rufen sich bei den Sixdays immer ein paar in Erinnerung. Shane Watts zum Beispiel. Der hoch talentierte Australier, der vor vier Jahren den 125er-WM-Titel holte, vergangene Saison in die USA auswanderte und dort seitdem alles gewinnt, was es zu gewinnen gibt, schaut einmal im Jahr bei seinen alten Spezies vorbei. Dreimal Klassenbestzeit reichten, dass die Kollegen ihm sehr freundlich eine gute Heimreise wünschten. Ebenso Mika Ahola. Der Finne, der mit seiner italienischen VOR in diesem Jahr nur haarscharf am WM-Titel in der Viertaktklasse über 500 cm³ vorbeigeschrappt war, revanchierte sich vor großer Kulisse. Der aufsehenerregende Gesamtsieg als bester Einzelfahrer aller Klassen zeigt, dass manchmal selbst in der Mannschafts-WM der Individualismus durchdringt.Aber nicht bei allen. Und wieder waren es die chancenlosen Kanadier, Mexikaner, Chilenen oder Brasilianer, die die Sixdays letztlich zu dem schillernden Ereignis machten, in dem für viele der eigentliche Reiz dieser Veranstaltung liegt: Dem, einfach durchzuhalten. Sechs Tage lang – zu sechst.
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Enduro-Sixdays in Brive/F (Archivversion)

ErgebnisseTrophy1. Frankreich (Marc Germain, Olivier Rebufie, Eric Bernard, David Fretigné, Cyril Esquirol)2. Italien (Jarno Boano, Matteo Rubin, Mario Rinaldi, Alessandro Botturi, Giovanni Sala)3. Spanien (Isidre Esteve, Xacob Agra, Miki Arpa, Joan Roma, Marc Coma)4. Australien (Shane Watts, Damien Smith, Stefan Merriman, Ben Grabham, Brad Williscroft)5. Tschechien (Zdenek Gottvald, Martin Malat, Roman Michalik, Milan Baros, Martin Macek)7. Deutschland (Marco Bartel, Mirko Knorr, Nico Klaus, Christoph Seifert, Sascha Eckert)Junior-Trophy1. Italien (Simone Albergoni, Ivan Boano, Paolo Carrara, Giovanni Gritti)2. Schweden (Fredric Georgsson, Niklas Gustavsson, Daniel Johansson, Andreas Torreson)3. Spanien (Xavier Pons, Jordi Viladoms, Gerard Farres, Jordi Duran)6. Deutschland (Stefan Geyer, Swen Enderlein, Rüdiger Bachmann, Ralf Scheidhauer)

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