Erinnerung an Robert Craig Knievel (Archivversion) Der echte Evel

Die Welt kennt Evel Knievel als Hasardeur. Gerade weil er kaum einen seiner großen Sprünge gestanden und sich tausend Mal die Knochen zerschmettert hat, gilt er als größter Motorradstuntman aller Zeiten und als Inbegriff des Draufgängers. Für Barry Briggs, selbst mehrfacher Speedway-Weltmeister, war Robert Craig Knievel vor allem eins: ein Freund.

Der Gedanke an Evel Knievel ist für die meisten Menschen der Gedanke an eine Legende, an den wohl bekanntesten Motorradfahrer der Welt. Man kannte seine irren Sprünge, seine großspurigen Posen, seine markigen Sprüche und seinen extravaganten Lebensstil.
Ich begegnete Evel erstmals 1967 in Los Angeles. Auf einer Party stand plötzlich dieser große Elvisartige Typ in der Tür. Seine Präsenz, seine Ausstrahlung war beeindruckend. Jeder im Raum sah zu ihm hin, jeder war für einen Moment still. Ich hatte von diesem Typen gehört, einem Stuntman, der das Publikum für 500 Dollar mit ein paar Sprüngen unterhielt. Was er eigentlich wollte, war ein echter Rennfahrer sein. Talent hatte er, aber gegen die wirklich Schnellen, das wusste er, würde er keine Chance haben.

