Enduro-Sixdays in Traralgon/Australien (Archivversion) Wattsmann

Lokalmatador Shane Watts war bei den Sixdays im australischen Busch in der 125er Klasse nicht zu bezwingen. Doch in der Teamwertung mußten sich die Gastgeber den hochkarätig besetzten Mannschaften aus Skandinavien geschlagen geben.

Die Fans wühlten sich mit Four-Wheel-Drives und Pick-up-Trucks durchs Gelände, jubelten von umgekippten Baumriesen zu den Stars der Enduro-Sechstagefahrt herab und standen in den Kurven Spalier, um ihren Helden den besten Weg durch die zerfurchten Sonderprüfungen zu weisen. Am Ende half die ganze Begeisterung nichts, denn die australische Trophy-Mannschaft, am zweiten Tag noch souverän in Führung, mußte sich bei der Mannschafts-WM mit dem dritten Gesamtrang zufrieden geben. Ihre Parties, im Stil des Landes mit Barbecues und Dosenbier gehalten, ließen sich die Einwohner des Provinzstädtchens Traralgon, rund 150 Kilometer südöstlich von Melbourne gelegen, trotzdem nicht verderben. Denn Shane Watts, Weltmeister und Lokalmatador aus dem benachbarten Maffra, war an allen Tagen Schnellster und machte die Einzelwertung der 125-cm³-Klasse zum Triumphzug. Schon bei den ersten Sixdays in Australien 1992 war Shane Fünfter geworden und hatte sich danach als armer Glücksritter in die weite Welt aufgemacht, der bei den Rennen meist im Schlafsack neben seiner Maschine übernachtete. Ab 1995 fuhr er für den italienischen KTM-Importeur und krönte einen rasanten Aufstieg mit dem 125er Titel in der Enduro-Einzel-WM 1997, hat an seinen Abstecher zur Deutschen Meisterschaft aber schlechte Erinnerungen: Im August, wenige Wochen vor Saisonende, riß er sich bei einem Sturz das Kreuzband im rechten Knie und wurde operiert. Zwei Monate später ruinierte er das Knie erneut und mußte abermals unters Messer. Als er im April 1998 zur dritten Rekonstruktion des gepeinigten Gelenks beim Chirurgen vorsprach, wurde er eindringlich gewarnt. »Die Ärzte erklärten mir, ein viertes Mal brauche ich nicht zurückzukommen, denn dann seien sie mit ihrer Kunst am Ende. Doch toi, toi, toi - seither hat das Knie wunderbar funktioniert«, strahlt der 25jährige. Bei den Sixdays in Traralgon war sein Tatendrang mit dem Klassensieg allein noch lange nicht gestillt. »Ich bin kein bißchen müde, ich habe nicht einmal Muskelkater«, strahlte er nach Rennende. Kein Wunder, denn die die Sixdays-Teilnehmer mußten sich nur an den ersten beiden Tagen durch volle Etappenlängen kämpfen. Schon der Regen beim Eintreffen im Parc fermé am Mittwoch abend kündigte an, daß der australische Frühling nicht das halten würde, was sich die aus dem Spätherbst der Nordhalbkugel geflüchteten Teams erwartet hatten. Über Nacht verwandelten sich die zunächst noch moderaten Niederschläge in eine Sintflut, die der ausgedörrten Region in wenigen Stunden mehr Wasser brachte als bislang im ganzen Jahr. Morgens um sieben war die Welt trotz weiterhin strömenden Regens noch halbwegs in Ordnung, und der Pegelstand eines kleinen Rinnsals, das die Fahrer auf der dritten Etappe am Donnerstag zweimal zu durchqueren hatten, war keiner Erwähnung wert. Leider war die aus den umliegenden Bergen heranrollende Springflut nicht so geduldig, auf alle 433 Fahrer zu warten. Der zunächst knöcheltiefe Bach schwoll binnen drei Stunden bis zu