Entwicklungstendenzen beim Motorrad (Archivversion) Zukunftsmusik

Wie sieht das Motorrad der Zukunft aus? Während der Zwickauer Zweiradtagung gab es viele hoffnungsfrohe Antworten. Und MZ wie BMW verkünden: Es wird über Direkteinspritzung verfügen.

Professor Cornel Stan von der Fachhochschule Zwickau ist ein vielseitig interessierter Wissenschaftler. Deshalb mag er die Frage nach dem Motorrad der Zukunft nicht auf bestimmte Komponenten einschränken, und deshalb waren auf der erstmals durchgeführten, zweitägigen Fachtagung hochkarätige Visionen rund um alle denkbaren Themen zu hören. Dennoch: Stan selbst legt den Fokus auf neuartige Gemischbildungssystemen, als er ausführt: » Die motorradspezifischen Anforderungen werden zunehmend mit einer deutlichen Reduzierung des Kraftstoffverbrauchs und der Schadstoffemission erweitert. Zukünftige gesetzliche Limitierungen werden die weitere Entwicklung von Motorradmotoren prägen. Entwicklungstrends im Automobilbereich von variablen Steuerzeiten und Aufladung über Benzindirekteinspritzung bis hin zum Down Sizing (Verringerung der Abmessungen bei erhöhter Leistungsfähigkeit, die Redaktion) stellen ein beachtliches Potenzial dar. Die Spezifika eines Motorradmotors erfordern allerdings eine darauf effizient abgestimmte Umsetzungsstrategie.« Dass Cornel Stan nicht nur theoretisiert, beweist das ehrgeizige Projekt, welches die Fachhochschule Zwickau zusammen mit MZ realisiert hat. MZ-Forschungs- und Entwicklungsleiter Jürgen Meusel ist überzeugt: »Das Zwickauer Druckstoßeinspritzsystem zeigt auf dem Motorenprüfstand und im realen Fahrversuch die bestehenden Möglichkeiten auf.« Und liefert den Beweis – mit tadellosem Laufverhalten dreht auf dem nahen Sachsenring eine mit dieser denkbar einfachen Einspritzung versehene MZ 125 RT ihre Runden. Meusel verspricht eine Verbrauchsreduzierung von zehn bis 35 Prozent, ebenso einen verringerten Kohlenmonoxidausstoß. MOTORRAD wird über diese RT demnächst ausführlich berichten. Eine andere viel versprechende Technologie für wirtschaftlichen Betrieb sieht Meusel in der mechanischen Aufladung. Die Direkteinspritzung wird auch bei BMW als heißes Eisen gehandelt. Entwickler Dr. Joerg Reissing schwört auf die Vorteile der inneren Gemischbildung, hinsichtlich der Verbrauchsoptimierung schränkt er allerdings ein: »Dazu ist ein Betrieb mit Ladungsschichtung erforderlich.« Hierbei entzündet ein homogenes Gemisch rund um die Zündkerze das umgebende magere Gemisch. Insgesamt entsteht dadurch ein Verbrauchsvorteil bis zu 15 Prozent. Freilich erfordert die Serienanwendung im Motorradbau noch intensive Entwicklungsarbeit. Deshalb arbeitet ein modifizierter F 650-Prototyp auch noch im Homogenbetrieb.Doch auch zu anderen Themen machen sich die Entwickler in München intensive Gedanken, allen voran Entwicklungsleiter Dr. Markus Braunsperger: »Neben gesellschaftsrelevanten Kriterien wie Umweltbelastung, Emissionen und passiver Sicherheit existieren seit einiger Zeit grundsätzliche Entwicklungstrends wie die Verbesserung der Beherrschbarkeit des Motorrads. Dabei helfen Leichtbau, Handlingcharakteristika und Ergonomie.«Vor allem den Leichtbau betrachtet Braunsperger als eine zentrale Herausforderung der Zweiradbranche. In anderen Bereichen glaubt er dagegen an eine Vorreiterrolle des Pkw: »So ist zum Beispiel die komplette BUS-Technik mit ihren Vorteilen bezüglich der Kommunikation verschiedener Steuergeräte und Sensoren ein unausweichlicher zukünftiger Schritt. Auch so genannte X-by-wire-Systeme, also elektronisch statt mechanisch oder hydraulisch angesteuerte Komponenten wie E-Gas oder Bremse können enorme Potenziale eröffnen.« Eine drastisch bessere Lichtausbeute verheißen die im Auto längst eingeführten lagegeregelten Xenon-Scheinwerfer. Als Vertreter des traditionsreichsten Tourer-Anbieters ist Braunsperger außerdem sicher, dass auch bei Motorrädern die Navigationstechnik triumphieren wird. Bei bestimmten Motorrädern jedenfalls. Grundsätzlicher wird der Vortrag des Entwicklungschefs wieder, als er über weitere Leistungssteigerung etwa durch variable Ansaugwege oder Ventilsteuerungen sowie modernes Motormanagement referiert.Neben derartigen, auch nach außen sichtbaren Fortschritten wird der Kunde in Zukunft von Innovationen im Entwicklungsbereich profitieren. Immer ausgefeiltere Simulationstechniken, sei es auf dem Gebiet des Ladungswechsels von Motoren oder des dynamischen Verhaltens von Fahrwerkskomponenten, können die Entwicklung verkürzen sowie durch Unterstützung des realen Versuchs die Ergebnisse verbessern. Carlo Di Biazzi von Ducati demonstriert anhand eines modernen Simulationsprogramms: »Die Ergebnisse lassen sich nicht nur mit großer Genauigkeit voraussagen, sondern die Bauteile der Prototypen nähern sich den Serienteilen immer weiter an. Dadurch reduzieren sich die Kosten der untersuchten Bauteile, die Entwicklungszeiten und damit die Kosten ganz erheblich.« Doch trotz visionärer Perspektiven lässt sich auch in Zukunft glücklicherweise eines nicht simulieren: die Kaufentscheidung des Motorradfahrers. Der allein wird letztlich den Takt der Zukunftsmusik bestimmen.

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