Und doch dachte er ständig daran, mal ein richtig großes Ding zu machen. 1967 wurde aus diesem Wunsch ein Plan. Evel liebte Las Vegas und die ganze Kohle, die dort in der Luft lag. Irgendwoher hatte er die Nummer des Managers von Caesars Palace, zu jener Zeit eines der besten Hotels am Strip. Über die nächsten Tage und Wochen klingelte ständig das Telefon dieses Managers, und stets hatte er jemanden in der Leitung, der sich als Reporter vorstellte, mal von diesem, mal von jenem Blatt. Alle diese Anrufer wollten nur eines wissen: Wann genau denn dieser Evel Knievel, oder wie auch immer der heiße, mit dem Motorrad über den großen Brunnen vor dem Hotel springen würde? Weichgekocht habe er ihn schließlich, erzählte mir Evel, als er vorgab, vom Sports Illustrated Magazine zu sein. Zumindest klingelte unmittelbar darauf Evels Telefon, und der Geschäftsführer des Caesars Palace meinte, er habe ihm einen tollen Vorschlag zu machen.
Am Silvestertag 1967 beschleunigt Evel eine Triumph T-120 über die Absprungrampe, um 20 Meter hoch und 50 Meter weit über die Fontänen zu fliegen. Und in gewisser Weise ja auch seiner Bestimmung entgegen. Bei der Landung fehlen ihm wenige Zentimeter, er schlägt hart auf und kugelt weiter, als er zuvor gesprungen war. Mit gebrochenem Becken und zertrümmerter Hüfte liegt er einen Monat lang im Koma. Und wird deswegen schnell zum Superstar.
Die Genesungszeit ertrug er nicht geduldig, aber er ertrug sie. Noch auf dem Krankenbett beschäftigte er sich mit einem Einfall, den er mir als famose Idee unterbreitete: Wieso nicht über den Grand Canyon springen? In der Tat beschreibt das ganz gut, wie Evel tickte. Er war einer, der sich fragte, wieso nicht. Und er war einer, der sich nicht unterkriegen ließ. Von nichts und niemandem.
Innerhalb von vier Jahren schaffte es Evel, seine Crash-to-Cash-Bilanz so in Richtung Cash zu verschieben, dass er für den Canyon das nötige Geld zusammen hatte. Just in dem Moment entzog ihm die Regierung plötzlich die Genehmigung für den Sprung wieder. Anstatt die Sache platzen zu lassen und damit vielen Spöttern Recht zu geben, fädelte Evel in Idaho einen Deal ein: Wenn nicht über den Grand, dann würde er eben über den Snake River Canyon springen. Der Ingenieur Bob Traux baute dafür drei Dampfraketen. Die ersten beiden stürzten bei Testflügen überm Canyon ab, die dritte, nur leicht ver-besserte sollte das »Sky Cycle X2« über die Erdspalte schießen.
Am Tag der Wahrheit, dem 8. September 1974, höhnten nicht wenige, die Sache sei ein Bluff, und Evel würde noch einen Rückzieher machen. Er würde nicht. Er ließ sich nichts anmerken, aber ich weiß, dass er mit der Möglichkeit rechnete, dass dies sein letzter Sprung sein könnte. Einige Jahre später hat er mir gestanden, dass er überzeugt davon war, in dieser Rakete zu sterben. Viele sprachen vom Sky Cycle als seinem Sarg.
Unmittelbar bevor er sich auf der 57 Grad steilen Startrampe ins Cockpit helfen lässt, meint er – und immer noch sieht er gefasst, ja unerschüttert aus: »Ich will lieber zerschellen wie ein Meteorit, als irgendwann einfach zu Staub zu zerfallen. Gott hat uns geschaffen, damit wir leben, nicht nur vegetieren. Ich bin bereit.«
Als die Rakete startet, dringt ihm aus Augen, Ohren und Nase das Blut, innerhalb von Sekunden wird er ohnmächtig. Viel zu früh öffnet sich der Fallschirm, und man unterstellt Evel, er habe ihn in Panik ausgelöst. Was er immer bestritt. Wie durch ein Wunder übersteht er den Absturz in den Canyon beinahe unverletzt.
Als er im Mai 1975 auf einer hölzernen Anlauframpe im Londoner Wembley-Stadion seine Harley-Davidson XR 750 antritt, da weiß er genau: Diesmal wird es nicht wieder so glimpflich abgehen. Er überblickt die 13 aneinandergereihten Doppeldeckerbusse und sieht eigentlich ganz ruhig und konzentriert aus. Aber ich weiß, dass es in seinem Kopf rauscht und brummt, dass ihm klar ist, dass er allenfalls eine zwanzigprozentige Chance hat, diesen Sprung heil zu überstehen. Die Mechaniker hatten vergessen, das richtige Ritzel einzupacken. So passte die Übersetzung nicht, und die Absprunggeschwindigkeit würde viel zu niedrig sein. Von den Rängen – das Stadion ist ausverkauft – jubeln ihm die Fans zu. Evel zieht seinen Kinnriemen fest, murmelt »jetzt braucht es Eier« und schickt ein kurzes Stoßgebet gen Himmel. Dann reißt er das Gas auf und springt. »Was hätte ich tun sollen? Den Leuten ihr Geld zurückgeben und sagen: Ich traue mich nicht? Ich konnte die Fans nicht enttäuschen.« Auch das war Evel. Er wusste, was die Fans wollten, und er wusste, was er ihnen schuldig war. Er wollte sie nicht enttäuschen.
Das Unheil schlägt schlimmer zu als erwartet. Nur ein paar Zentimeter fehlen nach 40 Metern, das Hinterrad der Maschine touchiert das Dach des letzten Busses und Evel wird wie eine Puppe über den Lenker auf die Landerampe geschleudert. Mit einem abermals gebrochenen Becken und zahllosen anderen Verletzungen kommt er unter der Maschine zu liegen. Sanitäter wollen ihn auf einer Trage aus dem Stadion bringen. Evel will das nicht. Er kämpft sich auf die Beine, humpelt gestützt auf Helfer zu einem Mikrofon. Als er anfängt zu sprechen, ist es totenstill im Stadion. »Ladies und Gentlemen dieses wundervollen Landes«, beginnt er, »Sie sind die Letzten, die mich je haben springen sehen, denn ich will niemals jemals wieder springen. Ich bin durch damit.«
Es überraschte mich nicht, dass er bereits am nächsten Tag seine Meinung wieder änderte. Schon sechs Monate später wagte er ein Comeback. Mit einem Sprung über 14 Busse. Er konnte die Finger nicht davon lassen. Ich glaube, es lag zum einen daran, dass er sich in dieser Rolle liebte, natürlich, aber zum anderen daran, dass er schlicht und einfach Motorräder liebte.
2003 begleitete ich ihn zu einer Präsentation nach Las Vegas. Harley-Davidson schenkte Evel ein Jubiläumsmodell der Road King Classic. Nachdem der ganze Medienzirkus vorbei ist, lässt Evel die Maschine als erstes mit Chromteilen für mindestens drei Riesen behängen. Er steht in der Werkstatt, sieht den Mechanikern zu und lächelt, wie ich ihn sonst nie habe lächeln sehen. Es ist schon komisch: Da wurde er wer weiß wie oft von solch einem Metallhaufen fast erschlagen, und doch sagte er, er liebe diese Dinger wie ein Teenager. Das muss wohl stimmen. Ich meine, er liebte ja auch eine Menge Frauen, schöne Frauen. Aber von keiner von ihnen hätte er sich auch nur ansatzweise gefallen lassen, was er sich von den Maschinen so alles hat gefallen lassen.
Es waren gleichwohl nicht allein die Unfälle, die Evels Körper geschunden haben. Er hatte mit einigen Krankheiten zu kämpfen, unter anderem Lungenfibrose und schwerem Diabetes, hielt seinen Organismus zuletzt mit 25 Pillen pro Tag am Laufen. Manches Leiden hatte er nicht seinen Stürzen mit dem Motorrad zu verdanken, sondern seinem Lebensstil. Hepatitis C hatte er sich zwar bei einer Bluttransfusion zugezogen. Doch dass er 1999 eine Lebertransplantation benötigte, schrieben die Ärzte eher dem Alkohol zu.
Nicht erst nach seinem letzten Sprung, 1981 in Florida, geriet sein Leben immer wieder aus der Spur. Zahllose Gerüchte ranken sich um sein Privatleben und um die Probleme, die Evel hatte beziehungsweise machte. Um es mal so auszudrücken: Er war sicher kein verkleideter Engel, der am liebsten alten Frauen über die Straße half, und ganz bestimmt gab er sich nie mit einer Nummer kleiner zufrieden, wenn er es auch eine Nummer größer haben konnte. Er war oft engstirnig und setzte sich schlicht über alles hinweg, was ihm nicht passte. Er akzeptierte nicht, was er nicht akzeptieren wollte, ob das mit gesundem Menschenverstand, der Physik, seinem Körper oder seinen Finanzen zu tun hatte. »Ich habe in meinem Leben 60 Millionen Dollar verdient«, sagte er mal, »und ich habe 65 Millionen ausgegeben. Aber, hey, ich will als reicher Mann leben, nicht als reicher Mann sterben.«
Jenseits all dieser Geschichten und Geschichtchen lernte ich ihn als einen Menschen kennen, der sich kurz gefasst vielleicht am besten mit dem Satz beschreiben lässt, den er auf seine Visitenkarte hat drucken lassen. Dort steht: »Du kannst im Leben oft auf die Schnauze fallen. Aber du bist kein Verlierer, solange du versuchst, wieder aufzustehen.«

Evel Knievel starb am 30. November 2007 im Alter von 69 Jahren in seiner Heimatstadt Clearwater/Florida an Lungenversagen.

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