Europäischer Servicetechniker Motorrad (Archivversion) EU-Erweiterung

Die EU erhöht nicht nur die Zahl ihrer Mitglieder, sie schraubt auch die Anforderungen an
Motorräder höher. Damit die sauberer laufen, wird immer mehr Elektronik hineingepackt. Und
wenn sie nicht mehr laufen, braucht es Leute, die sich damit auskennen – die ESTM.

Der Fortschritt europäischer Integration beginnt manchmal mit den Elektronikproblemen einer BMW. »Wenn ich in Tschechien mit der in die Werkstatt komme, laufen mir die
Monteure weg.« So beklagte sich ein Prager Konsul auf der Münchner Messe Intermot bei Jürgen Hunkeler. Da kam er
an den Richtigen. Hunkeler ist stellvertretender Leiter des Berufsbildungs- und Technologiezentrums Frankfurt. Eine Schwäche
für Motorräder hat er auch. Und er schob was an: Dem Konsul werden die Mechaniker demnächst nicht mehr davonlaufen.
Tschechien ist eines der Länder, die sich an der Entwicklung des »Europäischer Servicetechniker Motorrad«, kurz ESTM, beteiligen, zusammen mit Deutschland, Österreich, Irland, Ungarn und Griechenland. Eine auf den ersten Blick seltsame Zusammensetzung. Wer seine Projekte von der EU fördern lassen will,
tut freilich gut daran, sich vorab mit den Gepflogenheiten der Brüsseler Mittelvergabe zu beschäftigen. Hätten die Frankfurter die etablierten EU- und Motorradländer Italien, Frankreich,
Großbritannien und Spanien mit ins Boot genommen, wären ihre Chancen auf Fördergelder geschrumpft. »Dann hätte es geheißen, das beschränkt sich auf Kerneuropa«, sagt Manfred Kaemmerer, fachlicher Koordinator der ESTM-Entwicklungsgruppe.
So aber flossen aus dem Leonardo-da-Vinci-Fonds, mit dem Initiativen im Bereich gewerblicher Bildung unterstützt werden, eine halbe Million Euro. Hauptargument der Befürworter: Die Politik verordnet immer heftigere Schadstoff- und Geräuschgrenzwerte, die von der Industrie nur mit hohem technischen Aufwand einzuhalten sind. Für den Mechaniker bedeutet das, dass er mit den modernen Maschinen nur noch klarkommt, wenn er seine Qualifikationen erweitert. Er muss das elektronische Motormanagement in den Griff kriegen und mit den entsprechenden Diagnosegeräten so sicher umgehen können wie mit dem Drehmomentschlüssel.
Der ESTM kann das, ein für alle Partnerländer verbindlicher Lehrplan wurde unter Federführung der Handwerkskammer Rhein-Main gemeinsam erarbeitet. In Deutschland ist dieser Abschluss bereits zertifiziert, allerdings noch nicht bundeseinheitlich abgesegnet. Dafür müssten, referiert Dr. Ingeborg Braunmiller, Managerin des ESTM-Projekts, an mindestens fünf Kammern Kurse
mit insgesamt 500 Teilnehmern gelaufen sein. Bislang ist das nur in Frankfurt passiert, Düsseldorf und Schweinfurt haben Interesse bekundet. Außerdem soll, laut Kaemmerer, »der ESTM als Teil der Meisterprüfung anerkannt werden«.
In anderen Teilnehmerländern ist man noch nicht so weit. In
Irland zum Beispiel. »Bei uns gibt es den Beruf des Motorradmechanikers gar nicht«, erzählt Brian Mc Dermott bei der
Abschlusssitzung der Arbeitsgruppe in Frankfurt, »auf vier Millionen Einwohner kommen etwa 10000 Motorräder. Unsere Mechaniker sind normalerweise Enthusiasten aus dem Autobereich, die sich ihre Kenntnisse selbst aneignen. Wir müssen bei Null anfangen, erst mal die Ausbilder selbst ausbilden.« Dazu kommt, dass viele Händler und Werkstätten Kleinstbetriebe sind mit ein, zwei Angestellten. »Wen sollen die denn zur Weiterbildung abstellen? Wir müssen die Einstellung zu diesem Beruf grundsätzlich verändern.« Nicht schlecht wäre es auch, wenn sich die Einstellung der irischen Importeure änderte. »Null Unterstützung«, klagt Mc Dermott. Der immer wieder große Augen bekommt, sobald er die Werkstatträume der Frankfurter Schule betritt: Spezialwerkzeuge aller wichtigen Hersteller, viele gängigen Motorräder, Leistungsprüfstand und Diagnosetechnik. Die Geber wissen: Ihre Spende zahlt sich aus. Was die Azubis und Meister in spe in den Kursen der Handwerkskammer lernen, müssen sie ihnen nicht mehr selbst beibringen.
An der Wiener Siegfried-Marcus-Berufschule herrschen ähnlich optimale Verhältnisse. Dort lief von Oktober 2003 bis Februar 2004 der österreichische Pilotkurs. »Leider haben wir noch keine Zertifizierung, dazu ist eine Gesetzesänderung nötig«, sagt Lehrer Lorenz Schertler. Seine Kollegen in Irland, Griechenland, Tschechien oder Ungarn plagen ganz andere Sorgen: landesweit überhaupt erst den Kenntnisstand zu erreichen, auf dem der ESTM aufbaut. Deshalb haben Kaemmerer und Co die Ausbildung in zwei Module gegliedert. Modul 1 soll ein vergleichbares Basiswissen schaffen, europäischen Niveauausgleich sozusagen. Darauf baut Modul 2, die eigentliche Spezialisierung, auf.
Gegenüber der Entwicklung der Module und der Zertifizierung auf nationaler Ebene dürfte die Vermittlung der Inhalte das kleinere Problem darstellen. In allen Partnerländern gehören die teilnehmenden Schulen zu den besten. »Unser Partner in Ungarn etwa arbeitet eng mit dem MotoGP-Team von Petronas zusammen«, lobt Kaemmerer die Kollegen. Außerdem haben die Verantwortlichen großen Wert auf das Thema E-Learning gelegt, das computerunterstützte Lernen. Über eine Plattform im Netz (www.estm.org) werden die Schüler sich austauschen, Testbögen herunterladen und auf Begleit- und Lehrmaterial zugreifen
können. Da ließe sich dann auch nachschlagen, wenn ein Prager Konsul in die Werkstatt kommt und ein Elektronikproblem mit
seiner BMW hat.

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