Enduro-Sixdays in Granada/Spanien (Archivversion)

Überm Berg

Grandiose Landschaft, herrliche Strecke und ein gigantisches Starterfeld – fünf Tage lang feierte die Szene die Wiederauferstehung des Endurosports. Doch dann kam Tag sechs.

»Welch ein Land«, soll Boabdil, der letzte in Spanien herrschende Maurenkönig, schon im Jahr 1492 geschwärmt haben, als sein Blick von der Alhambra über die weite Hochebene von Granada schweifte, entlang den sanften, mit Millionen von Olivenbäumen bewachsenen Hügeln bis hin zur unwirtlichen Sierra Nevada um den mächtigen Mulhacen, den höchsten Berg des spanischen Festlands. »Welch ein Land«, mag es auch manchem der weltbesten Enduro-Piloten entfahren sein, als sie sich just auf jenem geschichtsträchtigen Terrain zum finalen Kräftemessen der Saison 2000 trafen. Sixdays nennt sich die Schlacht der Schlachten im Enduro-Metier ganz unspektakulär. Oder noch schlichter: Mannschafts-WM. Doch dahinter steckt mehr. Sechs Tage durch dick und dünn, jede Nation mit ihren sechs besten Offroad-Cracks, dem so genannten Trophy-Team. Und in deren Gefolge die Junior-Trophy mit den vier landesbesten Offroad-Youngstern unter 23 Jahren. Der Ablauf ähnelt dem von Automobilrallyes: Eine Sollzeit wird auf den Zwischenetappen vorgegeben, letztlich entscheidend sind aber die Zeiten auf den in Motocross-Machart angelegten fünf Sonderprüfungen und Spezialtests pro Tag. Der Schnellste legt vor. Jede Sekunde mehr addiert sich auf dem persönlichen Zeitkonto der restlichen Piloten. Am Schluss wird zusammengezählt. Je weniger Strafzeit, desto besser die Chancen auf den Titel. Die Favoriten bleiben meist die gleichen. Finnland, Italien Schweden oder Frankreich holten den Pott der modernen Buschmänner in der jüngeren Vergangenheit – allesamt Nationen, in denen die Stollenritter von wilden Waidmannen oder Umweltschützern noch weitgehend unbehelligt ihre Bahnen im Unterholz ziehen können. Doch nicht nur die Crème de la crème der Szene wusste das enduristische Kleinod im Herzen Andalusiens zu schätzen. Mit sage und schreibe 560 eingeschriebenen Enduro-Kämpfern avancierten die »Seis Dias Internacionales de Enduro« zur größten jemals ausgetragenen Sechstagefahrt der Geschichte. Und keiner sollte sein Kommen bereuen. Eine einzige Runde über 250 Kilometer pro Tag schuf Raum für den Massenansturm. Ob in den verwinkelten Seitentälern der Hochebene oder in der zerklüfteten, gefrorenen Bergwelt auf über 2000 Metern Meereshöhe, die Sixdays boten alle Reize dieses Sports in konzentrierter Dosierung. Kilometerlange, steinübersäte Pfade, tückische Steilanstiege und kaum enden wollende Abfahrten. Oder schlicht und einfach: Enduro pur. In negativer Hinsicht hätte der Ausspruch Boabdils für die französische Equipe gelten können. Weil Leistungsträger wie die Rallye-Ikone Stéphan Peterhansel sowie die Enduro-Champions Cyril Esquirol oder Eric Bernard die Trikolore ohne zusätzliche Barschaft von ihrer Föderation nicht vertreten mochten, booteten sich ausgerechnet die Gastgeber der nächstjährigen Sixdays mit einer zweitklassigen Equipe im Kampf um die Spitze von vornherein aus. Missstimmung herrschte auch down under. Weil ausgerechnet der australische Superstar Shane Watts – der hochtalentierte Naturbursche hatte in dieser Saison der Enduro-WM entsagt und stattdessen für KTM den Titel in der amerikanischen Cross-Country-Meisterschaft geholt – die Sixdays extrem locker sah und in den Sonderprüfungen seltsamerweise mehr mit Showeinlagen statt zügigem Fortkommen beschäftigt war, mussten die Aussies ebenfalls schon vorab klein beigeben. Und weil der Favoritenkreis bereits beim Schrumpfen war, hissten auch die Finnen schnell die weiße Flagge. Ausfall der zunächst führenden Truppe nach einem Schlüsselbeinbruch von Samuli Aro am ersten Tag und einem Motorschaden an der Husqvarna von Ex-Weltmeister Petteri Silvan am dritten Tag – aus der Traum vom vierten Gesamtsieg in den letzten fünf Jahren. Was blieb, war der Dreikampf zwischen Italien, Schweden und Gastgeber Spanien. Doch so sehr die Verfolger auch Druck ausübten, gegen die mit gleich zwei amtierenden Einzel-Weltmeistern angetretene italienische Squadra war trotz eines fatalen, entgegen ersten Befürchtungen letztlich aber doch glimpflich ausgegangenen Sturzes von Mario Rinaldi in einem brandgefährlichen, felsgespickten Spezialttest nichts auszurichten. Verständlicherweise schon gar nicht von der deutschen Abordnung. Gleichwohl sich die in der Vergangenheit schwer gebeutelte hiesige Enduroszene – sowohl, was die Qualität der DM-Veranstaltungen als auch die Stimmung unter den Aktiven angeht – wieder eindeutig im Aufwind befindet, bleibt der Abstand zur internationalen Spitze noch immer beachtlich. Wenngleich sich die Mannen des Trophy-Teams wacker schlugen, blieb die Ausbeute der schwarz-rot-goldenen Abordnung mit dem zwölften Gesamtrang noch immer bescheiden. Nur Suzuki-Pilot Thomas Ramsbacher gelang mit dem neunten Platz bei den 400er-Viertaktern ein Resultat unter den besten Zehn seiner Klasse.Dafür schürten die deutschen Junioren die Flamme der Hoffnung. Gesamtplatz fünf, ohne den schuldlos nach einer Karambolage mit einem entgegenkommenden Fahrer an Schulter, Gesicht und Knien verletzten Senkrechtstarter Sascha Eckert, zeugen vom absehbaren Aufschwung im nationalen Stollenmetier.Wobei die Jubelstimmung der Deutschen wie auch fast aller anderen Nationen letztlich von den Geschehnissen rund um das traditionelle Abschluss-Cross am sechsten Tag erstickt wurde. Nachdem der Veranstalter versäumt hatte, die knochentrockene Motocross-Piste rechtzeitig zu wässern, verhinderte eine undurchsichtig braune Staubwolke schon nach den ersten beiden Rennen den Durch- und Überblick – in diesem Fall offensichtlich bei allen Beteiligten.Denn anstatt auf den Vorschlag des Veranstalters einzugehen und die Piste, wie bei jedem Feld-, Wald- und Wiesen-Motocross üblich, zu wässern, fürchteten die noch nicht gestarteten Piloten, auf der feuchten Piste schlechtere Gesamtfahrzeiten als ihre Konkurrenz hinzulegen. Auf die Streikdrohung einiger Fahrer antwortete der Veranstalter mit einem Komplett-Ausschluss der Widerspenstigen, worauf einige Streikenden ihre dadurch startwillig gewordenen Kollegen per Faustrecht von der Einfahrt auf die Piste abhielten.Ob Recht oder Unrecht, im anschließenden mehrstündigen Disput schien offensichtlich niemand, aber auch gar niemand mehr einen Gedanken an den eigentlichen Zweck des Abschluss-Cross zu verschwenden – den, diesen Sport mehr als den paar Hundert Eingeweihten nahe zu bringen, die während der Woche an den Sonderprüfungen standen. Und so verzogen sich die gut 10000 Fans ohne jegliche offizielle Erklärung oder ein Wort der Entschuldigung irritiert wieder Richtung Heimat. Worauf der Endurosport blitzartig wieder zu seinem eigentlich während diesen Sixdays vergessen geglaubten Image zurückkehrte: gerecht, aber einsam. So durfte nach der endgültigen Absage des Abschlussrennens das italienische Team den Sieg in der Trophy feiern, die Spanier auf den Triumph in der Junior-Trophy anstoßen und der Australier Stefan Merriman sich über die Ehre des besten Einzelfahrers freuen – ganz traditionell zusammen mit Teamchef, Mechaniker, Papa, Mama, Freundin und vielleicht auch einer Handvoll Fans.
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Enduro-Sixdays in Granada/E (Archivversion)

