Erstes Anti-Streß-Motorradtraining für Frauen (Archivversion) Angst vorm Fliegen

Streß im Beruf, Freizeitstreß, Streß mit den Männern, Streß sogar beim Motorradfahren. Muß frau sich dann noch den Streß eines Anti-Streß-Seminars exklusiv für bikende Frauen antun? Dagmar Widmann meint: ja.

Brasilianische Klänge sülzen autogenes Training ein. »So, und jetzt läßt du dich ganz einfach fallen«, säuselt Diplompsychologin Elke Radewald. Prima Idee. Klappt aber nicht. Denn ich liege bereits flach. Ein, zum Glück, sehr wohl widerstehlicher Drang, laut rauszulachen, bemächtigt sich meiner. Die Stimmung steigt dennoch rapide. Weil Elke sich nicht mit wirren Gewändern umhüllt, weil niemand Hare Krishna summt und auch keine dieses mystische Om, Om, Om brummt. Losbrummen wollen wir eh erst später. Vor die Ausfahrt hat Elke nämlich die Theorie gesetzt. Also Probleme erstens suchen, zweitens finden, drittens lösen. Ersteres und zweiteres klappt einfach spitzenmäßig. »Wie rangiere ich ein Krad, das 130 Kilogramm mehr wiegt als ich?« fragt Karin. Und alle anderen nicken mit. Deswegen, so denke ich mir, sind wir doch zu diesem idyllisch gelegene Naturfreundehaus mit den heimeligen Vierbettzimmern bei Heidelberg hingerauscht. »Wenn ich an einen Motorradfahrer-Treffpunkt ranfahre, werde ich nervös, weil alle hinschauen.« Andreas Komplex wird von allen Teilnehmerinnen geteilt. Problem erkannt, aber noch lange nicht gebannt. Fehlt nämlich noch Punkt drei: Problem lösen Spontane Antwort: einfach nicht hinfahren. Bestechend zwar in ihrer Logik, aber noch nicht ganz überzeugend. Wir bilden Arbeitsgruppen. Elke schaut mal da, mal dort vorbei, und auch Liane, die eine Fahrschule nur für Frauen betreibt, spart nicht mit aufmunternden Tips. »Auch Männer haben Probleme mit dem Motorradfahren, sie wollen es nur nicht zugeben.« Diese Erkenntnis beruhigt ungemein. Freilich nicht jederfrau. Einige hat das lange Quatschen nur noch unsicherer gemacht. Angesichts der bevorstehenden Ausfahrt auf einer mit Kurven gespickten Strecke kommt Nervosität auf. Zwei Mädels verpennen den Start, Fahrlehrerin Liane überschätzt das Fahrvermögen der Anti-Streß-Seminaristinnen und gibt mächtig Gas, worauf die Gruppe kläglich auseinanderbricht. Nach zwanzig Minuten merkt Liane, daß irgendwas schiefgelaufen sein muß. Sie stoppt, aber Claudia checkt das nicht und düst munter weiter. Liane macht sich auf die Verfolgungsjagd. Doch der Vorsprung ist zu groß. Also retour, um die beiden Frauen abzuholen, die bei der Abfahrt stehen geblieben waren. Nach einer kurzweiligen Stunde Wartezeit ist die Gruppe wieder komplett, denn auch Claudia fand irgendwie zurück. Aber jetzt sabotiert eine Yamaha SRX die Tour. Sie will partout nicht anspringen. »Wenn die warm ist, geht gar nichts.« Ein zufällig des Wegs kommender netter Macho sieht das anders, bringt den Single aber lediglich zum Liegen, nicht zum Laufen. Dann reißt zu allem Überfluß auch noch ein Kupplungszug. Den flickt der nette Hans, der einzige Mann, den wir an diesem Wochenende in unserer Nähe dulden. Und das nicht nur, weil er eine typische Frauenrolle einnimmt und uns prima bekocht. Jetzt kann’s endlich an die von allen gefürchteten Spitzkehren gehen. Anfangs fußle ich noch ein wenig, und der immer wieder gehörte Rat, nicht auf den Vorderreifen, sondern auf die Straße zu gucken, scheint irgendwie nicht für mich, sondern für die Katz zu sein. Aber das gibt sich, ich werde immer besser, fühle mich sicherer. Eigentlich wußte ich ja schon längst, daß ich ein schräger Typ bin. Nun auch beim Motorradfahrern. Und wovor ich Angst hatte, macht auf einmal einen Riesenspaß. Den läßt sich auch Karin nicht nehmen, obwohl sie in einer besonders hinterhältigen Kurve einfach geradeaus und satte zwei Meter die Böschung hinabdüst. Sie ist geschockt, wir schieben ihr Bike nach oben, sie probiert’s von neuem. Und siehe da: Es klappt. Am dritten und letzten Tag des Seminars ist Land unter. Regen, Regen und nochmals Regen. Da mochte Elke keine streßgeplagten Motorradfahrerinnen vor die Haustür jagen. Also gibt’s Manöverkritik am ersten Anti-Streß-Training für Frauen. Lustig war’s und die Stimmung prima, allen kleinen Mißlichkeiten zum Trotz. Theorie gebongt, an der Praxis, jener demnächst sicher sagenumwobenen Ausfahrt, darf ruhig noch ein bißchen gearbeitet werden. Mir, als alleinstehender Langschläferin, gefällt besonders, daß ich mich zum Frühstück an einen gedeckten Tisch setzen durfte. Schön, daß es eine notorische Frühaufsteherin mit ausgezeichneten kaffeekocherischen Qualitäten unter den Teilnehmerinnen gab. Das Essen schmeckte ausgezeichnet, ob allerdings nach dem Frühstück um neun schon um zwölf das Mittagessen und am Abend dafür gar nichts gereicht werden muß, ist, mit Verlaub, zumindest diskussionsbedürftig. Wenngleich die abendliche Tour zur ferngelegenen Pizzeria mit Vier Jahreszeiten für alle ihren ganz besonderen Reiz hatte. Auf der machten sich nämlich Serpentinen en masse schmal. Aber irgendein kluger Kopf hat, glaub’ ich, mal gesagt: Übung macht die Meisterin. Und wenn frau dabei kräftig einen ablachen kann, ist das die beste Therapie gegen Streß. Übrigens nicht nur beim Motorradfahren.

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