Entwicklungshelfer auf Enduro Sergio Morariu der Enduro-Maniac

Vom Pass her ist er Deutscher, Endurofahren lernte er in Peru, seine Wurzeln hat er in Rumänien. Sergio Morariu ist ein vielseitiger Mensch. Und der Erfinder der Enduromania, deren hundertste Ausgabe 2010 stattfindet. Ein Porträt.

Mit Kriegsende hatte sich der Eiserne Vorhang auch vor Rumänien und dem Banat geschlossen, Sergios damals überwiegend noch deutschsprachiger Heimatregion rings um die Stadt Timisoara (Temeswar). Anschließend hatte seine Familie dort nichts mehr zu lachen: Der Vater, ein rumänischer Grundbesitzer, der an mehreren Firmen beteiligt war, wurde 1948 von den neuen Machthabern enteignet und als Kapitalist und Klassenfeind ohne Prozess ins Gefängnis gesteckt. Nach seiner Entlassung durfte er arbeiten - als armseliger Nachtwächter. Aus den oberen Zehntausend war die Familie von heute auf morgen an der Rand der ohnehin armen Gesellschaft gerückt worden. Sergios Mutter, eine Deutsche, war Sprachlehrerin. Anstelle von Geld war Bildung das Einzige, was sie ihrem Sohn jetzt noch mit auf den Weg geben konnte.

Als Junge begann Sergio Sport zu treiben. "Das war weniger Hobby", weiß er dazu heute, "sondern mehr motiviert durch die Aussicht auf bessere Ernährung und Kleidung." Offenbar ein starker Antrieb, denn Sergio, mittlerweile ein junger Bauingenieur, brachte es bis zum rumänischen Landesmeister im Judo. Was ihm letztlich das Leben ermöglichte, das er später führen sollte. Denn als erfolgreicher Sportler durfte er auch mal raus aus dem düsteren Reich Nicolai Ceausescus, der 1967 in Rumänien an die Macht gekommen war. 1970 schließlich nutzte Sergio eine Sportreise zur Flucht über Österreich nach West-Deutschland.

"Meine Mutter hatte mich kosmopolitisch und vielsprachig in ihrem Sinne zur Weltoffenheit erzogen", einer Mentalität, die den damaligen Realitäten im Land genau zuwider lief. "Auswandern und Flucht vor dem Terror war jahrelang Hauptthema in der Familie gewesen", erläutert Sergio seine damalige Entscheidung.

In Deutschland heuerte der zwischenzeitlich auch noch promovierte Ingenieur bei einer Baufirma an. Die schickte ihn nach Peru, um dort in ihrem Auftrag Energieversorgungspläne zu erstellen. Das Thema Motorrad hatte bis dahin für den mittlerweile über 30-jährigen noch keinerlei Rolle gespielt. Erst in der Weite des südamerikanischen Hochlands entdeckte Sergio den Reiz und die Vorteile des Endurofahrens. Auch dieses für ihn neue Thema ging er sportlich an und fand unter amerikanischen Kollegen und peruanischen Freunden schnell Gleichgesinnte.

Seine erste eigene Maschine war eine zickige Zweitakt-Husqvarna, die 1979 einer Yamaha YZ 400 wich, einem derben Zweitakt-Crosser. Im Jahr darauf stieg der mittlerweile begeisterte Offroader um auf eine der ersten Suzuki DR 400. Aus den Erfahrungen mit diesen Maschinen entstand eine eher instrumentale Einstellung zum Motorrad selber und eine große Wertschätzung unauffällig funktionierender japanischer Technik: "Das Motorrad als Gegenstand fasziniert mich überhaupt nicht", bekennt er heute freimütig. "Schrauben kann und will ich nicht." Aber fahren.

Und so kam es, dass Sergio Morariu, als er nach 15 Jahren Lateinamerika wieder nach Frankfurt zurückkehrte, den Titel des peruanischen Enduromeisters mit im Gepäck hatte. Heute besitzt er eine betagte Honda XR 400 und eine Beta Alp 200, eine touristisch ausgelegte Trialmaschine.

Nach dem Ende der Diktatur des "Conductators" Ceausescu zog es den fünf Sprachen sprechenden Exil-Rumänen 1990 wieder in seine alte Heimat. Mit erstaunlicher Energie und mitreißendem Elan schuf er dort eine völlig neuartige Form von wirtschaftlicher Unterstützung: Er holte systematisch Endurofahrer ins Land und entwickelte mit der Enduromania eine Art sanften Motorradtourismus, bei dem die Entdeckung der westlichen Karpaten mittels Enduro (oder auch Quad) im Vordergrund steht. Das 1995 zum ersten Mal umgesetzte Konzept bewährte sich. So gut, dass Sergio dieses Jahr im Juni die einhundertste Ausgabe der Enduromania starten wird. Er selbst ist mittlerweile 67 Jahre alt und hat immer noch große Pläne. So sollen 2010 erstmals auch Elektro-Motorräder in Rumänien mitfahren. In Zusammenarbeit mit der Maschinenbaufakultät der Universität Heidelberg steht Morariu in Kontakt mit der EU, um europaweit ein Pilotprojekt für Elektrofahrzeuge im Naturtourismus zu etablieren. Sich mit Fahrzeugen auch abseits von Asphaltstraßen bewegen zu dürfen, ist für Morariu ein Menschenrecht.

Sein Credo: "Bei allem Engagement darf der Spaß nicht zu kurz kommen. Das hilft gegen Verbissenheit."
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Enduromania-Infos

Die Enduromania hat sich seit 1995 vom Geheimtipp zur beliebten Offroad-Veranstaltung für jedermann entwickelt. Sie findet jedes Jahr an mehreren festgelegten Terminen in den südlichen Karpaten statt. Gefahren wird mit dem eigenen Motorrad (straßenzugelassen, geländetauglich, sonst keinerlei Beschränkungen) oder Quad/ATV in kleinen Gruppen von mindestens drei Teilnehmern, denen detailliertes Kartenmaterial und Routenvorschläge zur Verfügung stehen. Der Unterschied zu geführten Touren oder zum purem Endurosport ist: Es gibt keine festgelegten Strecken oder Geschwindigkeitsvorgaben, sondern lediglich Kontrollpunkte, die angefahren werden. Tempo, Route und Schwierigkeitsgrad kann jede Gruppe für sich selbst bestimmen.

Die befahrbaren Strecken sind mit den lokalen Verkehrs-, Forst- und Umweltbehörden abgestimmt. Ausgewiesene Naturschutzgebiete werden nicht befahren. Übernachtet wird entweder in Pensionen oder im mitgebrachten Zelt. Die Verpflegung ist wählbar zwischen nur Frühstück, Pension und Halbpension, die Preise sind moderat. An- und Abreise erfolgen individuell.

Neu seit 2005 ist die Long-Distance-Enduromania, eine Art Orientierungsfahrt durch Rumänien bis zum Schwarzen Meer und zurück. Sie findet bei entsprechender Nachfrage statt.

Detail-Infos und Anmeldung im Internet unter www.enduromania.net oder unter Telefon 069/6702652.

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