TrophyItalien (Fausto Scovolo, Mario Rinaldi, Matteo Rubin, Arnaldo Nicoli, Giovanni Sala, Fabio Farioli)Schweden (Peter Bergvall, Torbjörn Bäck, Mats Nilsson, Anders Eriksson, Björne Carlsson, Martin Lind)Spanien (Isidre Esteve, António Villegas, Miki Arpa, Jordi Villadoms, Joan Roma, Marc Coma)Australien (Damien Smith, Shane Watts, Peter Martin, Stuart Morgan, Ian Cunningham, Stefan Merriman)Frankreich (Olivier Rebufier, Gilles Algay, Guilaume Porte, Samuel Vinet, David Fretigné, Olivier Samofal)12. Deutschland (Lars Nonn, Thomas Ramsbacher, Dirk von Titzewitz, Arne Domeyer, Nico Klaus, Karsten Wills)Junior-TrophySpanien (Xavier Pons, Gerard Farrés, Xacob Agra, Jordi Duran)Italien (Simone Albergoni, Ivan Boano, Federico Mancinelli, Giovanni Gritti)Schweden (Niklas Gustafsson, Frederik Georgsson, Johan Gustafsson, Andreas Toresson) 5. Deutschland (Marko Barthel, Sascha Eckert, Sven Kiedrowski, Christoph Seifert

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