Brusthöhe an. Etwa ab Startnummer 100 war der Strom unpassierbar, worauf sich etliche der Fahrer zusammentaten und ihre Motorräder gemeinsam schulterten. Ganz ungefährlich war auch das nicht: Der Amerikaner Randy Hawkins rutschte auf dem glitschigen Geröll aus und wurde von den gurgelnden braunen Fluten verschluckt. Ein Schwede, der bereits das Heck seiner Maschine geschultert hatte, erwischte ihn mit der freien Hand gerade noch am Kragen und schleppte in ans sichere Ufer. Kurz danach stellte sich der Finne Kari Tianen allen weiteren Teilnehmern in den Weg, womit die Etappe endgültig gestoppt war und aus der Wertung genommen wurde. Die Krise war trotz des allmählich nachlassenden Regens noch nicht bewältigt: Die weichen Sandwege zur vierten Etappe waren für die Servicefahrzeuge unpassierbar, weshalb das Programm für diesen Tag auf zwei Moto Cross-Sonderprüfungen reduziert wurde. Auch Tag fünf wurde vorsorglich um 40 Kilometer gekürzt. Die Sixdays wurden zum Sprintrennen. Das deutsche Trophy-Team geriet dabei völlig unter die Räder. Schon an den ersten beiden Tagen hatte es nur zum 14. Platz gereicht, weil die Enduro-Sonderprüfungen in den Wäldern zu eng um Bäume, umgekippte Stämme und aufgespaltete, wie drohende Spieße aus dem Erdreich ragende tote Stümpfe führten. »Mir persönlich ist das zu gefährlich. Bei uns wurden solche Sektionen schon vor zehn Jahren abgeschafft«, erklärte der 24jährige Nico Klaus, mit einem vierten und einem sechsten Platz bei den Tages-Einzelresultaten klar bester deutscher Pilot.Bei den Moto Cross-Wettbewerben der letzten drei Tage konnte sich das Team trotz des offenen Geländes nicht weiter verbessern. Kay Awe erkämpfte kurz vor Veranstaltungsende zwar einen Laufsieg in seiner 400-cm³-Viertaktklasse, doch gegen die fahrerische Extraklasse der mit zahllosen Weltmeistern durchsetzten anderen Trophy-Teams hatte die deutsche Mannschaft insgesamt nicht den Hauch einer Chance. »Das war nix«, stellte Heiner Schmidt, Delegationsleiter des nationalen Dachverbands DMSB angesichts des kühn anvisierten und klar verpaßten siebten Gesamtrangs ohne Enthusiasmus fest. Weil es auf den Mini-Etappen so gut wie keine Ausfälle gab, waren deutsche Tugenden wie Ausdauer und Zuverlässigkeit diesmal nicht gefragt. Um so mehr die Bestzeiten in den Sonderprüfungen - und die schüttelten die Nordeuropäer mit souveräner Gelassenheit aus der Gashand. Dem Staraufgebot von Finnland mit dem sechsfachen Weltmeister Kari Tianen, Exweltmeister Petteri Silvan und dem kaum weniger erfolgreichen WM-Crack Mika Ahola standen die nicht minder prominent besetzten Schweden mit den Viertakt-Weltmeistern Björne Carlsson und Anders Eriksson gegenüber. Das Kopf-an-Kopf-Rennen der beiden blieb bis zum Ende spannend: Schweden führte nach Tag eins, wurde an Tag zwei von Australien und an Tag vier von Finnland abgelöst. Am fünften Tag hatten die Schweden wieder die Nase vorn, verloren aber ihren 250-cm³-Viertaktpiloten Joakim Johansson durch Sturz und Gehirnerschütterung. Am letzten Tag drehten die Finnen den Spieß deshalb noch einmal um und feierten den Trophy-Sieg, während sich Anders Eriksson mit dem Klassensieg bei den großen Viertaktern und mit dem Markenpokal für seine Firma Husqvarna begnügen mußte.

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